Stand: 25.07.2018 14:33 Uhr

Logo, Physio, Ergo: Keine Termine, kein Nachwuchs

von Louisa Maria Giersberg

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Etwa 24.000 Euro hat ihre Ausbildung gekostet: Sarah Strahl leitet zwei Logopädiepraxen in Satow und Kühlungsborn.

"Die Situation wird zunehmend kritisch", sagt Sarah Strahl. Die Logopädin leitet zwei Logopädiepraxen in Kühlungsborn und Satow mit sechs Mitarbeiterinnen. Neue Leute zu finden, sei mittlerweile fast unmöglich erzählt sie.

"Für das Gehalt gehe ich nicht mehr arbeiten"

"Es gibt immer mehr Leute, die sich gegen den Beruf entscheiden. Die den Beruf gelernt oder sogar studiert haben, aber sagen, für das Gehalt gehe ich nicht mehr arbeiten - das lohnt sich nicht. Ich lerne noch mal was ganz anderes und verdiene als Quereinsteiger genauso viel oder sogar besser für eine weniger anstrengende Arbeit. Aber es gibt auch immer weniger Leute, die den Beruf überhaupt ergreifen wollen, die sich nach dem Schulabschluss entscheiden, hey ich werde Logopäde." An die letzte Initiativbewerbung kann sie sich nicht mehr erinnern. Eine junge Kollegin eröffnete ihr nach nur einem Jahr, doch lieber etwas anderes machen zu wollen. Der Hauptgrund: die schlechte Bezahlung.

Physiotherapeutische Praxis

Physiotherapie: Wenig Gehalt, kaum Nachwuchs

Nordmagazin -

Physiotherapeuten und andere Heilmittelerbringer werden nicht nur schlecht bezahlt, ihre Ausbildung ist zudem teuer. Die Folge: Es wird immer schwieriger, Nachwuchs zu finden.

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Teure Ausbildung - geringes Gehalt

Sarah Strahl zahlt ihren Mitarbeiterinnen 2.000 Euro brutto. Mehr sei nicht drin, sagt sie. Für 45 Minuten Therapie bekommt Sarah Strahl von der AOK Nordost 38,60 Euro, für einen Hausbesuch sechs Euro mehr. Dieser kann auch mal 25 km entfernt liegen. Bis vor kurzem musste sie neben der Miete für die beiden Praxen, den Gehältern und anderen laufenden Kosten noch ihren eigenen Studienkredit abbezahlen. Denn wie bei allen Heilmittelerbringern ist es üblich, nicht nur keine Ausbildungsvergütung zu erhalten, sondern auch noch Schulgeld zu zahlen. Sarah Strahl ist erst 28 Jahre alt. Für vier Jahre Ausbildung und Studium hat sie 24.000 Euro ausgegeben. Jetzt arbeitet sie als Praxisinhaberin 14 Stunden am Tag.

Druck von oben

Rund ein Drittel ihrer Arbeitszeit besteht aus Schreibarbeit, also Berichte tippen und Rezepte überprüfen. Mehr als zwei Drittel der Rezepte werden von den Ärzten falsch ausgefüllt - ein Kreuz ist an der falschen Stelle, ein Kürzel das nicht stimmt. Gibt sie das Rezept so an die Krankenkasse weiter, zahlt diese nicht. Dann arbeitet sie quasi ehrenamtlich, weil der Arzt einen Fehler gemacht hat. Das sei frustrierend. "Die Krankenkassen erwarten, dass wir jedes Rezept prüfen. Sie erwarten, dass wir Hausbesuche fahren, innerhalb von zwei Wochen einen Termin anbieten, dass wir jeden Fall übernehmen, wenn wir die nächst gelegene Praxis sind. Dann muss die Arbeitszeit aber auch angemessen vergütet werden. 1,50 Euro pro Minute, also 90 Euro die Stunde wären fair."

Patienten müssen lange warten

Die Praxen in Mecklenburg-Vorpommern sind voll. Einen Patienten musste Sarah Strahl ein halbes Jahr lang warten lassen - es war ein Kind mit Aussprachestörung. Es kamen immer dringendere Fälle dazwischen. Lange Wartezeiten sind bei allen Heilmittelerbringern üblich, Patienten und vor allem Hausbesuche werden abgelehnt. Dabei machen die meisten schon Überstunden, öffnen ihre Praxen von 7 bis 19 Uhr oder noch länger. Innerhalb von 14 Tagen ist es fast unmöglich, einen Termin zu bekommen. Andrea Künzler kennt das. Bei ihr mussten Patienten auch schon lange warten. Im Moment geht es gerade. Die Physiotherapeutin leitet seit 1993 eine große Praxis in Neu Kaliß - 20 km entfernt von Niedersachsen, wo die Krankenkassen und damit auch die Arbeitgeber besser zahlen. Andrea Künzler hat sich angepasst, ihre Leute verdienen mindestens 2.200 Euro, 400 Euro mehr als üblich in Mecklenburg-Vorpommern. Nur mit Krankengymnastik und Massage könnte sie das nicht leisten. Für 20 Minuten manueller Therapie zahlen die Kassen nicht mal 20 Euro.

