Ostseefluchten - Forscher entdecken unbekannte Todesfälle

Stand: 09.08.2021 16:14 Uhr

60 Jahre nach dem Bau der Mauer untersuchen Forscher, wie viele Menschen versucht haben, über die Ostsee aus der DDR zu fliehen und dabei gestorben sind. Bisher können sie 72 Fälle eindeutig belegen.

von Carolin Kock

Die Fluchten über die Berliner Mauer und die Grenze sind mittlerweile gut erforscht - nicht aber die über die "unsichtbare Grenze" Ostsee. Greifswalder Politikwissenschaftler untersuchen noch 60 Jahre nach dem Mauerbau, wie viele Menschen dabei starben. Jahrzehnte später sind wichtige Akten freigegeben worden, sie zeigen bisher unbekannte Schicksale.

Die meisten Fluchten im Spätsommer

In der DDR ist die Urlaubssaison auch Fluchtsaison. Viele Fluchtwillige nutzen die vollen Strände zunächst als Tarnung, um die Umgebung zu erkunden. Doch aktuelle Forschungen zeigen, dass die meisten von ihnen erst im Spätsommer ihre Flucht antreten: "Die Ostsee war noch aufgeheizt vom Sommer, die Herbststürme haben noch nicht eingesetzt, gleichzeitig war aber die Grenzsicherung nicht mehr so stark, weil die Urlaubssaison vorbei war. Deshalb haben wir von August bis Oktober die meisten Todesfälle zu beklagen", weiß Merete Peetz vom Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Greifswald. Gemeinsam mit Jenny Linek und Henning Hochstein rollt sie seit 2019 alle Todesfälle neu auf. Das Greifswalder Projekt ist Teil eines vom Bund geförderten Forschungsverbundes mit der Freien Universität Berlin und der Universität Potsdam zur Klärung von Todesfällen und Schicksalen.

Private Forschung ermittelte 189 tote DDR-Flüchtlinge

Seit dem Mauerfall hatten Christine Vogt-Müller und ihr früherer Ehemann Bodo Müller zahlreiche Geschichten von Ostseefluchten recherchiert. Damals waren sie die ersten, die die Tagesberichte der "Grenzbrigade Küste" einsehen konnten, in denen viele Fluchtversuche verzeichnet sind. Ob Spuren im Sand oder Kleidung in den Dünen - jeder Hinweis wurde akribisch vermerkt. Die Staatssicherheit versuchte, bei jeder Wasserleiche einen möglichen Fluchtversuch nachzuweisen. Christine Vogt-Müller ermittelte auf diesem Weg 189 Todesfälle, 913 erfolgreiche Fluchten und 4.522 Festnahmen. Sie recherchierte vor allem aus persönlichem Antrieb, denn auch sie versuchte, mit ihrer Familie über die See aus der DDR zu fliehen. "Ich kann es bis heute überhaupt nicht verstehen, wenn Leute sagen, es sei doch in der DDR nicht so schlimm gewesen. Jede Flucht zeigt, was für ein hohes Gut die eigene Selbstbestimmung ist." Nach Vogt-Müllers Recherchen versuchten immerhin rund 5.600 Menschen der DDR über die gefährliche Ostsee zu entfliehen: schwimmend, in Schlauch- und Faltbooten, mit selbst gebauten Aqua-Scootern oder gar U-Booten.

Kreisarchiv Grevesmühlen offenbart bisher unbekannte Totenscheine

Für die Greifswalder Forscher waren Vogt-Müllers Zahlen und Dokumente eine wichtige Grundlage - trotzdem haben sie noch einmal ganz von vorn angefangen: "Viele Akten waren damals noch unsortiert und heute kommen wir mit einem systematischen Rechercheauftrag viel besser voran", sagt Henning Hochstein. Diese Suche beginnt zunächst in den Sterberegistern der Standesämter, denn das Forschungsteam sucht nach Todesfällen durch Ertrinken und Wasserleichen. Als wahrer Glücksfall hat sich eine Anfrage beim Kreisarchiv Grevesmühlen erwiesen. Hier lagern sieben Meter Akten mit bisher unbekannten Totenscheinen von 1959 bis 1990. Diese enthalten neben Namen und Wohnort vor allem auch die Todesursachen. Erst vor Kurzem wurden die Totenscheine durch das Gesundheitsamt freigegeben. Als die Greifswalder in Grevesmühlen anriefen, war noch nicht entschieden, ob sie archiviert oder vernichtet werden. So konnten die Forscher sie erstmals auswerten. Dreizehn Ertrunkene können sie aus diesen Akten ermitteln und damit auch dreizehn potenzielle Flüchtlinge: "Selbst wenn sich nur fünf oder sechs Fälle daraus bestätigen, das wären Ergebnisse, die wir nicht hätten, wenn die Akten vernichtet worden wären", so Jenny Linek.

