Stand: 17.09.2019 12:38 Uhr

Der lange Weg zum neuen Antibiotikum

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Mark Brönstrup sucht am Helmholtz-Zentrum in Braunschweig nach Naturstoffen, aus denen Antibiotika entwickelt werden können.

Mark Brönstrup greift ins Regal, holt einige Petrischalen hervor. Darin wachsen Pilzkulturen. Die Pilze haben Forscher in Ländern wie Kenia und Thailand gesammelt - zum Beispiel im Dschungel. In den Laboren des Helmholtz-Instituts in Braunschweig wachsen sie nun in den Schalen unter optimalen Bedingungen. Die Forscher hoffen, dass hieraus irgendwann neue Antibiotika entwickelt werden können. "Pilze haben sich als ganz ergiebige Produzenten von neuen Antibiotika herausgestellt", sagt Mark Brönstrup. Das allerbeste Beispiel sei das Penicillin.

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Langwierige Suche nach Naturstoffen

Penicillin ist eines der ersten und bis heute bekanntesten Antibiotika. Vor fast 100 Jahren entdeckte der britische Forscher Alexander Fleming die Wirkung dieses Stoffes. Mittlerweile sind Tausende Substanzen aus der Natur bekannt, die eine ähnliche Wirkung haben. Allerdings können nur die wenigsten von ihnen als Medikament eingesetzt werden. Denn häufig töten diese Stoffe nicht nur Bakterien, sondern greifen auch menschliche Zellen an. So können sie etwa die Nieren schwer schädigen. Deshalb versuchen Wissenschaftler weltweit, weitere mögliche Wirkstoffe in der Natur zu entdecken und zu Antibiotika zu entwickeln.

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Pilze produzieren Substanzen, die Bakterien abtöten.

Die große Herausforderung sei es, Stoffe zu finden, die gegen bakterielle Krankheitserreger wirken und gleichzeitig gut verträglich sind, sagt Mark Brönstrup. Im Helmholtz Zentrum in Braunschweig betreiben sie reine Grundlagenforschung, öffentlich finanziert. In ihren Laboren haben die Forscher mittlerweile eine Sammlung mit Tausenden verschiedenen Stoffen aus der Natur - nicht nur von Pilzen, sondern auch von Bakterien. Aber nur die allerwenigsten dieser Substanzen würden jemals als Medikamente infrage kommen, erklärt Brönstrup. Und bis dahin sei es im Zweifel auch noch ein sehr langer Weg.

Vom Reagenzglas bis zu Studien mit Menschen

Neu entdeckte, vielversprechende Stoffe züchten die Forscher zunächst in größerem Maßstab heran. So können sie dann genauer untersucht werden, erklärt Brönstrup, zunächst im Reagenzglas und vielleicht auch schon in ersten Tierversuchen. Die Stoffe werden auch chemisch weiter bearbeitet, damit sie möglicherweise später als Medikamente eingesetzt werden können. "Wir müssen unter anderem auch darauf achten, dass sie an der Stelle im Körper ankommen, wo die Infektion ist", erklärt Brönstrup. So dauert es in der Regel bereits einige Jahre, bis ein Wirkstoff-Kandidat tatsächlich das erste Mal in einer klinischen Studie an Menschen getestet werden kann.

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Kosten von Hunderten Millionen Euro

In einer ersten Phase bekommen dann zunächst einige gesunde Menschen das neue Mittel. Dann wird es bei wenigen Erkrankten getestet und schließlich in sogenannten Phase-3-Studien an Hunderten Patienten. Hier überprüfen die Wissenschaftler die Sicherheit, Qualität und Wirksamkeit des Mittels. Insgesamt dauert die Entwicklung eines Medikaments von der Entdeckung des neuen Wirkstoffs bis zur Markteinführung mindestens zehn bis 15 Jahre, teils sogar noch deutlich länger. Die Kosten liegen bei mehreren Hundert Millionen Euro. Die öffentlichen Fördergelder reichen dafür bei weitem nicht aus.

Antibiotika sind für Pharmakonzerne nicht lukrativ

Deshalb ist es in der Regel nötig, dass große, finanzstarke Pharmakonzerne einsteigen, um die klinische Studien und später auch die Herstellung und den Vertrieb zu finanzieren. Allerdings sind Antibiotika für die großen Unternehmen nicht lukrativ. Sie verdienen mit Mitteln gegen Krebs oder chronische Krankheiten mehr Geld. Mit den umsatzstärksten Medikamenten nehmen die Konzerne mehrere Milliarden Euro pro Jahr ein. Das sei hundertmal mehr als Firmen mit einem neuen Antibiotikum erzielen können, sagt Mark Brönstrup. "Da liegen wir eher so bei 50 Millionen Euro". Deshalb haben die meisten großen Konzerne ihre Antibiotikaforschung gestoppt.

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Vielversprechende Substanzen werden über Jahre getestet und chemisch bearbeitet, ehe sie erstmals einem Menschen gegeben werden.

Es gebe ein Marktversagen, sagt Brönstrup, und damit ein großes Problem im System, das ihm auch Sorgen bereite. Es seien zwar wichtige Initiativen angestoßen worden, um neue mögliche Wirkstoffe zu finden - vor allem im Bereich der Grundlagenforschung. Aber das reicht seiner Ansicht nach nicht aus. Es müsse auch über ökonomische Anreize für die Firmen nachgedacht werden, damit sie wieder in die Entwicklung der Mittel einsteigen.

Suche nach neuen Antibiotika wird nie zu Ende sein

Und es sei wichtig, dass die Förderung der Forschung auch konstant weiter laufe, sagt Brönstrup. Denn die Suche nach neuen Antibiotika höre im Gegensatz zu Mitteln gegen andere Krankheiten nie auf. Denn die Bakterien werden immer wieder resistent werden, auch gegen neue Medikamente. "Das heißt, wir werden nie in eine Situation kommen, in der wir das Problem gelöst und abgehakt haben, sondern wir müssen immer dran bleiben."

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Panorama - die Reporter | 17.09.2019 | 21:15 Uhr

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