Stand: 05.10.2018 17:07 Uhr

Urteil: Kein Lebenslang im Höxter-Prozess

Nach fast zwei Jahren und insgesamt etwa 60 Verhandlungstagen hat der Mordprozess am Landgericht Paderborn ein Ende: Angelika W. wurde am Freitag zu 13 Jahren Haft verurteilt, ihr Ex-Mann Wilfried W. zu elf Jahren. Er soll in der Psychiatrie untergebracht werden. Das Paar hatte jahrelang Frauen mit Kontaktanzeigen in sein Haus in Höxter (Nordrhein-Westfalen) gelockt und misshandelt. Zwei Opfer aus Niedersachsen starben an den Folgen.

Straftäter auf der Anklagebank.

"Horrorhaus" in Höxter: 13 und 11 Jahre Haft

Hallo Niedersachsen -

Ein Paar aus Höxter ist zu langen Haftstrafen verurteilt worden. Die Angeklagten hatten über Jahre mehrere Frauen misshandelt und gequält, zwei Opfer aus Niedersachsen starben.

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Wilfried W. ist vermindert schuldfähig

Die Angeklagten wurden wegen Mordes durch Unterlassen und versuchten Mordes verurteilt. Im Strafmaß folgte das Gericht der Staatsanwaltschaft und den Nebenklägern nicht - sie hatten jeweils lebenslange Haftstrafen gefordert. In seiner Urteilsbegründung sagte der Richter, die Kammer habe bei Angelika W. von einer lebenslangen Haft abgesehen, weil sie umfassend ausgesagt und zur Aufklärung beigetragen habe. Wilfried W. sei vermindert schuldfähig. Deshalb komme bei ihm lebenslänglich nicht in Frage.

Verteidiger von Angelika W. wollten Freispruch

Die Verteidiger hatten zuvor deutlich niedrigere Strafen gefordert. Für Wilfried W. plädierten sie auf sieben Jahre und sechs Monate Haft wegen versuchten Mordes. Grund sei seine verminderte Schuldfähigkeit. Die Anwälte von Angelika W. forderten Freispruch. Es mangele an Beweisen für Mord durch Unterlassen. Staatsanwaltschaft, Verteidiger und Nebenkläger zeigten sich dennoch mit dem Urteil zufrieden, wollen eine mögliche Revision aber noch prüfen.

Entschuldigung von Angelika W.

Am letzten Prozesstag hatten sich die Angeklagten Wilfried W. und seine Ex-Frau Angelika W. ein letztes Mal geäußert. Dabei entschuldigte sich die angeklagte Frau erstmals: "Ich möchte mich in aller Form bei allen Frauen entschuldigen, denen ich Leid angetan habe", sagte sie. Bereits am vorletzten Prozesstag hatte sie gesagt: "Wenn ich Mitgefühl empfinden könnte, wäre das wohl alles nicht passiert."

Wilfried W.: "Therapie wäre nicht schlecht"

Wilfried W. sagte: "Ich wusste nicht, was richtig oder falsch ist. Deswegen wäre eine Therapie gar nicht so schlecht." Mit Blick auf seine Ex-Frau fügte er hinzu, dass er für sie keine Worte mehr habe. Sie würde lügen. "Ich kann nur sagen, da ist nichts dran." Während des Prozesses hatten sich die beiden gegenseitig schwere Vorwürfe gemacht und sich gegenseitig die Verantwortung zugeschoben. Zwei der Opfer des Paares, Annika W. aus Uslar und Susanne F. aus Bad Gandersheim im Landkreis Northeim, waren an ihren schweren Verletzungen nach den Misshandlungen in Höxter gestorben.

Richter: Susanne F. hätte gerettet werden können

Das Paar hatte eines der Opfer beim Einwohnermeldeamt abgemeldet mit der Information, die Frau sei in die Niederlande gezogen. "Das macht aber keinen Sinn, wenn die beiden nicht mit dem Tod der Frau gerechnet hätten." Die Richter sind überzeugt, dass zumindest Susanne F. mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hätte überleben können, wenn die beiden Angeklagten früher ärztliche Hilfe geholt hätten. Deshalb urteilte die Kammer in diesem Fall auf Mord durch Unterlassen. "Beide wussten, dass Kopfverletzungen besonders gefährlich sind", sagte der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus. "Das ist allgemein bekannt, auch wenn man medizinisch ungebildet ist."

Gutachterin: Keinerlei Mitleid für Mitmenschen

Die Analyse einer Gutachterin bescheinigte Angelika W. Züge von Autismus und keinerlei Mitleid für ihre Mitmenschen. Sie sei hochintelligent und extrem herrsch- und machtbewusst. Wilfried W. dagegen sei, so die Gutachterin, im juristischen Sinne schwachsinnig. Seine Weltsicht sei vergleichbar mit der eines Grundschulkindes. "Schuld oder Verantwortung sind ihm nicht beizubringen", sagte die Gutachterin in ihrer Stellungnahme. Während der Urteilsbegründung wandte er sich wiederholt fragend an seine Anwälte. "Er hat nichts verstanden", sagte sein Anwalt im Anschluss.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 05.10.2018 | 13:00 Uhr

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