Unfall oder Fluchtversuch?

Ein Totenschein allein reicht den Greifswalder Forschern jedoch nicht. Sie müssen herausfinden, ob das Ertrinken ein Unfall oder tatsächlich ein Fluchtversuch war. "In vielen Fällen, die wir ausgeschlossen haben, sind Personen betrunken ins Hafenbecken gefallen. Deshalb brauchen wir noch andere Hinweise", sagt Henning Hochstein. Die suchen er und seine Kolleginnen in Berichten der Volkspolizei, in Stasi-Akten und mithilfe von Zeitzeugen. Mehr als 600 Wasserleichen haben sie untersucht, bei 72 davon konnten sie bislang zweifelsfrei einen Fluchtversuch belegen. Bei 36 Todesfällen sind sich die Forscher sicher, dass es sich um einen Fluchtversuch handelt, ohne dass jedoch eine Leiche gefunden wurde. Bei 104 Wasserleichen haben sie Anhaltspunkte auf eine Flucht, aber noch keinen Beleg. 

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Jede Geschichte soll erzählt werden

Durch die Aktenrecherche sind die Forscher auch auf bisher unbekannte Fälle von Ostseefluchten gestoßen. Manchmal braucht es dafür aber eben auch Glück: "Ein Archivmitarbeiter hat mir im Gespräch erzählt, dass sein Nachbar über die Ostsee geflohen ist", sagte Merete Peetz. "Den Namen kannten wir bis dahin noch nicht. In den Totenscheinen aus Grevesmühlen stießen wir dann auf einen Verweis auf ihn und einen Fluchtbegleiter. Beide wurden am Klützer Winkel gefunden." Jeder Fall, den die Greifswalder belegen können, ist für sie ein neuer Fall. Oft können sie aber auch bei bislang nachgewiesenen Todesfällen erstmals Biografien vervollständigen und erfahren mehr über die Fluchtmotive.

Zwei schlichte Postkarten

So hat Henning Hochstein im Zuge des Projektes zum ersten Mal Manfred Burghardt besucht. Sein Bruder Karl-Martin Burghardt, geboren 1944 im sächsischen Kittlitz, unternimmt mit 23 Jahren seinen ersten Fluchtversuch über die Landgrenze - und wird gefasst. Der Ausreiseantrag, den er noch während seiner Haft stellt, wird abgelehnt. Karl-Martin Burghardt gilt als sehr guter Schwimmer und reist im August 1970 an die Ostsee. Vom Darß aus versucht er offenbar zur dänischen Insel Falster zu schwimmen. Einige Wochen später wird seine Leiche auf Bornholm geborgen. Sein letztes Lebenszeichen kommt aus Dierhagen - in Form zweier knapp gefasster Postkarten an seinen Vater und eine Freundin. Das Wetter sei gut und die Ostsee kalt.

Zeitzeugen werden rar

Die Forschung der Greifswalder Wissenschaftler ist nach jahrzehntelangen offenen Fragen auch von unschätzbarem Wert für die Angehörigen der Toten und Vermissten. Und auch für die Wissenschaftler sind die Gespräche wie mit Manfred Burghardt alles andere als alltäglich. Um ihre Familien zu schützen, erzählen die meisten Flüchtlinge damals nichts von ihrem Plan, die DDR zu verlassen. Die Stasi suchte im Umfeld der Flüchtlinge stets nach möglichen Mitwissern. "Für ihre Familien verschwinden die Flüchtlinge einfach. Ein paar lapidare Abschiedsgrüße sind alles, was sie haben. Manche denken, dass ihre Angehörigen noch leben." Auf Zeitzeugen zuzugehen sei deshalb schwierig, sagen die Forscher und hoffen deshalb, dass sich einige noch von selbst bei ihnen melden.

Das Greifswalder Forschungsprojekt zu Todesfällen bei Ostseefluchten läuft noch bis Oktober 2022.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 09.08.2021 | 16:05 Uhr

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