Ein Mann in einem Rollstuhl steht vor einer Treppe. © picture alliance Foto: Frank May

Was erwarten Menschen mit Behinderung von einer neuen Regierung?

Stand: 09.10.2021 07:16 Uhr

SPD, Grüne und FDP sondieren eine mögliche Koalition. Die Hälfte der Wahlberechtigten fände solch eine "Ampel"-Koalition laut ARD-Deutschlandtrend gut. Ein Viertel bevorzugt eine "Jamaika"-Koalition mit der CDU. Fast jeder Zehnte lebt in Deutschland mit einer Schwerbehinderung. Wie beobachten Menschen mit Handicap die Verhandlungen in Berlin über eine neue Regierung?

Christian Ebmeyer vor seiner Dolmetschertechnik.
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von Carolin Fromm

Heiko Kunert trägt Sonnenbrille und hält sich an der Geländerstange im Flur fest. Im Gebäude des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg kennt der Geschäftsführer sich tastend aus. "Es gibt inzwischen auch Indoor-Navigationssysteme, die man per App bedienen kann", erklärt er.

Die Digitalisierung erleichtere das Leben von Menschen mit Behinderungen bereits heute und ermögliche deutlich mehr Teilhabe an der Gesellschaft, führt Kunert aus. Dank einiger Neuerungen während der Pandemie könne er nun auch Veranstaltungen online verfolgen, zu denen er sonst ohne Begleitung schwer hingekommen wäre.

Wie komme ich als Blinder an Informationen aus dem Netz?

Auf Bits und Bytes setzt beim Thema Barrierefreiheit auch die FDP. Vor allem Behördengänge sollen so laut Wahlprogramm der Liberalen einfacher werden. Freiwillig passiere da jedoch zu wenig, findet Kunert. In Bezug auf das Internet fragten sich viele blinde und sehbehinderte Menschen: "Wie kriege ich barrierefrei alle Informationen, die auch ein sehender Mensch im Internet bekommt? Das große Thema Barrierefreiheit zieht sich durch alle Alltagsbereiche. Ich finde, da müsste in Deutschland mehr Verpflichtung her." Besonders private Anbieter hätten da Nachholbedarf.

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Andrea Polzin: Ich wünsche mir mehr Respekt

Von Verpflichtungen reden allerdings weder FDP noch die SPD. Mit einem "Bundesprogramm Barrierefreiheit" wollten die Sozialdemokraten noch im Wahlprogramm punkten. Und mit der Ampel will Generalsekretär SPD-Lars Klingbeil jetzt den "gesellschaftlichen Fortschritt" beschreiten. Der sei dringend nötig, findet Andrea Polzin. Denn da fehle derzeit vor allem der Respekt. "Respekt gegenüber Menschen mit Handicap. Dass die Leute mehr drauf eingehen, wenn man Hilfe braucht. Im Supermarkt zum Beispiel gucken sie einen an wie ein Auto. Das ist doof."

Die 44-Jährige lebt mit einem Muskelzittern, das man ihr auch anhört und ansieht. Eine Politik, die es ihr ermöglicht selbstverständlicher Teil der Gesellschaft zu sein - das erhofft Polzin sich von der Ampel. "Ich mag Olaf Scholz sehr gern. Annalena Baerbock ist auch eine sympathische Frau. Deswegen hoffe ich, dass sie uns Menschen mit Handicap den Rücken stärken."

Unternehmen mehr in die Pflicht nehmen

Polzin macht ein Langzeitpraktikum in der Stadtteilinitiative Hamburg-Hamm. Sie hat schlechte Erfahrungen mit privaten Unternehmen gemacht. Deshalb wünscht sie sich von der neuen Koalition mehr Druck auf Betriebe, Menschen mit Behinderung einzustellen. Dass Unternehmen, die die Schwerbehinderten-Quote von fünf Prozent der Belegschaft nicht erfüllen, sich "rauskaufen" können, findet sie nicht in Ordnung. "Es ist schwer einen Betrieb zu finden, der Menschen mit Behinderung einstellt."

Christian Ebmeyer: Weniger Bürokratie, leichtere Sprache

Christian Ebmeyer vor seiner Dolmetschertechnik.
Christian Ebmeyer ruft für das Interview mit NDR Info einen Video-Dolmetscher an.

Immerhin: In ihrem Wahlprogramm wollen die Grünen die Strafe für Betriebe, die die Schwerbehinderten-Quote nicht erfüllen, erhöhen. Parteichefin Baerbock sieht neben dem Klimaschutz auch "die Modernisierung der Verwaltung" als zentrale Herausforderung. Christian Ebmeyer wäre das sehr recht. Der gehörlose 60-Jährige wünscht sich von einer neuen Regierung vor allem: "Weniger Bürokratie, leichtere Bürokratie, leichte Sprache."

Der Vertriebsmitarbeiter der Telekom ist auf Gebärdensprachdolmetscher angewiesen - für den Arzt, die Arbeit oder den Theaterbesuch. Aber: "Wir bekommen kaum Dolmetscher, weil es einfach einen Dolmetschermangel gibt." Am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben ist für Ebmeyer ohne Übersetzer allerdings unmöglich. Immer muss er einen Dolmetscher finden, die Kostenübernahme beantragen und alles abrechnen. Braucht er die Hilfe in seiner Freizeit, muss er seine Finanzen offenlegen. "Wir möchten gern, dass die Behörden ihre Bürokratie abbauen, die Dolmetscher vernünftig bezahlen und die Hilfsmittel vernünftig zur Verfügung stellen. Die Ämter und Behörden: Wir fühlen uns von denen gegängelt und überprüft." Viel reden, wenig tun. Das sei bisher seine Erfahrung mit der Politik. Früher habe er CDU gewählt, doch jetzt hofft er auf die Ampel.  

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 09.10.2021 | 07:22 Uhr

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