Die Ukrainerin Tanja Koktash sitzt zusammen mit ihrem Sohn Sergej und seiner Frau Natalia auf einem Sofa. © Sabine Hausherr / NDR
Die Ukrainerin Tanja Koktash sitzt zusammen mit ihrem Sohn Sergej und seiner Frau Natalia auf einem Sofa. © Sabine Hausherr / NDR
Die Ukrainerin Tanja Koktash sitzt zusammen mit ihrem Sohn Sergej und seiner Frau Natalia auf einem Sofa. © Sabine Hausherr / NDR
AUDIO: Ukrainerinnen im Norden: Wiedersehen nach langer Zeit mit Sohn Sergej (5 Min)

Tanja Koktash: Lang ersehntes Wiedersehen mit Sohn Sergej

Stand: 15.11.2022 10:04 Uhr

Tanja Koktash lebt nahe Mariupol, bis sie vor dem Krieg fliehen muss. Die 62-Jährige kommt mit Familie nach Helmstedt in Niedersachsen. Die Reporterinnen Sabine Hausherr und Lydia Callies begleiten die Ukrainerin für ein NDR Info Langzeitprojekt bei ihrem Leben in Norddeutschland. Hier der Blog.


15.11.2022

Blog #12 - Lang ersehntes Wiedersehen mit Sohn Sergej

Seit Ostern hat Tanja Koktash ihren Sohn Sergej nicht mehr gesehen. Kurz nachdem Russland den Angriffskrieg in ihrem Heimatland gestartet hatte, flüchtete sie nach Norddeutschland. Nach sieben Monaten gibt es nun das langersehnte Wiedersehen mit ihrem Sohn und dessen Frau Natalia. Tanja ist von ihren Gefühlen bei der Ankunft überwältigt: "Ich freue mich so, dass ich meinen Sohn wiedersehe, und wir zusammen sind. Ich hoffe so, dass der Krieg bald zu Ende ist, und wir endlich für immer zusammen sein können."

Für den Kurzbesuch bei seinen Eltern nahm Sergej zusammen mit seiner Frau eine lange Reise auf sich. Mehrere Tage waren sie im Auto unterwegs, um in die niedersächsische Kleinstadt Helmstedt zu kommen. Bereits beim Zwischenstopp in Polen war eines ganz besonders: "Ich bin um 5 Uhr morgens wach geworden, und es war einfach ruhig! Es gingen keine Sirenen. Und auch hier in Helmstedt ist alles so ruhig. Es ist schön zu wissen, dass es noch solche friedlichen Orte auf der Welt gibt", sagt Sergej.

Mit Hilfsorganisation Bedürftige unterstützen

Der 36-Jährige kämpft zwar nicht in der Armee, aber auch er unterstützt sein Land, wo er nur kann. Vor Beginn des Krieges leitete Sergej eine eigene Firma, kurz nach dem Einmarsch russischer Truppen in seinem Heimatland gründet er die Hilfsorganisation "Future Ukraine". Er und seine Mitstreiter verpacken Lebensmittel-Boxen mit Monatsrationen und schicken diese vor allem an ältere hilfsbedürftige Menschen im ganzen Land. Zudem gibt seine Organisation Kurse für Ukrainer, damit sie lernen, ihre Wunden selbst zu versorgen. Freiwillige Helfer, die andere humanitär unterstützen, seien genauso angesehen in der Ukraine, wie diejenigen, die direkt an der Front kämpften, sagt Sergej.

In Kiew sei die Situation derzeit sehr schwierig: Hunderttausende Wohnungen seien immer wieder ohne Wasser, Strom und Heizung, erzählt Sergej seiner Mutter, während diese ihm sein Leibgericht serviert: Tschi-Buriggi, mit Hackfleisch gefüllte Teigtaschen. Für zwei Tage kann er nun Kraft tanken, bevor es weiter nach Griechenland geht. Seine Ausreisegenehmigung hat er nur bekommen, um dort weitere medizinische Spenden zu organisieren.

Weitere Informationen
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03.11.2022

Blog #11 - Tochter erlebt bei Heimatbesuch Angriffe in Kiew

Tanja Koktash beim  Videotelefonat mit ihrer Tochter Iryna, die gerade in Kiew ist. © NDR Foto: Lydia Callies
Tanja Koktash beim Videotelefonat mit ihrer Tochter Iryna, die gerade in Kiew ist.

