Stand: 18.11.2017 10:05 Uhr

Schulprojekt spürt Spuren jüdischen Lebens nach

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Bei dem Projekt wurden die Biografien von zehn Juden aus Mecklenburg-Vorpommern für den Unterricht aufbereitet - auch die des Kaufhausunternehmers Louis Kychenthal.

Sie waren Direktor einer Straßen-Eisenbahn Aktiengesellschaft, führten ein Kaufhaus, arbeiteten als Ärztin oder ihnen gehörte eine Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen. Sie lebten in Rostock, Grevesmühlen, Dömitz und Pasewalk. Und sie waren Juden. Lehrer aus ganz Mecklenburg-Vorpommern haben Biografien dieser Juden nachgezeichnet, um Kindern und Jugendlichen im Unterricht nahezubringen, wie Juden in Deutschland vor dem Holocaust lebten.

Differenzierten Blick auf jüdisches Leben ermöglichen

Juden seien den Schülern in der Regel eher als eine einheitliche Gruppe von Opfern des Nationalsozialismus bekannt. Die einzelnen Menschen blieben dabei häufig gesichtslos, so die Initiatoren des Schulprojekts. Das biografische Material soll genau diesem Zweck dienen: Es soll unterschiedliche jüdische Identitäten aufzeigen und einen Beitrag dazu leisten, das jüdische Leben in Mecklenburg-Vorpommern differenzierter zu betrachten. Eine vom Bildungsministerium organisierte Lehrerfortbildung zur israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem gab den Anstoß für das Projekt.

Zehn Biografien für den Unterricht

Die Lehrer haben die Lebensläufe von zehn Juden aus Mecklenburg-Vorpommern nachgezeichnet. Im Unterricht können deren Schicksale anhand von Fotos und Dokumenten erzählt werden. Eine dieser Personen ist Max Salomon, der in Grevesmühlen (Landkreis Nordwestmecklenburg) das Kaufhaus Karseboom führte. "Viele Leute haben dort sehr gerne gekauft, weil sie dort die Möglichkeit hatten, auch einmal anschreiben zu lassen. Und vor Weihnachten gab es immer einen großen Spielzeugverkauf. Die Schlange der Leute reichte bis auf den Marktplatz", sagt die Lehrerin Iris Hoffmann-Wiegand.

Das Schicksal einer Grevesmühlener Kaufmannsfamilie

Sie hat sich in den vergangenen zwei Jahren mit der Familie von Max Salomon beschäftigt und kann ihren Schülern im Unterricht nun sowohl darüber berichten, wie der Kaufmann in der Kleinstadt lebte und arbeitete, aber auch, wie es ihm und seiner Familie nach dem Wegzug aus Grevesmühlen 1935 erging: Er zog mit seiner Familie zunächst in die Niederlande, nachdem er einen Teil seines Geschäftes in Grevesmühlen verkaufen musste. Während einer Dienstreise nach England wurden Salomons Frau und die kleine Tochter ins Vernichtungslager Sobibor gebracht, wo sie schließlich umkamen. Salomon selbst emigrierte in die USA, heiratete erneut.

"Für Schüler viel fassbarer"

Eine Tochter aus dieser zweiten Ehe kam einst sogar nach Grevesmühlen, um das alte Haus der Familie zu verkaufen. Von dem Kaufhaus der Salomons hat Iris Hoffmann-Wiegand Fotos von damals und heute. "Das heißt, ich kann mit den Schülern dort hingehen und sagen: Guck mal, da hat er das Spielzeug verkauft. Das ist für die Schüler viel fassbarer als irgendetwas Anonymes zu lesen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 17.11.2017 | 19:15 Uhr

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