Ein Glas mit einem Zettel drin. Auf dem steht "Trinkgeldbox". Im Hintergrund ist eine Bar zu sehen. © NDR Foto: Lisa Hentschel

Trinkgeld: Wie viel sollte es sein in Zeiten der Inflation?

Stand: 09.08.2022 14:00 Uhr

Trinkgeld in Zeiten von Corona, Inflation und Energie-Krise: ein kontroverses Thema. Notwendige Unterstützung oder Verantwortung der Arbeitgeber? Die Gewerkschaft NGG sagt: "Niemand darf abhängig vom Trinkgeld sein!"

Vor Corona waren es mal zehn Prozent. Vor Corona ging sie mal mit 50 oder 60 Euro nach einer Zehn-Stunden-Schicht zusätzlich nach Hause. Trinkgeld, von dem sie sich damals ein Auto leisten konnte. Das ist längst verkauft, Marina Flourido immer noch Kellnerin. Das macht sie, seitdem sie 16 Jahre alt ist. Damals reichte das Trinkgeld für den Lebensunterhalt. Eine andere Zeit.

Marina Flourido, Kellnerin im Burger Laden "Bobby's Burger" in Hamburg Winterhude, steht am Tresen. © NDR Foto: Lisa Hentschel
Kellnerin Marina Flourido spürt: Es gibt immer weniger Trinkgeld.

"Heute runden viele eher auf oder bestellen online und dann gibt es kaum Trinkgeld mehr", erzählt die 23-jährige Hamburgerin. Dabei sind Menschen in der Gastro-Branche gerade in Zeiten der Inflation auf Trinkgeld angewiesen. Ein Problem, sagt Silke Kettner von der Gewerkschaft "Nahrung-Genuss-Gaststätten" (NGG). Sie betont: Menschen müssen von ihrer Arbeit leben können, unabhängig von Inflation und Trinkgeld.

Ein Glas mit einem Zettel drin. Auf dem steht "Trinkgeldbox". Im Hintergrund ist eine Bar zu sehen. © NDR Foto: Lisa Hentschel
AUDIO: Trinkgeld: Wie viel in Zeiten der Inflation? (4 Min)

NDR.de hat mit der Geschäftsführerin der "NGG" in der Region Hamburg-Elmshorn gesprochen.

Kellnern in der Gastronomie gilt als "Trinkgeldjob". Inwiefern ist hier das Trinkgeld gerade jetzt, in Zeiten der Inflation, entscheidend?

Silke Kettner: Das Trinkgeld ist für Beschäftigte, die bisher Trinkgeld bekommen haben, auf alle Fälle ein Thema. In einer Situation, in der die Preise für Bürgerinnen und Bürger steigen, ist es so, dass auch das Trinkgeld weniger wird. Die Bezeichnung "Trinkgeld-Job" ist in meinen Augen problematisch, weil es in Wirklichkeit "Niedriglohn-Jobs" sind, in denen die Menschen so wenig verdienen, dass es schwierig ist, über die Runden zu kommen. Aber für die ist es ein wichtiger Bestandteil ihres Einkommens. Die Problematik mit dem Trinkgeld ist, dass man sich noch nie drauf verlassen konnte.

Inwiefern sind Kundinnen und Kunden in der Pflicht, Menschen im Einzelgewerbe mit den Preisen angepasstem Trinkgeld zu unterstützen?

Silke Kettner, Geschäftsführerin der NGG in Hamburg-Elmshorn, sitzt an ihrem Schreibtisch. © NDR Info Foto: Lisa Hentschel
Silke Kettner, Geschäftsführerin der "NGG" in Hamburg-Elmshorn, betont: Es darf keine "Trinkgeld-Jobs" geben.

Kettner: Die Aufgabe, dass die Menschen genügend Geld verdienen, liegt bei den Betrieben, bei den Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern. Und wenn das Gehalt so gering bemessen ist, dass man damit nicht klarkommt und von Trinkgeld abhängig ist, dann ist das ein Problem. Trinkgeld ist eine "Gratis-Reingabe", ein "Dankeschön", das freiwillig bezahlt wird. Dafür hat das Trinkgeld seine Bewandnis und ist auch dann eine gute Sache. Aber meine Aufgabe als Kundin ist nicht, dafür Sorge zu tragen, dass der Mensch ausreichend Geld hat, um sein Leben zu finanzieren.