Die russische Armee greift derzeit gezielt die Energie-Infrastruktur in der Ukraine an. Dabei wurden nach ukrainischen Angaben bislang rund ein Drittel der Elektrizitätswerke im Land zerstört. Stromausfälle gehören zur Tagesordnung. Anfang der Woche brach in Kiew nach einem Raketenangriff zeitweise auch die Wasserversorgung zusammen.

In Kiew befindet sich gerade auch die Ukrainerin Iryna Koktash, die wir seit April hier bei NDR Info begleiten. Mit ihrer Mutter Tanja Koktash ist sie im Frühling aus der Ukraine nach Helmstedt in Niedersachsen geflohen. Jetzt ist sie für ein paar Tage in ihre Wohnung nach Kiew zurückgekehrt, um nach dem Rechten zu sehen. Wir sind bei einem Telefonat dabei.

Ukrainerin von Wasser- und Stromversorgung abgeschnitten

Tanja Koktash: "Wie geht es dir? Wo seid ihr untergekommen?" Iryna Koktash: "Ehrlich gesagt, wir haben nirgendwo eine Zuflucht hier im Haus. Wir haben hier keinen Keller. Deswegen haben wir uns im Badezimmer versteckt. Das hat keine Fenster und da haben wir gewartet und Angst gehabt."

In Folge der Angriffe waren Anfang der Woche zeitweise 250.000 Wohnungen in Kiew ohne Strom. Fast jeder zweite Haushalt hatte keinen Zugang zu fließendem Wasser. Auch Iryna war betroffen. Sie berichtet: "Gestern war ein harter Tag, weil es nach dem Beschuss kein Wasser und keinen Strom gab. Ohne Internet sind wir komplett von der Welt abgeschnitten."

Rückkehr in die Ukraine derzeit illusorisch

Ihr Plan, mit ihrer Familie Ende des Jahres wieder ganz in Kiew zu leben, sei für sie nach den Erlebnissen in dieser Woche illusorisch geworden. Iryna Koktash: "Es ist zu gefährlich in Kiew mit Kindern zu leben, deswegen werden wir nicht vor Kriegsende zurückkommen - oder zumindest, bis es mehr oder weniger sicher ist für eine lange Zeit."

Tanja Koktash beim  Videotelefonat mit ihrer Tochter Iryna, die gerade in Kiew ist. © NDR Foto: Lydia Callies
AUDIO: Tanja Koktash: Tochter erlebt Angriffe auf Kiews Infrastruktur (3 Min)

Irynas Handy ist bald leer, sagt sie. Sie konnte es am Nachmittag wegen des Stromausfalls nicht aufladen. Das Gespräch bricht abrupt ab. Ihre Mutter in Helmstedt macht sich Sorgen. Am Sonnabend plant Iryna wieder zurück in Helmstedt bei ihren Kindern und ihren Eltern zu sein.


28.10.2022

Blog #10 - Einkaufen mit einer Übersetzungs-App

Tanja Koktash am Gemüseregal in einem Supermarkt. © NDR Foto: Lydia Callies
Tanja Koktash am Gemüseregal in einem Supermarkt.

Seit rund einem halben Jahr lebt die Ukrainerin Tanja Koktash nun in Niedersachsen. Mittlerweile wohnt sie in einer eigenen Wohnung in Helmstedts Innenstadt. Sie kommt nach eigenen Angaben immer besser im Alltag zurecht. Auch das Einkaufen klappt - trotz fehlender Sprachkenntnisse - gut.

Tanja Koktash ist heute mit ihrer Tochter Iryna einkaufen. Während Iryna den Wagen schiebt, sucht Tanja zwischen Milch, Joghurt und Käse einen Becher Schmand.

Tanja Koktash am Gemüseregal in einem Supermarkt. © NDR Foto: Lydia Callies
AUDIO: Ukrainerinnen im Norden: Einkaufen für Borschtsch (4 Min)
Eine App auf dem Handy von Tanja Koktash übersetzt die Schrift auf den Supermarktprodukten ins Ukrainische. © NDR Foto: Lydia Callies
Eine App übersetzt die Schrift auf den Produkten ins Ukrainische.

Die deutsche Sprache ist ihr immer noch fremd, aber sie behilft sie sich mit kleinen Tricks: "Einmal haben wir Schmand gekauft und da war der Becher rot. Deshalb suche ich jetzt nach einer roten Verpackung. Aber die sehe ich jetzt nicht." Doch die Ukrainerin weiß sich zu helfen: Sie nutzt eine Übersetzungs-App auf ihrem Smartphone.