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Patienten müssen selbst zahlen

Andrea Künzler bietet neben den klassischen physiotherapeutischen Anwendungen wie Krankengymnastik, manueller Therapie oder Massagen auch ostheopathische Leistungen und Sportkurse an. Mit diesen zusätzlichen so genannten Selbstzahlerleistungen verdient sie das Geld, das sie braucht, um die Ost-West-Differenz auszugleichen. Weil aber auch ihre Patienten weniger als im Westen verdienen, nimmt sie nur 70 Euro für eine Stunde ostheopathischer Anwendung. Üblich wären 100 Euro. "Die Patienten müssen das selbst zahlen, was schwierig ist in einer ländlichen Region, im Osten, wo viele Menschen nicht viel Geld haben. Da kann ich nicht so viel nehmen. Das ist eben mein soziales Engagement", sagt sie und lacht. Aber auch sie findet nur mit größten Anstrengungen neues Personal. Sie hat sogar Therapeuten aus Polen geholt, ihnen Deutsch beigebracht, sie eingearbeitet, Geld investiert. Manch einer ist dann aber doch wieder zurück gegangen - oder in den Westen weitergezogen.

Nach der Ausbildung ist vor der Zusatzqualifikation

Das Absurde in der Physiotherapeutenausbildung ist, dass Physiotherapeuten am Ende gerade mal 50 Prozent dessen, was sie können müssen und was die Kassen fordern, tatsächlich können. Stattdessen werden sie gezwungen, Zertifikate mit Zusatzqualifizierungen zu erwerben - für teures Geld. Auch hier springt Andrea Künzler ein. Sie zahlt ihren Mitarbeitern die Zertifikate. Demnach bedeutet jeder neue Mitarbeiter für sie Mehrausgaben. Sie selbst hat mehr als elf Jahre Aus- und Fortbildung hinter sich, im Wert von mehr als 50.000 Euro.

Verband fordert Ausbildungsreform

Das müsse dringend aufhören, fordert René Portwich vom Physiotherapieverband Mecklenburg-Vorpommern. Er will eine Ausbildungsreform: "Die Ausbildung für die Heilmittelerbringer muss kostenlos werden. Es muss endlich eine Ausbildungsvergütung gezahlt werden. Und: wer eine Ausbildung macht, muss danach auch arbeiten können." Es ärgert ihn, dass in einer Autowerkstatt Stundensätze von 100 bis 120 Euro gezahlt würden, ein Physiotherapeut aber durchschnittlich nur 32 Euro einnimmt. "Wir sollten mal darüber nachdenken, was wichtiger ist: das Auto oder der Mensch!"

Vorbeugen spart Folgekosten für Kassen

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Markus Juhls, AOK Nordost: Man habe reagiert und seit 2016 26 Prozent mehr Geld für Heilmittelerbringer ausgegeben.

Die Gesetzlichen Krankenkassen haben im vergangenen Jahr gut 7 Milliarden Euro für Heilmittelerbringer ausgegeben. Das ist ein Bruchteil dessen, was für ärztliche Behandlungen oder Krankenhausaufenthalte fällig wird. Gleichzeitig sparten sie dem System Milliarden, erklärt René Portwich. Operationen ließen sich vermeiden, teure Folgebehandlungen und damit Folgekosten fielen weg. Trotzdem würden Therapeuten stiefmütterlich behandelt - vor allem im Osten. Die Politik habe schon reagiert, sagt Markus Juhls von der AOK Nordost. Mit dem Versorgungsstärkungsgesetz von 2015 wurde beschlossen, die Vergütungen deutschlandweit bis 2021 anzugleichen. "Da sind wir jetzt auf halber Strecke und auf dem Weg." Seit 2016 habe seine Kasse allein für die Physiotherapeuten 26 Prozent drauf gelegt.

Geld muss in der Lohntüte ankommen

Das Plus müsse jetzt bei den Mitarbeitern ankommen, sagt Markus Juhls. 26 Prozent seien eine Menge, die müssten auch weitergegeben werden. Deswegen will die AOK ein Transparenzgesetz. Die Arbeitgeber sollen nachweisen, dass sich höhere Kassensätze in der Lohntüte der Arbeitnehmer bemerkbar machten. Auf die Frage, ob die Heilmittelerbringer aber nicht trotzdem zu wenig verdienten, antwortet er, es gebe einen gültigen Rahmenvertrag, der mit den Verbänden ausgehandelt sei. Das sollte die Grundlage sein. Vergleiche zu anderen Gewerken, zum Beispiel Ärzten, sollte man nicht herstellen.

Altersarmut in den Mangelberufen

Niedrige Löhne bedeuten wenig Rente, viele Therapeuten steuern auf die Altersarmut zu. Weil viele junge Leute sich dessen bewusst sind, seien die Absolventenzahlen an den Schulen des Landes teilweise um 70 Prozent zurück gegangen, erzählt Portwich. Die Arbeitsagentur bezeichnet Logopäden, Physiotherapeuten und Podologen als Mangelberufe. Stellen blieben durchschnittlich 150 Tage vakant - auf 100 offene Stellen kämen nicht einmal 40 Bewerber.

Koalitionsvertrag: Schulgeld Gesundheitsfachberufe abschaffen

Im Koalitionsvertrag von Union und SPD steht immerhin, dass das Schulgeld für die Ausbildung in den Gesundheitsfachberufen abgeschafft werden soll. Wann es soweit ist, steht dort allerdings nicht. Sarah Strahl erwartet jetzt ein Sofortprogramm von der Politik. Sie fordert dies für alle Heilmittelerbringer, also die Logopäden, die Ergo- und Physiotherapeuten sowie die Podologen: "weil es ansonsten bald keine Heilmittelerbringer in Deutschland mehr geben wird".

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 25.07.2018 | 16:00 Uhr

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