Stand: 12.04.2019 11:38 Uhr

Studie: Fährtickets von Scandlines viel zu teuer

von Martin Möller und Michael Schmidt, NDR Nordmagazin

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Seit Mai 2016 fährt die umgebaute Hybrid-Fähre "Berlin" für Scandlines auf der Strecke Rostock-Gedser.

Passagiere, die mit Schiffen der Reederei Scandlines von Rostock oder Puttgarden auf Fehmarn nach Dänemark reisen, bezahlen deutlich überhöhte Preise. Zu diesem Schluss kommt eine ausführliche Marktanalyse, die das dänische Verkehrsministerium in Auftrag gegeben hat. Im Vergleich zu Reedereien, die ähnlich lange Routen befahren, seien die Preise demnach mehr als doppelt so hoch. Besonders krass ist der Anstieg bei den Fußgänger-Tickets zwischen Rostock und Gedser. Kostete eine Überfahrt in der Saison 2011 noch sieben Euro für Fußgänger, so sind es ab Juni dieses Jahres bereits 26 Euro.

Eine Scandlines Fähre liegt in einem Hafen.

Zu teuer: Reederei Scandlines in der Kritik

Nordmagazin -

Das Ergebnis einer Marktanalyse, vom dänischen Verkehrsministerium in Auftrag gegeben, kommt zu dem Ergebnis: Die Ticketpreise für Scandlines-Fähren sind zu hoch.

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Oberbürgermeister Methling: Folge der Privatisierung

Für den Rostocker Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) ist dies eine Folge der Privatisierung des einstmals staatlichen Unternehmens, das jeweils zur Hälfte der deutschen und der dänischen Bahn gehörte. Warnungen gab es bereits im Jahr 2007, als der damalige Chef der Deutschen Bahn Hartmut Mehdorn die Privatisierung von Scandlines vorantrieb. Das dänische Transportministerium als zweiter Eigentümer war anfangs zurückhaltender. Doch Deutschlands Bahnmanager brauchte Geld für seine Börsenpläne, die letztlich scheiterten.

Für 1,56 Milliarden Euro wurde Scandlines schließlich verkauft. Die neuen Eigentümer übernahmen ein gewinnträchtiges Unternehmen. Allein auf dem Konto des vormaligen Mitgesellschafters Deutsche Bahn lagen 250 Millionen Euro Gewinn. Angespart eigentlich, um Scandlines fit für die Zukunft zu machen. "Die damalige Politik - zu diesem Zeitpunkt Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) und Bahnchef Mehdorn - haben damals zulasten des ärmsten Bundeslandes Kasse gemacht", so Methling. Damals hatte die Reederei ihren Sitz noch in Rostock. Die Verlegung des Unternehmenssitzes nach Mecklenburg-Vorpommern war eine bewusste Entscheidung der Bundesregierung, um den strukturschwachen Osten Deutschlands zu stärken. Die neuen Eigentümer fühlten sich daran nicht mehr gebunden.

Ex-Wirtschaftsminister Dänemarks sieht kapitalen Fehler

Das sei "Gier der allerschlimmsten Sorte", die der Wirtschaft auf beiden Seiten schade, sagte der Däne Bendt Bendtsen (Konservative Partei). Der damalige Wirtschaftsminister Dänemarks räumte "kapitale Fehler" ein, die man zu seiner Zeit als Minister gemacht habe. "Wir haben damals von dänischer Seite mitgemacht und ein Stück kritischer Infrastruktur privatisiert. Das Ergebnis sehen wir jetzt: Scandlines bzw. deren Besitzer haben die Ticketpreise irre hochgeschraubt", so Bendtsen.

