Stand: 20.11.2018 12:55 Uhr

Im Wangerland wird nicht gemeckert, sondern gemacht!

von Frank Jakobs

Bei der Hörer-Aktion "Nicht meckern, machen!" hat NDR Info Initiativen, Vereine oder Menschen aus dem Norden gesucht, die etwas bewegt und so Dinge zum Besseren verändert haben. Aus den vielen Zuschriften sind sechs Initiativen ausgewählt worden. Gemeinsam mit den vier norddeutschen Tageszeitungen "Hannoversche Allgemeine Zeitung", "Hamburger Abendblatt", "Kieler Nachrichten" und "Ostsee-Zeitung" stellen wir die sechs Projekte vor.

Das kennen sicherlich viele: Irgendwas läuft nicht so, wie es soll. Aber man selber ist dafür gar nicht verantwortlich. Auch nicht dafür, dass sich was ändert. Für kaputte Straßen zum Beispiel. Das muss der Bund machen, das Land, die Stadt oder die Gemeinde. Schließlich zahlen wir ja Steuern dafür. Doch in einem kleinen Dorf in der Nähe von Wilhelmshaven wollten die Bürger nicht mehr warten und meckern. Sie machen es jetzt selbst - und reparieren ihre alte Dorfstraße.

Hand angelegt und Stein abgelegt

Auf der schmalen roten Dorfstraße in Wüppels im niedersächsischen Landkreis Friesland muss man vorsichtig fahren. Denn immer wieder tun sich tiefe Krater an den Seiten auf. Die alten Klinkersteine sind abgesackt, wie Peter Ahmels erklärt. Der ehemalige Landwirt hat seinen Hof an dieser Straße im 30-Einwohner-Dorf. Er zeigt auf tiefe Löcher am Straßenrand. "Hier kann man das ganz gut sehen. Die Steine wandern zur Grabenseite hin und dann entstehen diese großen Fugen. Die Straße wird instabil."

"Da haben wir gesagt, wir reparieren sie einfach selber"

Die Straße muss also repariert werden, bevor sie weiter absackt und die alte Substanz gar nicht mehr gerettet werden kann. Aber die Gemeinde hat kein Geld, könnte höchstens die alte Straße überteeren. Aber das will niemand im Dorf. "Da haben wir gesagt, wir reparieren sie einfach mal selber", sagt Ahmels, der als Erster vom Ehrgeiz gepackt wurde. Keiner der Anwohner kannte sich mit Straßenreparaturen wirklich aus. Entsprechend fielen - anfangs - die Reaktionen der Nachbarn aus. "Die waren schon auch kritisch: 'Wat wullt du daar denn maken?'"

Ob Steine schleppen oder Stullen schmieren: "Jeder hat seine Aufgabe"

Die Dorfbewohner stehen vor einem Schild mit Aufschrift "Wüppels". Im Hintergrund sind ein Feld, Bäume und Häuser zu sehen. © NDR Foto: Frank Jakobs

Dorfbewohner reparieren ihre Klinkerstraße selber

NDR Info - Aktuell -

Kaputte Straßen sollen eigentlich mit unseren Steuergeldern repariert werden. Aber in einem kleinen friesischen Dorf machen es die Einwohner jetzt einfach selbst.

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Auch Nachbar und Landwirt Marco Harms erinnert sich. "Erst waren wir skeptisch, ob das umsetzbar ist. Aber dann kam so nach und nach die Meinung auf, dass man doch mit dabei sein muss." Und sie sind alle dabei, die Wüppelser. Schon drei Mal haben sich die 15 Männer und Frauen für eine Straßen-Reparatur am Wochenende verabredet. "Samstags neun Uhr wird sich getroffen, dann kommen gleich Steine raus, dann fangen die Nächsten damit an, Sand einzufüllen und den abzurütteln." Anschließend würden die Steine wieder reingelegt.

Jeder habe seine Aufgabe, berichtet Cornelia Albrecht Wilms, die auch von Anfang an dabei war. Die Jungen schleppen Steine und schieben Karren und pflastern, die Älteren schmieren Stullen. "Ich glaube, wir haben dadurch ein unheimliches Wir-Gefühl entwickelt. Und ordentlich Spaß hatten wir auch!"

Die Dorfbewohner behandeln ihre reparierte Straße gut

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Peter Ahmels hat mit anderen Dorfbewohnern schon einen großen Teil der Klinkerstraße ausgebessert.

Die ersten drei Straßenabschnitte haben Ahmels und seine Nachbarn jetzt bereits ausgebessert. 15 Meter schaffen sie an einem Sonnabend für ihr Dorf, für sich. Und verhindern damit, dass am Ende eine kostengünstigere Teerstraße durch das Dorf führt. "Ich find' Klinkerstraßen eigentlich von der Haltbarkeit her einzigartig, ähnlich wie die alten Feldsteinwege in der Brandenburger Mark, wo sie seit hundert Jahren unheimlich stabile Straßen haben", sagt Ahmels. Diese nachhaltige und schöne Infrastruktur wollen die Wüppelser erhalten. Deswegen gingen sie auch anders damit um, sagt Ahmels. "Ein Kollege sagte neulich: 'Ich fahr hier mit Bedacht drüber, hebb ik ja sülvst maakt'."

Noch hundert Meter Straße wollen sie schaffen

Fertig ist die Straße noch nicht. Etwa hundert Meter wollen Peter Ahmels und die Wüppelser noch ausbessern. Obwohl es eigentlich gar nicht ihre Aufgabe ist: "So bleibt uns am Ende die teure Neuerstellung erspart und die Gemeinde kann sich jetzt über einen geringen Zuschuss am Ende teure Folgekosten ersparen. Insofern profitieren alle davon." Für den nächsten Arbeitseinsatz an der Wüppelser Klinkerstraße steht die Schubkarre mit Schaufeln schon bereit. Die wird aber erst dann wieder vollgemacht, wenn das Wetter mitspielt. Spätestens im nächsten Frühjahr.

"Nicht meckern, machen!"

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 19.11.2018 | 07:50 Uhr

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