Eine Frau sitzt mit dem Rücken zur Wand und streckt eine Hand abwehrend vor dem Gesicht aus. © NDR Foto: Julius Matuschik

Häusliche Gewalt: Beratungsstellen kritisieren Ministerium

Stand: 21.05.2021 15:00 Uhr

Das Sozialministerium in Mecklenburg-Vorpommern hat vor kurzem weniger Hilfesuchende auch während der Pandemie gemeldet. Doch in den Beratungsstellen im Land zeigt sich ein anderes Bild.

von Hannes Stepputat

Wie steht es wirklich um häusliche Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern? Mehrere Mitarbeiterinnen von Beratungsstellen widersprechen dem Schweriner Sozialministerium: Vor rund vier Wochen hatte es einen "leichten Rückgang" auf 4.531 Hilfesuchende vermeldet. Doch das sei nur die halbe Wahrheit, kritisieren die Mitarbeiterinnen nun.

Keine Bewertung der Zahlen

Neben den Auswirkungen der Corona-Pandemie seien einige Gründe für die fallenden Zahlen hausgemacht: Einige Beratungsstellen seien schlicht unterbesetzt und neue Vorschriften bei der Polizei sorgten dafür, dass die Beraterinnen von weniger Fällen erfahren. Das Ministerium aber wollte nur die Zahlen veröffentlichen, eine Bewertung war nicht gewünscht.

Der NDR hat in den letzten Wochen mit Mitarbeiterinnen verschiedener Einrichtungen gesprochen. Keine möchte hier mit Namen erscheinen, viele wollen Ärger mit dem Sozialministerium vermeiden. Der Redaktion sind die Namen der Gesprächspartnerinnen bekannt.

Neues Polizeigesetz erschwert Kontakt

Dem NDR liegt eine Erwiderung der Interventionsstellen, die kurzfristige Krisenunterstützung leisten, auf die Darstellung des Sozialministeriums vor. Denn obwohl die Polizei in 2020 häufiger wegen häuslicher Gewalt ausrückte als im Jahr davor, erfuhren die Interventionsstellen von weniger Fällen. Ein Grund dafür sei das neue Polizeigesetz, das seit dem Sommer 2020 gilt und es der Polizei erschwere, nach Einsätzen wegen häuslicher Gewalt die Interventionsstellen zu informieren. "Aus der Zusammenarbeit mit der Polizei ist bekannt, dass dies [die sinkenden Fallzahlen, Anm. d. Red.] auch mit der veränderten Datenübermittlung im Zusammenhang steht", heißt es in der Stellungnahme. "Viele Sachverhalte werden nicht mehr an die Interventionsstellen übermittelt, obwohl es Einsätze der Polizei gab. […] Die Mitarbeiterinnen erhalten nur noch unzureichende Informationen, was die pro-aktive Kontaktaufnahme zu den betroffenen Personen extrem erschwert."

Ministerium widerspricht

Diese Bedenken hatten die Interventionsstellen bereits 2019 geäußert, lange bevor das neue Polizeigesetz in Kraft trat. Das für die Polizei zuständige Innenministerium wies die Darstellung zurück. Zwar regele gerade nur eine Übergangsvorschrift, wie Polizisten die Interventionsstellen über betroffene Frauen informieren können. Trotzdem würden alle Betroffenen mit Infos versorgt, etwa durch Broschüren.

Auswirkungen noch nicht erkennbar

Ein Sprecher des Sozialministeriums erklärte, dass das Gesetz noch nicht lange genug in Kraft sei, um die Auswirkungen beurteilen zu können. Außerdem zählten Polizei und Interventionsstellen unterschiedlich: Während die Polizei jeden Einsatz zähle, auch bei Wiederholungstätern, erscheine die betroffene Frau in der Statistik der Beratungsstellen nur einmal.

Weniger Betroffene beraten

Auch in den Beratungsstellen gegen häusliche Gewalt, die sich langfristig um Betroffene kümmern, ist man nicht glücklich mit den Zahlen aus dem Sozialministerium: "Es ist frustrierend, wenn da einfach irgendetwas unkommentiert steht", sagt eine Mitarbeiterin. Dass weniger Betroffene beraten wurden, habe nicht nur mit der Pandemie zu tun.

