Stand: 09.09.2020 11:09 Uhr

"Respeggt": Das Ende des Kükenschredderns?

von Franziska Drewes
Ein männliches Küken sitzt am 30.03.2015 in Leipzig (Sachsen) auf einer Hand in der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig. © dpa - Bildfunk Foto: Peter Endig
Das Töten von männlichen Küken soll aufhören. Verschiedene Verfahren sollen weibliche Hühner noch im Ei von männlichen unterscheidbar machen.

Jedes Jahr werden allein in Deutschland etwa 45 Millionen männliche Hühnerküken kurz nach dem Schlüpfen getötet. Ihre weiblichen Geschwister werden zu Legehennen großgezogen, für die jungen Hähne gibt es wenig Verwendung. Das Bundeslandwirtschaftsministerium in Berlin hatte es sich zum Ziel gesetzt, ab 2020 das routinemäßige Töten männlicher Küken zu beenden. Dafür sollten praxistaugliche technische Verfahren entwickelt werden. Nun gibt es ein erstes marktreifes Verfahren, das das Geschlecht eines Tieres noch im Brutei bestimmt.

Gewebeprobe nach wenigen Bruttagen

Eier liegen auf einer Palette und werden von einem Gerät mit Licht bestrahlt.
Das von Seleggt entwickelte Gerät entnimmt jedem Ei etwas Flüssigkeit. Nun ist es offiziell in Betrieb genommen worden.

Eine Brüterei im niederländischen Arnhem nahe der deutschen Grenze arbeitet bereits mit dem neuen Verfahren. Sie beliefert auch Betriebe in Mecklenburg-Vorpommern, die Legehennen halten. Alle Eier werden dort nach acht oder neun Tagen Brutzeit auf ein geschlechtsspezifisches Hormon getestet, das nur weibliche Küken bilden. Jedem Ei wird durch ein Loch in der Schale etwas Flüssigkeit entnommen, ohne dass das Ei-Innere berührt wird. Das bedeutet: Alle männlich definierten Eier werden aussortiert und später zu Tierfutter verarbeitet. Die weiblichen Eier werden ausgebrütet und die Küken zu Legehennen aufgezogen. Die technische Neuerung wurde vom Kölner Unternehmen Seleggt entwickelt und mit Mitteln des Bundes finanziell gefördert.

Stempel kennzeichnet Respeggt-Eier

Eier
Verbraucher erkennen Eier von Hennen, deren "Brüder" vor dem Schlüpfen aussortiert wurden, am entsprechenden Stempel.

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es mittlerweile vier Legehennenbetriebe, die die sogenannten Respeggt-Hennen halten, teilweise als Freilandtiere. Die Unternehmen befinden sich nach Angaben von Seleggt in Lüblow und Vielank im Landkreis Ludwigslust-Parchim sowie in Woldegk und in Massow an der Mecklenburgischen Seenplatte. Erste Supermärkte bieten diese Eier seit November 2019 an. Zu erkennen sind sie an einem speziellen Stempel mit der Aufschrift "Respeggt". Der Mehrpreis pro Ei beträgt laut Seleggt etwa ein bis zwei Cent. Künftig sollen auch andere kleinere Brütereien von dem neuen technischen Verfahren profitieren.

Deutscher Tierschutzbund lehnt Seleggt-Methode ab

Tierschützer kritisieren das Seleggt-Verfahren: Der Deutsche Tierschutzbund bemängelt, dass das Geschlecht der Küken erst zwischen dem achten und zehnten Bruttag bestimmt wird. Wissenschaftlich ist noch nicht eindeutig geklärt, ob die Embryos dann schon ein Schmerzempfinden haben. Ausgeschlossen wird dies derzeit nur vor dem siebten Bruttag. Deshalb lehnt der Deutsche Tierschutzbund die Seleggt-Methode ab.

Alternativen noch nicht marktreif

Es gibt noch zwei weitere Verfahren, die gerade getestet werden. Beim Spektoskopischen Verfahren werden die Eier etwa vier Tage lang gebrütet. Dann wird ein spezieller Lichtstrahl in das Ei-Innere geschickt, der dann reflektiert und analysiert wird. Die Methode konzentriert sich auf die unterschiedliche Größe der weiblichen und männlichen Geschlechtschromosomen. Der ganze Testvorgang dauert weniger als zehn Sekunden. In großen Anlagen könnten laut Bundeslandwirtschaftsministerium bis zu 40.000 Eier pro Stunde überprüft werden. Wissenschaftler hoffen, dass diese Methode schon bald in großem Maßstab angewendet werden kann. Die Technische Universität München erprobt auch gerade ein Verfahren, bei dem die Eier ab dem fünften Bruttag auf das Geschlecht geprüft werden, die Forscher nutzen dafür die Kernspintomografie (MRT). Damit könnten jährlich etwa 20 Millionen Eier gescannt werden.

Bruderhahn-Initiative ermöglicht Aufzucht männlicher Küken

Hinzu kommt eine letzte Alternative, die bereits im Supermarkt angeboten wird: Bei der sogenannten Bruderhahn-Initiative, die es auch in Mecklenburg-Vorpommern gibt, ist im Eierpreis ein Aufschlag enthalten, mit dem die teure Mast der Legehennen-Brüder mitfinanziert wird und so ermöglicht, dass die männlichen Küken nicht getötet, sondern ebenfalls aufgezogen werden.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Landfunk | 09.09.2020 | 12:00 Uhr

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