Stand: 06.05.2018 09:10 Uhr

Tante Emma erlebt ein Revival - nur viel größer

von Lina Bande

Eine Gaststätte gibt es schon lange nicht mehr. Bäcker und Schlachter müssen schließen, Geld gibt es mit Glück noch am Bankautomaten. Und Lebensmittel kann man im großen Supermarkt kaufen - kilometerweit entfernt im Industriegebiet. So oder so ähnlich ist die Entwicklung in vielen Dörfern, nicht nur in Niedersachsen. Vor allem für ältere Menschen ist das ein Problem: Viele sind nicht mehr mobil und auf Hilfe im Alltag angewiesen. Und die jungen Leute ziehen lieber in die nächste Stadt. Dort gibt es immerhin alles. In vielen Dörfern werden die Bürger deshalb selbst aktiv. Sie sammeln Startkapital, organisieren Immobilien und Lieferanten - und gründen und betreiben ihren eigenen Dorfladen.

In Mariensee bauen die Bürger ihren eigenen Dorfladen.  Fotograf: Lina Bande

Ein Laden für Mariensee

Weil es in Mariensee keine Einkaufsmöglichkeit mehr gibt, baut eine Initiative dort ihren eigenen Dorfladen. Damit sind sie nicht alleine: In vielen Dörfern werden die Menschen selbst aktiv.

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Jahrelanger Einsatz für einen Laden

In Mariensee bei Neustadt am Rübenberge (Region Hannover) haben die Einwohner gerade Richtfest am neuen Dorfladen gefeiert. Schon seit rund acht Jahren gibt es in dem 1.100-Einwohner-Dorf keine Einkaufsmöglichkeit mehr. Fünf Kilometer sind es bis zum nächsten Supermarkt. "Aber da fährt auch kein Bus hin", erzählt Nadja Bolte. Sie hatte vor vier Jahren die Idee, einen Laden in Mariensee zu eröffnen. 282 stille Gesellschafter haben sie und ihre Mitstreiter seitdem überzeugt, Anteile im Wert von mehr als 77.000 Euro verkauft - als Startkapital. Dazu kommen 100.000 Euro Förderung aus dem EU-Leader-Programm, die Stadtverwaltung Neustadt gibt noch einmal 25.000 Euro dazu. Die Region Hannover förderte die Machbarkeitsstudie im Vorfeld mit 10.000 Euro. Außerdem hat die Initiative einen Kredit in Höhe von 270.000 Euro aufgenommen - das ergibt ein Budget von fast einer halben Million Euro.

Bürger dürfen mitbestimmen

Mitten in dem kleinen Ort wird nun gebaut, 130 Quadratmeter Ladenfläche sind geplant. Dazu kommen ein Bistro und Kundentoiletten, die auch von außen begehbar sind. Das wäre vor allem für die Besucher des angrenzenden Friedhofs von Vorteil, meint Sandra Diedrichs, Vorsitzende des Beirats. Im Vorfeld hatte es eine Bürgerbefragung gegeben, um herauszufinden, ob überhaupt Bedarf für einen Laden besteht und welche Einrichtungen die Einwohner gerne hätten. Immerhin gibt es in Mariensee derzeit noch Bäcker, Blumenladen, Bankfiliale und Frisör. Aber die Nahversorgung fehle einfach. "Und es geht eben auch um den Treffpunkt", so Bolte.

Bundesvereinigung hilft bei Gründung

Günter Lühning ist Vorsitzender der Bundesvereinigung Dorfläden und Vereinsvorsitzender des Dorfladens in Otersen im Landkreis Verden. Er beobachtet die Entwicklung von bürgerschaftlich organisierten Dorfläden seit Jahren. In seinem Heimatdorf eröffnete schon 2001 ein Dorfladen samt Café, nachdem der letzte Lebensmittelladen schließen musste. Weil immer mehr Dörfer diesem Vorbild folgten, gründete Lühning 2016 die Bundesvereinigung - zum Erfahrungsaustausch und der Interessenvertretung. Auch die Initiative aus Mariensee ließ sich von Lühning beraten. In Deutschland gibt es laut Bundesvereinigung mittlerweile fast 300 solcher Läden. Das sei eine "Gegenbewegung", sagt Lühning: 1970 gab es deutschlandweit noch 160.000 Lebensmittelmärkte, heute sind es weniger als 38.000.

Karte: Dorfläden in Niedersachsen

Großes Sortiment, regionale Produkte

"Die modernen Dorfläden haben mit den Tante-Emma-Läden vergangener Jahrzehnte nicht mehr viel zu tun", betont Lühning. 1.500 bis 3.000 verschiedene Artikel auf bis zu 200 Quadratmetern Verkaufsfläche sind keine Seltenheit. Und die Läden entwickeln sich durch integrierte Cafés, Dorfgemeinschaftsräume, Post- und Lottostellen zum "Lebensmittelpunkt für die Menschen aus allen Generationen im Dorf", sagt der Vorsitzende. Entscheidend für Umsatz und Unternehmenserfolg sind laut Lühning unter anderem Molkereiprodukte, Backwaren und Tiefkühlkost. Außerdem sind Fleisch- und Wurstwaren sowie Käse von der Frischetheke häufig gewünscht - und Produkte aus der Region.

Viele Faktoren sorgen für Erfolg

Damit sich so ein Laden trotz des großen Sortiments rentiert, sei eine angemessene betriebswirtschaftliche Führung unbedingt erforderlich, sagt Lühning. "Sozialromantik hilft beim Dorfladen-Betrieb nicht weiter." Und die Dorfbewohner sind entscheidend für den Erfolg eines Dorfladens: "Wenn die Dorfgemeinschaft nicht ausreichend zusammenhält und die Bürger den Mehrwert eines Dorfladens vor Ort nicht wertschätzen, dann wird es schwierig", berichtet Lühning. Standort des Ladens, Lieferanten und auch das Personal spielen ebenso eine Rolle.

Berufserfahrung und ein guter Standort

In Mariensee ist vieles davon erfüllt: Der Laden wird an der Hauptstraße gebaut, für den Verkauf sollen gelernte Einzelhandelskaufleute mit viel Berufserfahrung angestellt werden. Lieferanten werden derzeit noch gesucht, aber bis zur Eröffnung im Herbst 2018 ist ja auch noch Zeit. Wichtig ist für Nadja Bolte aber vor allem eines: "Wir brauchen Herzblut, ganz viel Herzblut!"

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

Regional Osnabrück | 15.07.2017 | 15:20 Uhr

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