Stand: 07.05.2020 07:37 Uhr  - NDR 1 Niedersachsen

Weiterhin kritische Corona-Lage in Heimen

von Christoph Heinzle
Besuch allenfalls am Balkon: Die 180 Bewohner der Seniorenresidenz Brockenblick dürfen ihre Familienangehörigen nur aus der Ferne sehen.

Während sich die Corona-Lage in Deutschland insgesamt weiter entspannt, bleibt die Entwicklung in Heimen besorgniserregend. Nach Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) lebten mindestens 37 Prozent der knapp 7.000 Corona-Toten zuvor in Heimen.

Die Seniorenresidenz Brockenblick liegt zwar nur hundert Meter von der B444 entfernt, aber trotzdem idyllisch am Rand des niedersächsischen Dörfchens Gadenstedt bei Peine. Direkt daneben ein Teich, ein kleines Wäldchen und ein weiter Blick über die Frühlingslandschaft Richtung Brocken.

Eingesperrt im Pflegeheim

Hallo Niedersachsen -

Seit Wochen herrscht in Pflegeheimen Besuchsverbot. Eberhard Rusch (84) durfte sein Zimmer sechs Wochen lang nicht verlassen. Hans-Peter Daub von der Dachstiftung in Interview.

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Besuch auf Distanz

Am Zaun des Pflegeheims steht ein Mann um die 50, ruft über eine Distanz von gut und gern 20 Metern hinauf zu einer grauhaarigen Dame auf einem der Balkone des gelb getünchten Gebäudes. Es ist seine 82-jährige Mutter, die der Sohn schon seit mehr als sechs Wochen nicht mehr persönlich treffen durfte - wie in allen Heimen gibt es auch hier ein Besuchsverbot. "Über den Zaun rufen, das ist nicht schön", sagt er. Man hätte doch etwa ein Fenster einrichten können, an dem man mit eineinhalb Metern Abstand mit seinen Angehörigen im Heim sprechen könnte, meint er. "So ist das sehr unpersönlich und die Leute vereinsamen halt auch."

Rasche Quarantäne und Tests für alle

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Man habe "sauber die Infektionsketten abarbeiten" können, so Landkreissprecher Laaß.

Der Mann, der anonym bleiben will, macht sich seit Wochen Sorgen um seine demente Mutter. Denn in der Seniorenresidenz haben sich bereits 26 Bewohner und 11 Beschäftigte mit dem Coronavirus infiziert. Der erste Fall wurde Ende März bestätigt, sagt Fabian Laaß, Sprecher des Landkreises Peine. "Zunächst einmal wurden alle Bewohner isoliert und blieben auf ihren Zimmern in Quarantäne", so Laaß. Dann habe das Gesundheitsamt alle Bewohner und Mitarbeiter getestet, "egal, ob sie Symptome hatten oder nicht".

Trotz schneller Reaktion sieben Todesfälle

Eine schnelle und - nach Darstellung von Heimbetreiber und Kreis - problemlose Zusammenarbeit, die aber die Infektionswelle bestenfalls bremsen konnte. "Das lässt sich leider auch in solchen Heimen nicht immer vermeiden", erklärt Landkreissprecher Laaß.

"Das hat man ja in anderen Fällen auch gesehen, dass sich das rasend schnell ausbreitet. Und bei uns konnten wir das bei 180 Bewohnern und Mitarbeitern mit 37 Fällen eigentlich gut im Rahmen halten und sauber die Infektionsketten abarbeiten." Kreissprecher Laaß

Sieben Bewohner der Seniorenresidenz sind bisher dennoch gestorben. Damit ist das Heim der Hotspot im Landkreis Peine.

Mehr als ein Drittel aller Verstorbenen in Heimen

In vielen anderen Regionen sieht es ähnlich aus, erläuterte am Dienstag Lothar Wieler, der Präsident des Robert Koch-Instituts: "Nach den Erkenntnissen, die uns vorliegen, sind es etwa ein Drittel der Fälle, die uns bekannt sind, die im Zusammenhang mit diesen Einrichtungen stehen." Eine Formulierung, die das ganze Ausmaß des Dramas nicht erkennen lässt. Tatsächlich lebten mindestens 2.500 der Verstorbenen in Heimen - das sind 37 Prozent aller Toten.

Meldedaten sind unvollständig

Dabei werden Einrichtungen der Altenpflege, aber auch in Obdachlosenunterkünften, Asylheimen und Gefängnissen in der Statistik zusammengenommen. Das Gros machen laut RKI aber Altenheime aus. Der Anteil der Heimbewohner an den 7.000 Coronatoten in Deutschland dürfte aber noch höher liegen, näher bei 50 Prozent. Denn die Daten sind oft unvollständig und nicht aussagekräftig.

"Das liegt daran, dass die Meldedaten das zum einen nicht in der Detailtiefe hergeben. Und zum anderen, dass die Gesundheitsämter eben nach wie vor dabei sind, diese Ausbrüche zu bekämpfen und noch nicht dazu gekommen sind, viele dieser Ausbrüche auch adäquat zu dokumentieren und zu publizieren." RKI-Präsident Lothar Wieler

 

Dramatischer Anstieg wäre schon Mitte März erkennbar gewesen

Das RKI veröffentlicht die Daten erst seit zwei Wochen. Und seitdem erst stehen sie auch Politikern und Krisenstäben zur Verfügung. Die verpassten deshalb konkrete Informationen zu einer rasanten Entwicklung, die damals erst allmählich durch einzelne spektakuläre Fälle von Masseninfektionen in Heimen sichtbar wurde. Ende März nämlich verdreifachten und vervierfachten sich die Zahlen der Neuinfizierten in Heimen im Wochentakt. Das zeigen Daten, die das RKI am Dienstagabend erstmals veröffentlichte: Jeder fünfte der erkrankten Bewohner starb demnach an oder mit dem Virus. Und immer noch liegen fast 3.000 im Krankenhaus.

Belastende Situation in Gadenstedt

Für Bewohner, Angehörige und Beschäftigte der Seniorenresidenz Brockenblick eine schwierige Situation, auch wenn es derzeit hier keinen aktiven Coronafall mehr gibt. Die Heimleitung war nicht zu einem Interview bereit. Betreiber Mediko teilte NDR Info aber schriftlich mit:

"Die Situation ist für alle belastend. Die Gesellschaft geht auf Distanz zueinander. Das ist in der Pflege nur eingeschränkt umsetzbar. Wir kümmern uns um Menschen und kommen Ihnen auch nahe. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind sehr motiviert und gehen professionell, ruhig und besonnen mit der Situation um." Heimbetreiber Mediko

Angst um Angehörige im Heim

Angehörige wie der Sohn der 82-jährigen Demenzkranken auf dem Balkon haben schlicht Angst, dass noch mehr passieren könnte. Dabei hatte er zunächst weniger Bedenken. "Ich war der Meinung, dass die eigentlich relativ früh dicht gemacht hatten - und war eigentlich dann auch sehr überrascht, dass es dann doch passiert war."

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Christoph Heinzle, NDR Info

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 06.05.2020 | 11:00 Uhr

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