Tanja Koktash: "Ich habe mich daran gewöhnt, dass ich manchmal länger suchen muss. Ich benutze einen Übersetzer. Die App kann mit der Kamera das Produkt scannen und mir die Schrift darauf übersetzen. Und wenn ich eine Sache gar nicht finde, frage ich das Personal. Auch mit Hilfe der App."

Alles für das ukrainische Traditionsgericht Borschtsch

Heute kauft sie für Borschtsch ein. Eine ukrainische Suppe, die traditionell mit Rindfleisch, Roter Beete und Weißkohl zubereitet wird. Tanja Koktash will ihren Enkelkindern damit eine Freude bereiten.

Fertig! Die traditionell ukrainsche Suppe Borschtsch. © NDR Foto: Lydia Callies
Fertig! Die traditionell ukrainsche Suppe Borschtsch.

Die 62-Jährige schaut genau auf die Preise, geht mehrmals die meterlangen Kühlregale auf und ab. "Wir nehmen normalerweise Rind, aber heute nehmen wir Schweinefleisch, weil das günstiger ist. Das verdirbt den Geschmack vom Borschtsch nicht. Wichtig ist nur, dass das Fleisch einen Knochen hat für die Bouillon. Im Prinzip gibt es hier alles für unsere traditionellen Gerichte", sagt sie.

An der Kasse nennt die Kassiererin den Preis für den Einkauf und fragt nach einer Rabattkarte. Tanja Koktash lächelt und sagte "Dankeschön" - auf Deutsch.


29.09.2022

Blog #9 - Die Folgen von Scheinreferendum und Teilmobilmachung

Ihr Handy legt Tanja Koktash fast gar nicht mehr zur Seite. Sie lässt mittels einer App Texte von deutschen Nachrichtenseiten übersetzen, verfolgt verschiedene Newskanäle aus ihrer Heimat und bekommt aktuelle Updates von der ukrainischen Armee. Dass bei den Scheinreferenden im Osten der Ukraine angeblich weit mehr als 90 Prozent zugestimmt haben sollen, glaubt sie nicht.

Tanja Koktash und ihre Tochter Iryna. © NDR Foto: Sabine Hausherr
AUDIO: Ukrainerinnen im Norden: Tanja Koktash besorgt über aktuelle Lage (5 Min)
Tanja Koktash mit NDR Reporterin Sabine Hausherr. © NDR Foto: Sabine Hausherr
Tanja Koktash im Gespräch mit NDR Reporterin Sabine Hausherr.

"Ich weiß, dass in Mariupol und meinem Heimatdorf Sartana das Referendum stattgefunden hat. Im Allgemeinen sind die Leute aber gar nicht hingegangen. Meine Freundin zum Beispiel, die hat sich ihren Sohn geschnappt und ist mit ihm nach Griechenland geflohen. Die veröffentlichten Zahlen sind einfach aus der Luft gegriffen", ist sich die Ukrainerin sicher. Möglicherweise habe der ein oder andere aber auch unter Zwang zugestimmt, räumt sie ein. Die Menschen in ihrem Ort seien müde vom Krieg und wollen einfach nur, dass dieser bald endet.

Geflohene sicher: Die Ukraine wird niemals aufgeben

Was, wenn Russland sich nach dem Referendum nun diese Gebiete wie angekündigt einverleibt? "Das werden wir niemals akzeptieren. Diese Erpressung! Für uns ist es selbstverständlich, dass wir unsere Gebiete wieder befreien und zurückholen müssen. Das ukrainische Volk wird weiterkämpfen, und zwar bis zum Schluss!" sagt sie leidenschaftlich. Immer wieder spricht die 62-Jährige von der starken ukrainischen Armee und dem Mut der Soldaten. Das mache ihr Hoffnung.

Tanja Koktash und ihre Tochter Iryna. © NDR Foto: Sabine Hausherr
Tanja Koktash und ihre Tochter Iryna.

Die Auswirkungen der Teilmobilmachung der Reservisten der russischen Armee sieht Koktash kritisch. Werden in ihrer Nachbarschaft in Helmstedt vielleicht bald auch russische Geflüchtete leben? "Wenn jetzt ganz viele Russen ankommen, befürchte ich, dass sie einfach nur ihr Leben retten wollen und deshalb geflohen sind. Dass sie aber weiter hinter Putin stehen, den Krieg in Wahrheit gar nicht ablehnen und ihn stattdessen von hier aus unterstützen", meint sie.

