Mitarbeiter montieren Kotflügel an einen Volkswagen Golf VII im Karosseriebau im VW Werk. © picture alliance Foto: Julian Stratenschulte

Chip-Mangel: Jeder dritte Autozulieferer plant Stellenabbau

Stand: 06.10.2021 15:31 Uhr

Ein Drittel der Zulieferunternehmen plant wegen des Mangels an Halbleitern den Abbau von Arbeitsplätzen. Auch die Verteuerungen bei Rohstoffen wie Kunststoff und Stahl tragen zu der Krise bei.

von Jörg Ihßen

Das hat eine Umfrage des Arbeitgeberverbandes Niedersachsenmetall ergeben. In Niedersachsen gibt es rund 700 Betriebe, die für die Automobilindustrie Teile fertigen. Mehr als 300.000 Beschäftigte sind hier tätig. Dazu kommen noch einmal rund 100.000 Arbeitsplätze im KFZ-Handwerk oder bei Speditionsunternehmen, die direkt von der Automobilfertigung abhängig sind. Besonders mittelständische Zulieferbetriebe kommen jetzt in eine kritische Situation, in der ein Abbau von Arbeitsstellen oftmals der letzte Ausweg ist. Denn es wird nach Prognosen von VW und Continental eine lange Durststrecke geben: Bis ins Jahr 2023 könnte der Lieferengpass bei Elektronikbauteilen dauern, so die Prognose der beiden niedersächsischen Konzerne.  

Dominoeffekt durch alle beteiligten Zulieferbetriebe

Wenn zum Beispiel allein im Wolfsburger VW-Werk 130.000 Golfmodelle weniger gebaut werden, zieht sich das als Dominoeffekt durch alle beteiligten Zulieferbetriebe. Auch wer nicht direkt Elektronikteile für VW, Daimler oder BMW verbaut, bekommt oft erst am Freitag mitgeteilt, dass für die kommende Woche nur ein Bruchteil der geplanten Lieferung abgerufen wird. Umsätze in Millionenhöhe fallen so kurzfristig aus. Bei laufenden Kosten.

Massive Probleme bei 89 Prozent der Unternehmen

Eine Umfrage des Arbeitgeberverbandes Niedersachsenmetall hat ergeben: 89 Prozent der befragten Mitgliedsunternehmen berichteten von "massiven Problemen". Dabei sind die fehlenden Halbleiter und Chips nicht das einzige Problem. Verschärft wird die bestehende Krise durch rasant anwachsende Verteuerungen bei Rohstoffen wie Kunststoff oder Stahl. Die Unternehmen berichten von Preissteigerungen von durchschnittlich 65 Prozent. Kosten, die sie nicht an ihre Auftraggeber durchreichen können, da diese aufgrund des Produktionsstopps eher Rabatte einfordern. Eine Zwickmühle.

Immer wieder kurzfristige Schließtage

Eine Auflösung dieser Krise ist nicht in Sicht. VW und Conti zum Beispiel haben große Task-Force-Gruppen gegründet, die weltweit Halbleiter aufkaufen und auf ihre Standorte verteilen. Es gäbe aber schlicht zu wenig, um mittelfristig alle Bänder bedienen zu können. Die Konsequenz für Zulieferbetriebe: In den vergangenen Monaten kommt es immer häufiger zu kurzfristigen Schließtagen, berichtet auch die Industrie- und Handelskammer in Niedersachen.

Hausgemachtes Problem der Automobilhersteller

Dass dies auch zum Teil ein hausgemachtes Problem von VW, Daimler und Co. ist, sagen sie allerdings nicht öffentlich. Aber klar ist: Die Autobauer haben im Corona-Tief 2020 zu viele Aufträge für Halbleiter storniert, weil sie mit weniger Autokäufen gerechnet hatten. Die Konsequenzen daraus tragen viele der rund 700 Zulieferbetriebe in Niedersachsen. Die Arbeitgeberseite bei VW will sich nicht zu konkreten Ausfallzahlen in der Produktion äußern. Der Betriebsrat schildert die Situation aber auch hier als "besorgniserregend" und spricht von einem historischen Produktionstief, das es so seit der Nachkriegszeit noch nicht gegeben habe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 06.10.2021 | 08:00 Uhr

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