Zu Beginn der Maiferien in Hamburg bilden sich am Flughafen Warteschlangen vor den Check-In Schaltern und den Sicherheitskontrollen. © picture alliance / dpa Foto: Markus Scholz

Stress pur: Wenn der Job am Hamburger Flughafen krank macht

Stand: 06.07.2022 13:45 Uhr

Verloren gegangene Koffer, lange Schlangen vor den Sicherheitskontrollen und beim Check-in, verspätete Flüge: Schon seit Wochen produziert der Hamburger Flughafen negative Schlagzeilen. Auch für die Mitarbeitenden ist die Lage besonders belastend - und das nicht erst seit diesem Sommer.

von Astrid Kühn und Lennart Banholzer

Flughafen-Mitarbeiterin Ulrike Grümmert steht an einer Straße und lächelt in die Kamera. © NDR Info Foto: Astrid Kühn
Flughafen-Mitarbeiterin Ulrike Grümmert spricht von einem "Traumjob", beklagt aber den ständigen Stress.

Ulrike Grümmert hat viel zu erzählen. Sie arbeitet seit 27 Jahren an einem Check-in-Schalter am Hamburger Flughafen. "Der Job ist traumhaft", sagt sie. "Ich hab die tollsten Kollegen aller Zeiten, das sind die tollsten Menschen." Aber die Arbeitsbedingungen seien schlecht. Der Job hat Ulrike Grümmert krank gemacht: Zu viel Stress, zu viel Druck belasten sie seit Jahren. Vor sieben Jahren hatte sie dann sogar Panik-Attacken. "Da war ich mal sieben Monate krank und habe eine Reha gemacht", berichtet die Flughafen-Mitarbeiterin. Später sei es ihr wieder besser gegangen. "Aber wir haben ganz viele Kollegen, die Panik-Attacken haben."

Anstrengende Schichten: "Wir sind alle am Ende"

Auch Rina weiß nur zu gut, wie anstrengend die Schichten am Flughafen sein können. Sie arbeitet ebenfalls seit mehr als 20 Jahren beim Flughafen-Dienstleister AHS - und will ihren Nachnamen nicht genannt haben. Direkt nach ihrem Dienst am Check-In und beim Boarding klingt Rina im Gespräch mit NDR Info sehr müde: "Wir sind alle am Ende. Wir sitzen da stundenlang am Check-in und versuchen, jeden Flug zu bewältigen - mit dem Personal, das wir zur Verfügung haben. Man steht unter Zeitdruck, unter Leistungsdruck."

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Reisende schauen am Flughafen Hamburg auf eine Anzeigetafel. © picture alliance / dpa Foto: Bodo Marks

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"Nicht die Pandemie vertrieb die Mitarbeitenden"

Die meisten Kolleg*innen seien nicht wegen der Pandemie gegangen oder entlassen worden, sagen beide Frauen. Vielmehr seien es die Arbeitsbedingungen, die die Leute vertreiben. Viel Stress, bei schlechter Bezahlung.

Wie viel die Mitarbeitenden am Gate und den Check-in-Schaltern verdienen, hänge stark vom jeweiligen Vertrag ab, sagt Lars Stubbe von der Gewerkschaft ver.di. Manchen werde nur eine Mindestzahl an Stunden garantiert: "Sie kriegen Arbeitsverträge, die ihnen nur 120 Stunden im Monat garantieren. Sie sind dann aber aufgefordert, regelmäßig mehr zu arbeiten, um die Spitzen aufzufangen. Andererseits können sie von den normalen 120 Stunden im Grunde gar nicht leben." Der Kostendruck auf den Flughäfen hänge mit der in den 90er-Jahren durchgesetzten Liberalisierung zusammen, die die Konkurrenz unter den Anbietern verschärft habe, sagt Stubbe.

Flughafen-Dienstleister: Es sind Nachwirkungen der Pandemie

Der Flughafen-Dienstleister AHS betont auf Anfrage schriftlich, dass man massiv Beschäftigte rekrutiere und deutschlandweit schon mehrere Hundert Stellen besetzt habe. Man kämpfe aber mit den Nachwirkungen der Pandemie - wie etwa hohen Krankenständen. Wie viele Mitarbeitende die Firma jeweils vor und nach der Pandemie hatte, wollte sie nicht mitteilen. Eine Sprecherin schreibt aber, dass sich die Zahl der eingesetzten Mitarbeitenden am langfristig prognostizierten Flugaufkommen orientiere. Aktuell liege das bei 60 Prozent im Vergleich zu 2019.

Lieber ein Büro-Job als Frühschichten am Airport

Die frühere Flughafen-Mitarbeiterin Melanie Portz hat den Absprung gewagt - und sich einen neuen Job besorgt. Sie hat 23 Jahre für AHS gearbeitet, davon 20 Jahre nur im Frühdienst. Also: 2.15 Uhr aufstehen. "Durch diese Schichten ist man körperlich und psychisch sehr angegriffen", sagt Portz. "Man kommt nicht wirklich zur Ruhe - und dann kriegt man noch Anrufe, ob man am nächsten Tag arbeiten kann. Da habe ich gesagt: 'Es muss sich etwas ändern!' Und so habe ich gekündigt. Das war die beste Entscheidung."

Melanie Portz arbeitet nun im Büro einer Wochenzeitung. Was ihr am positivsten auffällt im neuen Job, ist die Lautstärke: "Es ist so schön ruhig! Wenn man mal einen Tag am Flughafen gewesen ist - zur Ferienzeit, wenn alle laut sind und das Terminal voll ist -, dann weiß man die Ruhe in einem Büro zu schätzen.“

Und jetzt kommt die Hamburger Ferienzeit

Währenddessen werden Ulrike Grümmert und Rina weiter am Check-In und Gate versuchen, die Passagiere bestmöglich zu betreuen. Zu Beginn der Hamburger Sommerferien erwartet der Flughafen 280.000 Passagiere pro Woche. Am Donnerstag ist erster Ferientag. In Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern sind die Sommerferien schon gestartet.

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NDR Info | Aktuell | 06.07.2022 | 07:08 Uhr

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