Russland Atomwaffen-Drohung ist schwer auszuhalten

Für Tanja Koktash ist die nukleare Bedrohung, die der Kreml immer wieder ausspricht, und die ihr Land auslöschen könnte, nur schwer zu ertragen. Sie fordert: "Die Weltgemeinschaft muss jetzt endlich Klartext mit Putin reden. Sie müssen ihm ganz konkret sagen, was genau passieren wird, wenn er diesen Schritt geht. Putin hat keine Prinzipien, hält sich an keine Regeln."

Tanja Koktash hatte vor wenigen Wochen noch mit dem Gedanken gespielt, zurück in die Ukraine zu gehen, sich eine Wohnung im relativ ruhigen Kiew zu suchen. Diese Pläne hat sie in der vergangenen Woche wieder verworfen. Sie wird weiter in Norddeutschland bleiben.


12.08.2022

Blog #8 - Anrufe in die Heimat

Tanja Koktash und ihre Tochter Iryna telefonieren mit Angehörigen in der Ukraine. © NDR / Sabine Hausherr
Tanja Koktash und ihre Tochter Iryna telefonieren mit Angehörigen in der Ukraine.

Die Nachrichten aus der Heimat holen Tanja Koktash immer wieder mit voller Wucht ein. Ihre Tochter Iryna zeigt ihr Fotos einer ukrainischen Nachrichtenseite auf dem Handy: Darauf ist ein zerfetzter Kinderwagen vor einem Ärztehaus zu sehen.

Ein kleines Mädchen und ihre Mutter sollen von einem Geschoss tödlich getroffen worden sein, erzählt Iryna. Es sind diese Momente, in denen Tanja Koktash immer sofort zum Handy greift und versucht, ihre Verwandten in Mariupol zu erreichen. Diese Momente, in denen sie wissen will wissen, ob es ihnen noch gut geht.

Tanja Koktash wählt die Nummer ihrer Schwester Tamara, heute kommt sie nicht durch - die Ungewissheit bleibt. Ähnlich wie zu Beginn des Krieges in ihrem Heimatland. Zwei lange Monate hatte sie kein einziges Lebenszeichen von ihrer Cousine Mascha bekommen. Mittlerweile sei die Verbindung besser, sagt Tanja Koktash. Fast jeden Tag könne sie mit ihr sprechen, und auch heute hat sie Glück. Mascha nimmt ab: Sie berichtet von starken Magenschmerzen und dass es keinen Arzt gibt, zu dem sie gehen kann. Sie hoffe, dass die Schmerzen bald auch ohne Behandlung verschwinden.

Tanja Koktash telefoniert mit Angehörigen in der Ukraine. © NDR / Sabine Hausherr
AUDIO: Ukrainerinnen im Norden: Beunruhigende Nachrichten aus Mariupol (3 Min)

Aufmunternde Worte fallen nicht immer leicht

Tanja Koktash sitzt wie angewurzelt auf ihrem Sofa, machtlos. Die beiden Frauen schluchzen in den Hörer. Vor dem Krieg waren sie jeden Tag zusammen, jetzt aber trennen sie rund 2.300 Kilometer: Tanja im beschaulichen Helmstedt in Sicherheit, Mascha im zerstörten Mariupol, krank und hilflos. Doch die Sorge um ihren Gesundheitszustand ist nicht das Einzige, das Mascha derzeit umtreibt. Sie habe Angst vor dem Winter, erzählt Tanja nach dem Telefongespräch mit ihr: "Im Moment ist es wohl relativ ruhig dort. Doch sie fangen nun auch an, Wintervorräte anzulegen. Weil sie nicht wissen, was noch kommt. Sie lagern jetzt Mehl ein und trockene Lebensmittel. Sie haben Angst, vor Hunger im Winter zu sterben."

Ihr fällt es schwer, das alles zusammenzufassen. Es waren einfach viel zu viele schlechte Nachrichten auf einmal. Morgen aber will sie Mascha wieder anrufen und fragen, wie es ihr geht. Sie will ihrer Cousine weiterhin gut zureden, auch wenn ihr das in diesen Tagen alles andere als leicht fällt.


24.07.2022

Blog #7 - Neue Arbeit und neuer Lebenssinn

Die Ukrainerin Tanja Koktash passt ehrenamtlich in Helmstedt auf Kinder aus ihrem Heimatland auf. © NDR / Lydia Callies
Die Ukrainerin Tanja Koktash passt ehrenamtlich in Helmstedt auf Kinder aus ihrem Heimatland auf.

