Stand: 29.08.2019 10:47 Uhr

Apotheker warnen: Medikamentenmangel ist alltäglich

von Thorsten Reinke, NDR Nordmagazin

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Wenn ihm bestimmte Wirkstoffe fehlen, muss Anästhesist Reuter auf Alternativen ausweichen - dabei steigt die potentielle Patientengefährdung.

Mangelverwaltung ist für die pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA) Silke Pfannenschmidt reine Routine. "Heute haben wir hier in unserer Apotheke 163 Fächer, in denen keine Medikamente mehr drin sind". Deswegen sind alle 20 Mitarbeiter im Rostocker Stadtteil Lütten Klein bei der  Suche nach Alternativen geschult. Axel Pudimat ist ihr Chef und Vorsitzender des Apothekerverbands Mecklenburg-Vorpommern. Er zeigt auf ein leeres Kästchen in einer Schublade, die wie ein Baustein in einer braun getäfelten Medikamentenwand sitzt. Außen drauf klebt ein rosa Zettel, der anzeigt: Hier ist ein Fach, für den sich kein Nachschub auftreiben lässt.

Viel Arbeitszeit für Suche nach Alternativen

In solchen Fällen beginnt die computergesteuerte Suche nach Ersatz. In den angemieteten Gewerberäumen hat der Apotheker über 6.600 Präparate streng nach Vorschrift gelagert. "Aber auch unsere Platzkapazitäten sind begrenzt". Auf dem Bildschirm am Tresen seiner Angestellten Silke Pfannenschmidt erscheinen die genauen Inhaltsstoffe des Rezepts und die Alternativpräparate mit identischer Zusammensetzung. In den meisten Fällen finden die Mitarbeiter also einen Weg.

Wenn nicht, dann geht die Suche los. "Es gibt so etwas wie SOS-Medikamentenbanken bei denen man anfragen kann", erklärt PTA Pfannenschmidt. In der Woche verbringt sie im Durchschnitt fünf bis sechs Stunden allein damit, Engpässe zu managen.

Ein Medikamentenschrank einer Apotheke.

Medikamentenmangel: Engpässe in Apotheken

Nordmagazin -

Den Apotheken gehen die Medikamente aus, bei vielen Präparaten gibt es Lieferengpässe. Ein Gespräch mit Axel Pudimat, Vorsitzender des Apothekerverbands in MV.

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Hakt es bei den Grundstoffen, bleibt die Schublade leer

Der Mangel hat viele Ursachen. Eine davon liegt in der Produktion. Nur wenige sehr große Standorte insbesondere in asiatischen Ländern wie China oder Indien stellen überhaupt Wirkstoffe für die weltweite Medikamentenproduktion her. Kommt es vor Ort zu Problemen in der Liefer- oder Herstellungskette oder wird die Produktion umgestellt, entsteht sofort ein Engpass. "Und damit haben wir dann Ebbe in manchen Medikamentenschubladen", sagt der Apothekerverbandsvorsitzende Pudimat.

Deutsches Rabattsystem kann nicht mithalten

In Deutschland gibt es eine Rabattregelung. Diese Regelung haben die Krankenkassen mit den Herstellern ausgehandelt. Das Rabattsystem sorgt zwar für günstigere Medikamentenpreise, aber in Fällen von Engpässen auch für das entscheidende Problem. Denn bei Medikamentenmangel konkurriert das deutsche Rabattsystem plötzlich im Weltmarkt um Präparate. Da bekommt dann eben nicht der den Zuschlag, der den Rabattpreis bietet. Die deutschen Krankenkassen bieten bei anziehenden Weltmarktpreisen schlicht nicht mit.

Bei Mangel gibt es nicht die bestmögliche Narkose

Engpässe in der Lieferung bedeuten auch Mangelverwaltung in den Krankenhäusern. Daniel Reuter ist Chefanästhesist an der Uniklinik Rostock. Insgesamt gibt es 103.000 zugelassene Medikamente in Deutschland. Reuter braucht davon nur einen kleinen Teil für seine Narkotisierungen - und das in kleinen Mengen. "Noch vor zehn Jahren sind Patienten nach einer Vollnarkose teilweise mit Kopfschmerzen und einem starken Durstgefühl aufgewacht. Heute stimme ich die Dosierungen individuell auf den Patienten ab, und der ist schnell wieder beschwerdefrei was die Narkose angeht". Wenn aber der bestimmte Wirkstoff aufgrund von Engpässen fehlt, muss auch der Anästhesist umdenken. "Dann muss ich eine Alternative finden, zum Beispiel ein Medikament mit der zehnfachen Konzentration. Das müssen wir im Team dann per Hand verdünnen. Aber jeder Schritt, den wir da einbauen, vergrößert natürlich eine potenzielle Patientengefährdung."

Alternativlösung mit Hürden

Apotheker Axel Pudimat konnte am Ende des Arbeitstages alle Rezeptverschreibungen erfolgreich abarbeiten - durch Alternativlösungen. Da sind die Pillen dann nicht mehr gelb, sondern weiß, und abends muss eine Tablette halbiert werden für die richtige Dosierung. Viel Neues für einen alleinstehenden 80-jährigen Herzpatienten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 29.08.2019 | 19:30 Uhr

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