Stand: 10.10.2019 17:05 Uhr

Für einen Weckruf ist es nach Halle zu spät

Zwei Tote, mindestens zwei Verletzte - der gewalttätige und antisemitische Anschlag in Halle/Saale sorgt für Entsetzen. Der mutmaßliche Täter wollte offenbar ein Massaker in einer jüdischen Gemeinde anrichten. Welche Konsequenzen müssen Politik und Sicherheitsbehörden ziehen?

Ein Kommentar von Holger Schmidt, SWR, ARD-Terrorismus-Experte

Bild vergrößern
Die Taten von Halle werfen viele Fragen auf, meint Holger Schmidt.

Menschen in einer deutschen Synagoge, die um ihr Leben fürchten. Ein schwerbewaffneter Judenhasser, der versucht, die Tür zum jüdischen Gemeindezentrum aufzusprengen und aufzuschießen. Eine Frau, die erschossen wird, weil sie ihm auf der Straße begegnet. Ein Mann, der stirbt, weil er in einem Döner-Imbiss zu Mittag essen will. Viele verängstigte Besucher der Synagoge, denen eine stabile Eingangstür das Leben gerettet hat.

Verstörende Ereignisse

Die Ereignisse von Halle sind verstörend. Terror im Wortsinne. Angst und Schrecken herrschten am Mittwoch in der Stadt. Was der Täter plante, gehört zu den schlimmsten Szenarien, auf die sich deutsche Sicherheitsbehörden vorbereiten. Und als es dann gestern eintritt, ist an der Synagoge weit und breit kein Polizist zu sehen.

Die Taten von Halle werfen viele Fragen auf - an die Polizei, an den Verfassungsschutz. Sicher, gewarnt haben sie vor einer zunehmenden Gewaltbereitschaft im rechtsextremen Milieu. In anderen Fällen, auch das muss man deutlich sagen, haben sie rechtzeitig Terrorgruppen ausgehoben - so wie die Oldschool Society, die Gruppe Freital oder die sogenannte Revolution Chemnitz.

Doch den 27-jährigen Mann aus Sachsen-Anhalt, der mit einem ganzen Arsenal an Waffen und Sprengsätzen in einem Mietwagen vor die Synagoge fährt, kannten sie nicht. Und niemand war da, die Synagoge zu schützen.

Umständliche Prüfungen auf politischer Ebene

Ich würde jetzt gerne sagen, dass die Tat von Halle ein Weckruf sein muss, die Gefahr von rechts noch ernster zu nehmen. Doch dazu ist es längst zu spät. Zwei Menschen sind am Mittwoch in Halle gestorben. Der Politiker Walter Lübcke ist im Juni ermordet worden. Aus Chat-Protokollen und anderen Ermittlungen gegen rechten Terror kennen wir Mordlust, Gewaltfantasien, Fremdenhass und Antisemitismus.

Unterdessen prüfen Ministerialbeamte umständlich, welche rechten Gruppen verboten werden können. Betonen Bürgermeister, dass es jedenfalls in ihrer Stadt oder Gemeinde sicher kein Problem mit Rechten gibt - und gießen Populisten und Internet-Trolle Öl ins Feuer, indem sie permanent Fremdenfeindlichkeit schüren und die Verrohung der politischen Diskussion befeuern.

Auftrieb für die, die nach Bestätigung für ihren Hass suchen

Eine Journalistin aus der Schweiz hat mich am Tag nach dem Anschlag von Halle mit dem Blick von Außen ganz direkt gefragt, ob das zusammenhängt: die Tat in Halle und die zunehmende Stärke der AfD und anderer Rechtspopulisten.

Mir ist das allerdings zu einfach, wenn man sagt, dass eine wachsende Unzufriedenheit mit etablierten Parteien schon an sich rechten Terror und Gewalt erzeugt.

Doch andererseits steht es außer Frage, dass ein zunehmend verrohendes Klima in der öffentlichen Auseinandersetzung und das Verächtlich-Machen von Minderheiten denjenigen Auftrieb gibt, die nach Bestätigung für ihren Hass suchen.

Eine Frage von moralischer Mitschuld

Auf dem Video des Täters wird deutlich, dass er zwar weitreichende Pläne hatte, sich aber offensichtlich selbst nicht viel zugetraut hat. Einiges ist am Mittwoch nicht so gelaufen, wie er es sich vorgestellt hat - zum Glück für viele Menschen, die in unmittelbarer Gefahr waren.

Der Täter hat am Mittwoch von sich selbst als Loser gesprochen. Ob er Mittäter oder Helfer hatte, müssen jetzt die Ermittlungen ergeben.

Aber alle, die einem Loser wie ihm das Gefühl geben, dass seine Tat und seine Ideen richtig sind, haben eine moralische Mitschuld.

Weitere Informationen

Hunderte Menschen bei Mahnwache in Hannover

In mehreren Städten Niedersachsens hat es am Donnerstag Mahnwachen und Solidaritätsaktionen gegeben. In Hannover erinnerten mehrere Hundert Menschen an die antisemitische Bluttat in Halle. mehr

Mahnwachen im Norden nach Anschlag in Halle

Die Attacke in Halle mit zwei Toten hat auch im Norden Entsetzen hervorgerufen. Mit Mahnwachen vor jüdischen Gotteshäusern brachten Menschen ihre Anteilnahme zum Ausdruck. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 10.10.2019 | 17:08 Uhr

Mehr Nachrichten

01:14
Schleswig-Holstein Magazin
04:23
Hallo Niedersachsen
02:12
Schleswig-Holstein Magazin