Tanja Koktash möchte etwas zurückgeben: In ihrer neuen norddeutschen Heimat hat sie nach ihrer Flucht aus der Ukraine viel Hilfsbereitschaft erfahren. Nun will auch sie helfen. Jeden Donnerstag passt sie gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen auf ukrainische Kinder auf.

Die St.-Thomas-Kirche in Helmstedt hat seit Juni ihren Gemeindesaal dafür zur Verfügung gestellt. Während die Mütter einen Deutschkurs besuchen, können die Kinder dort spielen. "Es tut mir gut. Es ist zwar nur einmal die Woche, aber ich komme hierhin und habe die Möglichkeit, mit den Kindern zu kommunizieren. Es lenkt mich von allen Problemen ab. Das gefällt mir", sagt Tanja Koktash. In der Ukraine war sie als Musiklehrerin tätig.

An diesem Vormittag sind es sieben Kinder, die sie zusammen mit einer weiteren Ehrenamtlichen betreut. Alle zusammen singen "Alle meine Entchen" auf Russisch, die Sprache mit der Tanja Koktash in der Ukraine aufgewachsen ist. Die Arbeit lenkt sie zumindest ein wenig von der Flucht, den Kriegserlebnissen und ihrer Unsicherheit ab. Noch immer sei die Gesamtsituation schwer zu ertragen, aber sie versuche, sich so gut es geht in der neuen Heimat in Norddeutschland einzuleben, sagt sie. Ähnlich geht es wohl auch den Kindern, die hier betreut werden: "Mir gefällt es hier nicht so, in der Ukraine war es immer noch besser. Weil die Ukraine meine Heimat ist. Da ist mein Herz", sagt die fünfjährige Milana.

Die Ukrainerin Tanja Koktash passt ehrenamtlich in Helmstedt auf Kinder aus ihrem Heimatland auf. © NDR / Lydia Callies
AUDIO: Ukrainerinnen im Norden: Tanja Koktash engagiert sich ehrenamtlich (4 Min)

Tanja Koktash will auch nach den Ferien weitermachen

Die Betreuung geht noch bis Ende Juli, dann endet der Sprachkurs der Mütter. Die ukrainischen Kinder haben alle einen Kindergartenplatz bekommen oder gehen nach den Ferien in die Schule. Tanja Koktasch hofft, dass sie auch zukünftig mit Kindern arbeiten kann. "Ich weiß nicht wie lange wir hier in Deutschland bleiben werden. Natürlich wollen wir zurück in die Ukraine. Aber solange wir hier sind, komme ich gerne einmal oder auch mehrmals die Woche her. Ich würde das auch gerne weitermachen, weil es meine Leidenschaft ist, einen anderen Job kann ich mir nicht vorstellen."

Dann steht das nächste Lied an: Zusammen singen sie ein ukrainisches Volkslied, das sich in ihrer Heimat zu einer Art Überlebenshymne entwickelt hat. Alle Kinder können es auswendig. Tanja kommen dabei die Tränen.   


04.07.2022

Blog #6 - Einzug in die neue Wohnung

Tanja Koktash und ihr Mann Viktor hängen in ihrer neuen Wohnung Bilder auf. © Sabine Hausherr / NDR Foto: Sabine Hausherr
Tanja Koktash und ihr Mann Viktor hängen in ihrer neuen Wohnung Bilder auf.

Tanja Koktash und ihre Familie war rund um die Osterzeit aus Sartana in der Nähe von Mariupol aus der Ukraine geflüchtet. Bis vor wenigen Tagen wohnte sie zusammen mit ihrem Mann Viktor noch bei ihrer Nichte im Gästezimmer. Nun haben die beiden eine eigene Wohnung in Helmstedt in Niedersachsen gefunden, ganz in der Nähe ihrer Tochter und ihren drei Enkelkindern.

Seit nicht einmal zwei Wochen wohnen die beiden in ihrer neuen Wohnung in Helmstedt, und schon jetzt ist sie fast komplett eingerichtet. Fast alles haben sie im Internet oder auf der Straße gefunden: Die holzfarbene Küche mit Dunstabzugshaube ist aus Braunschweig, der Kleiderschrank aus Magdeburg und das Bett aus Helmstedt. "Die Stadt ist wie eine Wundertüte. Man geht hier in Deutschland auf die Straße und findet einfach alles. Die Leute stellen alles raus, was sie nicht mehr brauchen. Die meisten Sachen, die ich jetzt in meiner Wohnung habe, habe ich irgendwo gefunden", sagt Tanja Koktash.