Dem entgegnen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber: 'Wenn ich die Löhne so stark anhebe, wird auch beispielsweise der Burger so teuer, dass ich gleich den Laden dicht machen kann, weil das Geld niemand mehr ausgeben möchte und kann". Was sagen Sie dazu?

Kettner: Ja, es ist eine schwierige Situation. Und es tut sich auch bereits etwas: Die Löhne gehen jetzt rauf. Ergebnis der Tarifverhandlungen, die wir Anfang des Jahres gehabt haben, ist: Ab Oktober gibt es 220 Euro brutto mehr pro Monat für alle Beschäftigten, die tarifvertraglich im Gastgewerbe gebunden sind. Hinzu kommt der 12 Euro Mindestlohn. Das Problem ist allerdings, dass viele Betriebe gar nicht nach Tarifvertrag zahlen. Außerdem gilt es zu berücksichtigen: Wir haben verhandelt, als Inflation und diese starken Preise nicht vorherzusehen waren.

Das heißt: Was braucht es jetzt, um Menschen, die gerade derzeit aufs Trinkgeld angewiesen sind, zu entlasten?

Kettner: Es braucht politische Leistungen, die entlasten. Wir brauchen einen Energiepreis-Deckel, der zumindest einen Grundbedarf an Energie auch zu erschwinglichen Preisen weiterhin den Haushalten zur Verfügung stellt. Wir brauchen außerdem einen Notfallfonds für Haushalte, die nicht in der Lage sind, die Nachzahlungen und Preissteigerungen, die auf sie zukommen, zu stemmen. Das muss einfach aus staatlichen Mitteln finanziert werden.

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass sich viele der Menschen, die in der Gastronomie tätig sind, in der Coronazeit bereits verschuldet haben. Die laufen jetzt in eine ganz schwierige Lebenssituation rein. Und wir haben in Zeiten von Corona gelernt: Hilfsgelder kommen häufig nicht bei Beschäftigten an. Hilfsmaßnahmen für Unternehmen haben natürlich ihre Notwendigkeit, aber dass diese Beschäftigten finanziell automatisch hilft, ist nicht richtig. Deshalb brauchen wir gezielte Entlastungen.

Andere Länder setzen deutlich stärker aufs Trinkgeld als Deutschland. Sind wir nicht auf einem guten Weg?

Kettner: Abhängigkeit vom Trinkgeld geht gar nicht, dann läuft etwas schief! Ein Einkommen aus Arbeit ist dafür da, dass ein Mensch davon leben können muss. Da haben wir eine Schieflage in Deutschland. Das ist seit langer Zeit bekannt. Und ganz wichtig zu wissen: Trinkgeld ist nichts, worauf ich in Deutschland bauen kann: Wenn ich einen Mietvertrag unterschreibe, muss ich mein Einkommen vorlegen. Dann kann ich nicht sagen: "Aber ich kriege ja noch Trinkgeld oben drauf!" Wenn ich einen Kredit aufnehme, gilt das Gleiche. Trinkgeld ist ein Zubrot, aber kein Einkommen.

Was bedeutet das langfristig, fürs Alter?

Kettner: Wenn ich arbeitslos werde, wenn ich krank werde, in Kurzarbeit gehe, Arbeitslosengeld beziehe, später meine Rente bekomme, hilft mir das Trinkgeld nicht weiter. Im Gegenteil: Wenn ich jetzt viel Trinkgeld bekomme, kann es passieren, dass ich in die Altersarmut abrutsche. Denn die Nettoleistungen spielen keine Rolle. Was entscheidend ist, ist der Bruttoverdienst - unabhängig vom Trinkgeld.

Das Interview führte Lisa Hentschel

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 09.08.2022 | 06:22 Uhr

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