Szene in einer  Intensivstation © picture alliance/dpa Foto:  Danny Gohlke

FAQ: Warum die Hospitalisierungsrate als Indikator ungeeignet ist

Stand: 20.11.2021 11:30 Uhr

Die Hospitalisierungsinzidenz ist nach dem Beschluss von Bund und Ländern nun der wichtigste Indikator der Corona-Pandemie - neue politische Maßnahmen beruhen auf diesem Wert. Dabei gibt es an dieser Kennzahl große Kritik, Fachleute halten sie für ungeeignet. Warum?

von Isabel Lerch

Was genau ist die Hospitalisierungsinzidenz?

"Hospitalisieren" bedeutet Einweisen ins Krankenhaus. Mit "Hospitalisierung" ist daher Folgendes gemeint: Die an das Robert Koch-Institut (RKI) übermittelte Anzahl der Covid-19-Fälle, die ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen. Damit diese Werte auch zwischen Regionen mit unterschiedlichen Bevölkerungs- und damit auch Fallzahlen vergleichbar sind, werden die Krankenhauseinweisungen als Rate umgerechnet, das heißt jeweils für den Zeitraum der vergangenen sieben Tage addiert und auf 100.000 Einwohner*innen umgerechnet. Die Hospitalisierungsrate - oder Hospitalisierungsinzidenz - gleicht daher in ihrer Berechnung der Inzidenz der Corona-Neuinfektionen.

Ist diese Kennzahl zur Bewertung der Corona-Lage geeignet?

Viele Expertinnen und Experten meinen: nein. In ihrer jetzigen Form sei diese Corona-Kennzahl als Indikator zur Einschätzung der Pandemie ungeeignet. Hauptgrund dafür ist die lückenhafte Datengrundlage und der starke zeitliche Meldeverzug. Dieser verzerre die Werte und unterschätze somit die Pandemie und die Lage in den Krankenhäusern, heißt es. Dieser Meldeverzug zeigt sich auch bei der Sieben-Tage-Inzidenz der Corona-Neuinfektionen - allerdings ist er dort nicht so stark ausgeprägt wie bei der Hospitalisierungsinzidenz. Denn während es bei der Inzidenz der Neuinfektionen drei bis fünf Tage dauert, bis alle Daten eingetroffen sind, dauert es bei der Hospitalisierungsinzidenz teilweise bis zu zwei Wochen oder länger, bis alle hospitalisierten Covid-19-Fälle beim RKI gemeldet sind.

Warum kommt es zu einem so starken Meldeverzug bei den hospitalisierten Covid-19-Fällen?

Das hat unterschiedliche Gründe. Eine der Hauptursachen für den Meldeverzug dürften die Meldeketten in den Krankenhäusern sein - denn diese sind bislang nicht so eingespielt und daher nicht so effizient. Das dürfte daran liegen, dass bislang kaum Krankheiten in Deutschland meldepflichtig sind. Die Krankenhäuser sind es daher bislang nicht gewohnt, bestimmte Erkrankungen möglichst schnell an das jeweilige Gesundheitsamt zu melden. Krankenhäuser können dies aufgrund unterschiedlicher personeller Kapazitäten schneller oder weniger schnell leisten. Zudem muss mitunter nach der Hospitalisierung festgestellt werden, ob überhaupt eine Covid-19-Erkrankung vorliegt. Denn nicht bei allen hospitalisierten Covid-19-Fällen ist bereits zum Zeitpunkt der Krankenhauseinlieferung klar, dass es sich um einen Corona-Fall handelt. Die Versorgung akuter Notfälle hat oberste Priorität. Ein Corona-Test kann sich somit verzögern, ebenso das offizielle Laborergebnis. Zudem unterscheiden sich regional die Meldeprogramme der Krankenhäuser und der jeweiligen Gesundheitsämter voneinander - auch hier kann es zu Verzögerungen kommen.

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Welche Folgen hat der Meldeverzug?

Wie schnell oder langsam ein Bundesland meldet, hat direkte politische Konsequenzen. Denn meldet ein Bundesland grundsätzlich langsamer, dann werden auch die neuen, gesetzlichen Schwellenwerte bei der Hospitalisierungsinzidenz von 3, 6 und 9 später erreicht. Somit greifen Maßnahmen, die das Pandemiegeschehen eindämmen sollen, später als nötig. Meldet ein Bundesland seine hospitalisierten Covid-19-Fälle hingegen zeitnah, greifen bei einer steigenden Hospitalisierungsinzidenz strengere Maßnahmen möglicherweise schneller. Aktuell zeigt eine Analyse des Science Media Center, dass beispielsweise Hamburg am langsamsten von allen Bundesländern meldet. Dies dürfte also mit ein Grund dafür sein, dass die Hospitalisierungsinzidenz in der Hansestadt niedriger ist.

Gibt es die Möglichkeit, die Aussagekraft der Hospitalisierungsinzidenz zu verbessern?

Ja, es gibt verschiedene Möglichkeiten. So gibt es beispielsweise statistische Verfahren wie das Nowcasting. Dabei wird versucht, den entstehenden Meldeverzug auszugleichen, indem man realistischere Werte schätzt. Das RKI nutzt dieses Verfahren zwar teilweise und bietet eine entsprechend angepasste Schätzung an. Allerdings nicht in seiner werktäglichen Berichterstattung der Hospitalisierungsinzidenz, die montags bis freitags im Situationsbericht und online unter Covid-19-Trends abgerufen werden kann - sondern diese angepasste Schätzung mittels Nowcasting-Verfahren erscheint nur einmal wöchentlich im jeweiligen RKI-Bericht. Tagesaktuelle Schwankungen spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Doch eben diese tagesaktuellen Werte dürften für die Bundesländer den Ausschlag für strengere oder lockere Corona-Maßnahmen geben. Die politischen Maßnahmen werden somit auf der Grundlage von Kennzahlen beschlossen, die ungenau sind und das Pandemiegeschehen und die reale Situation in den Krankenhäusern unterschätzen.

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