Tanja Koktash und ihr Mann Viktor hängen in ihrer neuen Wohnung Bilder auf. © Sabine Hausherr / NDR Foto: Sabine Hausherr
AUDIO: Ukrainerinnen im Norden: Tanja Koktash zieht in die neue Wohnung (4 Min)

Zum ersten Mal seit wir die 62-Jährige besuchen, wirkt sie nun glücklich. Sie lacht, macht Späße und ist zuversichtlicher als sonst. Sie fühlt sich wohl in ihrem kleinen Mehrfamilienhaus, umgeben von viel Grün, nicht weit von der Helmstedter Innenstadt entfernt. 56 Quadratmeter nur für sie und ihren Mann. Das ist natürlich nicht dasselbe wie ihr großes Haus mit gepflegten Blumenbeeten in der Ukraine, aber wenigstens ist alles ordentlich hier.

Die Rückkehr zu einem "normalen" Leben fällt schwer

Tanja Koktash und ihr Mann Viktor richten ihre neue Wohnung Bilder ein. © Sabine Hausherr / NDR
Tanja Koktash und ihr Mann Viktor richten ihre neue Wohnung Bilder ein.

Zum Innehalten hatte sie in den vergangenen zwei Wochen nur wenig Zeit und das hat ihr offenbar gut getan. Nur, wenn sie zur Ruhe kommt, wird sie wieder nachdenklich. "Es ist ein seltsames Gefühl, als wenn ich in einem Märchen oder einer anderen neuen Realität lebe. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Ich lebe jetzt hier und versuche irgendwie zum normalen Leben zurückzukehren. Nachdem wir alles verloren haben und unser Haus in der Ukraine von Plünderern ausgeräumt wurde und ich viele Dinge verloren habe, weiß ich: Man muss jetzt leben, und sich nichts für später aufheben", sagt Tanja Koktash.

Ohne ihre Verwandten, die nun ebenfalls in Niedersachsen wohnen, hätte sie den Umzug und das schnelle Einrichten der neuen Wohnung nicht bewältigt. Während sie das alles erzählt, muss sie wieder einmal mit den Tränen kämpfen. Doch gleich darauf fasst sie sich wieder, erzählt von ihrem neuen Job. Einmal in der Woche passt Koktash ehrenamtlich in der örtlichen Gemeinde in Helmstedt auf ukrainische Kinder auf, während deren Eltern im Deutschkurs sitzen. "Ich gehe jetzt quasi zur Arbeit, zu meiner Lieblingsarbeit. Ich arbeite mit Kindern. Es sind immer so sieben bis acht Kinder da, das jüngste ist zwei Jahre alt, der älteste ist sechs. Das ist das, wo ich helfen und etwas zurückgeben kann, nachdem mir hier überall geholfen wurde", sagt Tanja Koktash.


15.06.2022

Blog #5 - Anfreunden mit der neuen Heimat

Tanja Koktash schaut auf ihrem Handy ein Video von einem Chor-Konzert in Braunschweig in Braunschweig an.  Foto: Lydia Callies
Tanja Koktash schaut sich zusammen mit ihrer Tochter Iryna auf ihrem Handy ein Video von einem Chor-Konzert in Braunschweig an.

Seit mehr als zwei Monaten wohnt Tanja Koktash nun zusammen mit ihrer Familie in der Nähe von Helmstedt in Niedersachsen. Der Umzug in eine eigene Wohnung steht kurz bevor und so langsam scheint es, dass die 62-Jährige auch die schönen Seiten ihres Zufluchtsortes genießen kann. Auf ihrem Handy läuft ein Video, das sie einen Tag zuvor von einem Chor in Braunschweig gemacht hat. Sie ist immer noch ganz beseelt von dem Konzert. Es war das erste für die frühere Musiklehrerin seit Beginn des Krieges in der Ukraine.