Die Scandlines-Reederei und ihre Fähren

"Keine Konkurrenz bedeutet hohe Preise"

Ein Beispiel ist die Route Puttgarden - Rødby: Wer die Fähre nicht nimmt, muss mehr als 500 Kilometer mit dem Auto nach Dänemark fahren. Laut des 128 Seiten starken Gutachtens des dänischen Transportministeriums wurden die Tickets zwischen 2011 und 2018 für Autofahrer in der Nebensaison um 30 Prozent und in der Hauptsaison um 16 Prozent angehoben. Im gleichen Zeitraum hat sich Scandlines mit einem Überschuss von etwa 100 Millionen Euro Überschuss jährlich zum profitabelsten Fährunternehmen im Ostseeraum entwickelt. Den Preis dafür würden vor allem "die einfachen Leute, die zwischen Deutschland und Dänemark reisen sowie kleine und mittlere Unternehmen" wie Transportfirmen machen. "Keine Konkurrenz bedeutet hohe Preise, das schadet dem Tourismus in unseren Ländern, weil wir eben eine Reederei haben, die die Verbraucher melkt", so Bendtsen. Der ehemalige Wirtschaftsminister fordert deshalb das Eingreifen der Kartellbehörde in Dänemark und Deutschland.

Fehmanbelttunnel als Scandlines-Konkurrenz

Sowohl Urlauber als Unternehmen, die die Strecke in Schleswig-Holstein regelmäßig nutzen, bekommen die Teuerung deutlich zu spüren. Die Preissteigerungen seien bekannt, heißt es aus Logistikkreisen am Telefon, öffentlich äußern mag sich jedoch niemand. Bis es den Fehmarnbelttunnel als Alternative zur Fähre gibt, müssen sie ja mit Scandlines kooperieren, sagen einige.

Doch genau gegen den Tunnel hat Scandlines geklagt. Bernd Jorkisch, Unternehmer im Kreis Segeberg und Vorsitzender des Hanse-Belt-Vereins kämpft seit 15 Jahren für die Fehmarnbeltquerung wundert das nicht. Scandlines wolle natürlich sein Monopol für die Querung erhalten, da es sich natürlich auch wirtschaftlich lohne, der einizige Anbieter zu sein.

Scandlines: "Bericht riecht nach Auftragsarbeit"

Scandlines ist Eigentum von Investmentfonds in Großbritannien und Australien und erwirtschaftet jährlich einen Überschuss von etwa 100 Millionen Euro. Auf Anfrage des NDR antwortete das Unternehmen schriftlich. Man wisse nicht, ob man über das Gutachten weinen oder lachen solle. Der Bericht rieche sehr nach Auftragsarbeit, teilte Scandliens mit. Darüberhinaus spricht Scandlines von einer Preissteigerung von lediglich sieben Prozent und zweifelt das dänische Gutachten, das vone iner Teuerung von etwa 30 Prozent ausgeht, an.

Scandlines - eine Chronologie

2006 bediente Scandlines mit 24 Schiffen insgesamt zwölf Strecken in Deutschland, Dänemark, Schweden, Finnland und dem Baltikum. Der Umsatz lag bei 547 Millionen Euro, 103 Millionen Euro Gewinn wurden ausgewiesen.
2007 Ein Konsortium aus den Finanzinvestoren Allianz Capital, 3i und der Deutschen Seereederei kauft Scandlines für 1,54 Milliarden Euro. Dazu gehören auch die Häfen in Gedser, Puttgarden und Rødby.
2008 -2015 Scandlines trennt sich von der Mehrzahl ihrer Schiffe und Linien. Übrig bleiben Rostock-Gedser und Puttgarden- Rødby mit insgesamt sieben Schiffen.
2010 verkauft Scandlines Grundstück samt Verwaltungsgebäude auf der Mittelmole in Rostock-Warnemünde für 14,2 Millionen Euro an die kommunale Wohnungsgesellschaft WIRO. Jahrelang schreibt die Reederei rote Zahlen, weil die Abzahlung der Kredite, die für den Kauf von Scandlines aufgenommen wurden, das Unternehmen belastet.
2013 Der Kapitalfond 3i mit Sitz in London wird alleiniger Eigentümer.
2014 verlegt die Reederei ihren Verwaltungssitz von Rostock nach Hamburg.
2016 Zwei neue Hybridfähren gehen auf der Linie Rostock-Gedser in Betrieb.
2018 Der bisherige Eigentümer 3i aus London verkauft seine Anteile an Scandlines für 1,7 Milliarden Euro an die britische Hermes Investment Management (14,9 % Anteile) und den australischen Vermögensverwalter First State Investment. (50 % Anteile) Anschließend kauft 3i wieder 35 Prozent der Anteile an Scandlines zurück. Nettogewinn der Transaktion für 3i: 347 Millionen Euro.      
 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 12.04.2019 | 12:00 Uhr

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