Unterbesetzte Beratungsstellen

Ein Grund seien ausgefallene Beraterinnen, die länger krankgeschrieben waren. Ihre Arbeit konnte offenbar nicht von den restlichen Kolleginnen aufgefangen werden. In einer Zusammenfassung der Beratungsstellen, die dem NDR vorliegt, heißt es zu der Mitteilung des Sozialministeriums: "Einige Beratungsstellen sind unterbesetzt und es gab krankheitsbedingte Ausfälle."

Defizite auch bei der Ausstattung

Zudem wechselten schon seit Jahren immer wieder Beraterinnen den Job, was auch an der Bezahlung und der hohen Arbeitsbelastung liege, heißt es in der Zusammenfassung weiter. "Wir sind für große Bereiche zuständig, wir arbeiten auch aufsuchend", sagt eine Mitarbeiterin. Scheide eine Mitarbeiterin aus, gingen dabei jedes Mal Netzwerke und Kontakte verloren, die für die Arbeit unerlässlich seien. In anderen Bundesländern seien manche Kolleginnen zwar schlechter dran, aber auch die Ausstattung in Mecklenburg-Vorpommern könnte besser sein: "Es geht ja vorwärts, ich will nicht sagen, das keiner was tut. Aber es wäre besser, wenn wir besser ausgestattet wären."

Weniger Beratung durch fehlende Stellen

Etwa die Beratungsstellen für gewalttätige Männer. Von den drei Täterberatungen, die es in MV eigentlich gibt, war über lange Zeit nur eine einzige besetzt. Die Folge: Konnten 2018 noch 269 Männer zu Auswegen aus der Gewalt beraten werden, waren es 2020 nur noch 71. Mittlerweile sind wieder zwei Stellen besetzt.

Ministerium: Nur auswerten, nicht bewerten

Auf Anfrage schreibt ein Sprecher des Ministeriums, dass dort nur eine Beratungsstelle im Hilfenetz bekannt sei, die längere Zeit nicht besetzt war, weil die Mitarbeiterin krank war. Insgesamt könne man sich den Rückgang der Fallzahlen "nicht valide" erklären, man wisse aber, dass es in anderen Bundesländern auch so sei. Dass das Ministerium die Erklärungen der Beratungsstellen dazu nicht habe veröffentlichen wollen, stimme. Die zuständige Einrichtung sollte die Statistik demnach nur auswerten - habe sie aber ohne Absprache mit dem Ministerium auch bewertet.

Bericht über Auswirkung der Pandemie

Peter Ritter, Sprecher für Gleichstellung der Linksfraktion im Landtag, warf der Regierung vor, sie verkenne die tatsächliche Lage bei häuslicher Gewalt: das Dunkelfeld sei dabei auch ohne Pandemie groß und die Hilfsstrukturen in Mecklenburg-Vorpommern personell und finanziell "völlig unzureichend" ausgestattet. Er verwies auf einen Beschluss des Landtags im März, nach dem die Regierung einen Bericht vorlegen soll, wie sich die Pandemie auf Frauen, unter anderem beim Thema häusliche Gewalt, ausgewirkt hat. Ritter will nun wissen, wann der Bericht vorliegen soll.

Hier finden Opfer häuslicher Gewalt Hilfe

CORA - Landeskoordinierungsstelle gegen häusliche und sexualisierte Gewalt


Gewalt gegen Frauen - bundesweites Hilfetelefon
(0800) 01 16 016 ( 24 Stunden am Tag besetzt)

Hilfenetz in MV (Frauenhäuser, Beratungsstellen, Interventionsstellen, Männer- und Gewaltberatung)
www.gewaltfrei-zuhause-in-mv.de

Opferambulanzen zur gerichtsverwertbaren Dokumentation nach Gewalttaten:
  • Bereich Rostock: (0381) 49 49 901, Rufbereitschaft (0172) 95 06 148, St.Georg-Str. 108, 18055 Rostock
  • Bereich Stralsund/Anklam/Neubrandenburg: (03834) 86 57 43, Rufbereitschaft (0172) 31 82 602, Kuhstraße 30, 17489 Greifswald
  • Bereich Schwerin: (0385) 73 26 80, Rufbereitschaft (0172) 95 06 148, Obotritenring 247, 19053 Schwerin

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 21.05.2021 | 19:00 Uhr

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