Zu Christi Himmelfahrt hatte sie zusammen mit allen Familienmitgliedern, die inzwischen in Norddeutschland leben, einen Städtetrip unternommen. Mit ihrem Mann, ihrer Tochter und den drei Enkeln sowie den Eltern ihres Schwiegersohns ging es nach Bayern. Nürnberg, München, Oberammergau und Garmisch-Partenkirchen hat die Familie erkundet. Mit dem Neun-Euro-Ticket sind sie außerdem nach Berlin gefahren. Von den deutschen Städten und deren Architektur ist Tanja Koktash begeistert: "Jede Stadt ist auf ihre eigene Art schön. Manche sind sehr gemütlich, aber alle sind originell. Es gefällt mir hier sehr", sagt sie. Die Ausflüge sind eine willkommene Abwechslung für sie und ihre Familie in den schwierigen Zeiten. "Es lenkt mich von schlechten Gedanken und Erlebnissen ab. Ich hoffe, wir können noch mehr reisen und sehen, solange wir hier sind", sagt sie.

Tanja Koktash und ihr Ehemann Viktor bei einem Ausflug in Bayern.
AUDIO: Ukrainerinnen im Norden: Tanja Koktash erkundet die neue Heimat (4 Min)

Und auch bei Wohnsituation der Familie gibt es gute Neuigkeiten: Seit mehr als zwei Monaten hat sie zusammen mit ihrem Ehemann in einem kleinen Dorf im Landkreis Helmstedt bei ihrer Nichte mit im Haus gelebt. Jetzt endlich steht der Umzug in die eigene 57 Quadratmeter große Wohnung in die Innenstadt von Helmstedt an. Viel fehlt nicht mehr: ein Sofa und eine Waschmaschine sowie Kleinigkeiten wie Handtücher und Laken müssen Tanja und ihr Mann noch besorgen. "Ich bin froh, dass wir in die Nähe meiner Tochter und den Enkelkindern ziehen. Wir sind im Moment etwas weit voneinander entfernt", sagt Tanja Koktash. Dann wohnen ihre Enkelkinder in unmittelbarer Nähe und Tanja kann sie mit leckerem Essen verwöhnen. Und auch alle weiteren Gäste sind in der neuen Wohnung willkommen: "Alle haben mich hier herzlich aufgenommen, jetzt möchte ich sie im Gegenzug in unserer Wohnung empfangen."

Seelische Unterstützung und Ablenkung durch die Familie

Die künftige räumliche Nähe zu ihrer Mutter verschafft Tochter Iryna Zeit, für ihren Deutschkurs zu lernen. Zudem hofft sie, dass ihre Mama, die immer noch oft weint, ihr neues - hoffentlich vorübergehendes - Leben besser akzeptieren kann. "Es kann sein, dass es ein Jahr dauert, bis sich die Lage in der Ukraine wieder gebessert hat. Meine Mutter denkt jedoch, dass sie nächste Woche zurück in die Heimat und ihr Haus renovieren kann. Wir versuchen ihr zu sagen, dass geduldig sein muss", sagt Iryna.


18.05.2022

Blog #4 - Wohnungssuche und Zukunftsängste

Tanja Koktash mit ihrer Tochter Iryna in Helmstedt. © NDR/Lydia Callies Foto: Lydia Callies
Tanja Koktash ist mit ihrer Tochter Iryna auf der Suche nach einer Wohnung.

Tanja Koktash geht mit ihrer Tochter Iryna durch die Fußgängerzone von Helmstedt. Hier in der Innenstadt haben sie eine mögliche Wohnung für die 62-Jährige und ihren Mann Viktor gefunden. Das Paar wohnt seit der Flucht aus Mariupol vor rund einem Monat bei einer Nichte in einem benachbarten Dorf. Die ersten Eindrücke der 25.000-Einwohner-Stadt mit den vielen Fachwerkhäusern sind zwar positiv, aber Tanja Koktash ist noch sehr weit davon entfernt, sich zu Hause zu fühlen.

"Mein Leben hier ist bequem, es geht mir gut. Ich habe hier Enkelkinder, ich habe hier Verwandte, die uns helfen und wir helfen ihnen", versucht sie etwas Positives aus der Situation zu ziehen. Doch dann sagt sie niedergeschlagen: "Aber alle meine Gedanken sind in meiner Heimat. Ich hoffe, dass das alles – dieser Albtraum - so schnell wie möglich endet und wir wieder nach Hause zurückkehren können." Nach diesen Worten beginnt die Ukrainerin zu weinen.

Tanja Koktash schaut auf ihr Handy und lächelt bei der Erinnerung an die Fotoaufnahmen. © NDR/Lydia Callies Foto: Lydia Callies
AUDIO: Ukrainerinnen im Norden: Eine Wohnung ist kein Zuhause (4 Min)

Die Bilder in den Nachrichten aus dem zerstörten Mariupol bewegen sie sehr. Für ihre Tochter Iryna Koktash ist völlig klar, dass eine Rückkehr dorthin derzeit nicht möglich ist. Mariupol sei eine tote Stadt, sagt sie. Es gebe keine ausreichende Versorgung und sei viel zu gefährlich.

Wenn überhaupt, dann könnten ihre Eltern nach Kiew gehen, dort hat die Familie ein Apartment. Aber auch das könne nicht jetzt passieren, denn ihre Mama sei nicht in der Verfassung in die Ukraine zurückzukehren. "Ich will, dass sie ruhiger wird, weil sie sich selbst ständig nervös macht. Ich mache mir Gedanken um ihren Zustand. Manchmal muss ich zu ihr sagen: 'Hör auf zu weinen! Entspann dich und lebe!'", erzählt die Tochter der 62-Jährigen.

Tanja Koktash zeigt ein Handyfoto ihres blühenden Gartens in Sartana (Ukraine). © NDR/Lydia Callies Foto: Lydia Callies
Tanja Koktash zeigt ein Handyfoto ihres blühenden Gartens in Sartana (Ukraine).

Die Wohnung zu finden sei schwierig gewesen, berichten die Frauen. Und auch die Einrichtung ist eine Herausforderung. Mehr als 800 Menschen aus der Ukraine sind mittlerweile im Landkreis Helmstedt angekommen. Der Gebraucht-Möbelmarkt sei hier so gut wie leergefegt, erzählt Iryna Koktash. "Nun schauen wir in den näheren Städten. Zum Beispiel haben wir eine Schuhbank und einen kleinen Küchentisch in Braunschweig gefunden. Es ist ein wirkliches Problem. Wir haben nur ein begrenztes Budget und versuchen Sachen zu finden, die einerseits von guter Qualität, aber andererseits nicht so teuer sind – besser sogar kostenlos", sagt sie.

Tanja Koktash dachte bis vor kurzem noch, dass sie bald in ihre Heimat zurückkehren kann. Der Gedanke an die neue Wohnung bedrückt sie sichtlich. "Wir werden uns Mühe geben, irgendwie was aufzubauen", sagt die 62-Jährige. "So eine Art Grundausstattung. Ohne diese ganzen Kinkerlitzchen." Noch haben sie keinen Schlüssel für die Wohnung. Auch das Sozialamt muss noch zustimmen. Tanja Koktash zeigt uns Handybilder des Blumenbeets vor ihrem Haus bei Mariupol. Beim Anblick der Fotos lächelt sie - vor Heimweh.


29.04.2022

Blog #3 - Zerrissen zwischen Sicherheit und Verantwortung

Tanja und Viktor Koktash schauen gemeinsam auf ein Handy. © NDR/privat Foto: NDR/privat
Tanja und Viktor Koktash schauen gemeinsam auf sein Handy.

Tanja und Viktor Koktash sitzen auf dem Sofa und schauen auf das Display seines Handys. Der 65-jährige Ukrainer ist Betriebsrat eines großen Unternehmens in der Stahlindustrie. Unzählige Male sei er schon in dem jetzt von russischen Militärs eingekesselten Stahlwerk Azovstal in Mariupol gewesen, sagt er. "Ich gehe fest davon aus, dass auch viele, die ich kenne, in den Bunkern im Stahlwerk ausharren. Aber ich weiß es nicht genau, es gibt kein Internet und keine Telefonverbindung. Nur Leute, die es aus Mariupol hinaus geschafft haben, können mir sagen, wie die Lage derzeit ist. Und die rufen mich oft an."

Das Büro von Viktor Koktash. © NDR/privat Foto: NDR/privat
Das Gebäude in Mariupol, in dem sich das Büro von Viktor Koktash befand, ist zerstört.

Für 5.500 Mitarbeiter sei er als Betriebsrat verantwortlich, sagt Viktor Koktash. Viele von ihnen hätten alles verloren. Er will sie unterstützen und sucht von Niedersachsen aus im Internet nach neuen Wohnungen in sichereren Orten, schickt Geld, Kleidung, Lebensmittel. Doch eigentlich will er zurück, um vor Ort zu helfen. Doch Tanja will ihn nicht gehen lassen.

Tanja und Viktor Koktash schauen gemeinsam auf ein Handy. © NDR/privat Foto: NDR/privat
AUDIO: Tanja Koktash: Ehemann Viktor will zurück in die Ukraine (4 Min)

Zurück nach Mariupol? Nur gemeinsam