Christian Drosten © picture alliance Foto: Christophe Gatea

Drosten im Corona-Podcast: Die Gefahr köchelnder Cluster

Stand: 13.10.2020 17:00 Uhr

Der Virologe Christian Drosten erklärt in der neuen Podcast-Folge, wie wichtig Kontakt-Tagebücher bei der Suche nach Infektionsherden sind. Und er spricht über Antigen-Tests als Türöffner.

von Ines Bellinger

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erkennt Akzeptanzprobleme bei Corona-Maßnahmen, Christian Drosten beobachtet "Abnutzungseffekte". In der neuen Podcast-Folge des "Coronavirus-Update" bei NDR Info warnt der Virologe von der Berliner Charité vor nachlassender Aufmerksamkeit im Umgang mit der Pandemie. Obwohl die Zahl der Neuinfektionen wieder deutlich steigt, sei es schwer, das Verständnis für strenge Maßnahmen aufrechtzuerhalten, weil das Problem in der Gesellschaft nicht sichtbar sei: "Wir haben einfach noch keine wiedereinsetzende hohe Sterblichkeit. Wir haben noch keine komplett vollen Intensivstationen, wie das in anderen Ländern bereits wieder ist", sagt Drosten.

Umschalten in aktiven Teilnahmemodus

Dabei komme es gerade in dieser Phase der Pandemie darauf an, den Zeitpunkt zum entschlossenen Gegensteuern nicht zu verpassen. Drosten plädiert dabei weniger für lokale als vielmehr für "allgemeingültige Maßgaben", die den Ereignissen nicht hinterherlaufen. Und er nimmt jeden Einzelnen in die Verantwortung, nicht nur die AHA-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske) einzuhalten. "Es ist nicht so, dass Politiker jede kleine Situation im Alltag regulieren können und am besten noch separat pro Bundesland", sagt er. "Sondern irgendwann muss eben die Gesellschaft umschalten in einen aktiven Teilnahmemodus. Und dazu gehören Aufmerksamkeitsübungen wie das Führen eines Cluster-Kontakt-Tagebuchs."

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash

AUDIO: Die neue Podcast-Folge: Das Dilemma der Politik (64 Min)

Drosten: Mit Kontakt-Tagebuch dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen

So könne jeder jeden Abend Situationen notieren, in denen er sich nicht wohlgefühlt hat, etwa mit zu vielen Leuten in einem geschlossenen Raum. Das würde nicht nur für möglicherweise kritische Situationen sensibilisieren, sondern auch dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen und so die Quellen von Infektionen leichter identifizierbar machen. Aus Meldestatistiken wisse man, dass bei mehr als der Hälfte aller erfassten Infektionen nicht klar ist, in welchem Cluster sie entstanden sind, also in welcher Menschengruppe es ein bestimmtes Infektionsgeschehen gegeben hat.

Fallverfolgung: Quell-Cluster köcheln weiter

Drosten sieht das als Schwachpunkt im Meldesystem, nicht nur im deutschen: die Fallverfolgung, die sehr stark auf das Verhindern weiterer Ansteckungen ausgerichtet ist - zu einem Zeitpunkt, an dem der Patient schon nicht mehr so infektiös ist wie möglicherweise noch vor einigen Tagen. "Was das Infektionsgeschehen wirklich treibt, ist das Quellcluster, aus dem er seine Infektion hat", sagt Drosten. Meist könnten sich Menschen nicht mehr an Gefährdungssituationen erinnern, die sieben oder zehn Tage zurückliegen. Aber: "Dieses Cluster köchelt immer noch."

Ein Blick in aktuelle Meldestatistiken zeige, dass Familienfeiern gerade als Haupttreiber des Pandemie-Geschehens angesehen werden. Aber woher kommt dieser Eindruck? Solche Partys, erklärt Drosten, wurden bei der überwiegenden Zahl der rekonstruierten Fälle als Infektionsherd ausgemacht. Die rekonstruierbaren Infektionen seien jedoch in der Minderheit, was die Beurteilung des Gesamtgeschehens relativiere.

Studie aus Indien belegt Übertragungsmuster

Wie wichtig spezifische Maßnahmen gegen Cluster sind, verdeutliche auch eine Studie, die im Fachmagazin "Science" veröffentlicht wurde. "Die Studie ist deswegen so interessant, weil sie in Indien durchgeführt wurde, einem Land, in dem es nicht so leicht ist, einen Lockdown zu bewerkstelligen", sagt Drosten. Wissenschaftler nehmen daher an, dass sich Sars-CoV-2 dort noch natürlich ausbreiten kann und damit ein ungesteuertes Infektionsgeschehen abgebildet wird.

Die Studie aus den Bundesstaaten Andhra Pradesh und Tamil Nadu im Südosten des Landes zeige, dass jeder Index-Fall (der jeweils erste Infizierte) im Mittel 7,3 Kontakte hatte, 0,2 Prozent aller Index-Fälle jedoch mehr als 80. Gleichzeitig hatten knapp 70 Prozent aller Index-Fälle keinen positiv getesteten Kontaktfall in der Umgebung. Für Drosten unterstreichen die Ergebnisse, "wie stark also auch hier in dieser Situation in Indien diese Erkrankung sich in Clustern, in Superspreading Events verbreitet", und damit häufig in derselben Altersgruppe.

Antigen-Tests für mehr Freiraum

Im Podcast geht Drosten auch noch einmal auf die Teststrategie in Deutschland ein, die sich seiner Meinung nach von technischen Massentestungen für Reisende wieder hin zu medizinisch notwendigen Tests bewegen müsse. Derzeit kämen Antigen-Tests auf den Markt, die weniger zur Diagnostik einer Covid-19-Erkrankung geeignet seien, dafür aber schnelle Resultate lieferten, wie infektiös jemand gerade ist. Das könne beispielsweise bei Besuchen in Pflegeheimen helfen oder bei Präsenzveranstaltungen. Wenn in den nächsten Wochen und Monaten genügend dieser Antigen-Tests bereitgestellt würden, sagt Drosten, "wird das an vielen Stellen Türen öffnen", gerade in der Erkältungssaison.

Weitere Informationen
Der Virologe Prof. Christian Drosten und die Virologin Prof. Sandra Ciesek (Montage) © picture alliance/dpa, Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Christophe Gateau,

"Coronavirus-Update": Der Podcast mit Drosten & Ciesek

Hier finden Sie alle bisher gesendeten Folgen zum Nachlesen und Nachhören sowie ein wissenschaftliches Glossar und vieles mehr. mehr

Stapel Papier © NDR

Coronavirus-Update - Die Podcast-Folgen als Skript

Weil viele Hörerinnen und Hörer danach gefragt haben, bieten wir unser regelmäßiges Coronavirus-Update jetzt auch in schriftlicher Form an. Hier finden Sie die Skripte zum Herunterladen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Das Coronavirus-Update von NDR Info | 13.10.2020 | 17:00 Uhr

Mehr Nachrichten

Ein Schüler betrachtet im Unterricht seine Schutzmaske, die er in der Hand hält. © picture alliance Foto: Robert Michael

Corona-Blog: Teilweise Maskenpflicht für Grundschüler in SH

In Risikogebieten müssen auch Schüler der Klassen 1 bis 4 im Unterricht eine Maske tragen. Wichtige Corona-News im Blog. mehr

Drei Polizisten an den Gleisen in Nordenham © dpa Bildfunk Foto: Sina Schuldt

Nordenham erwartet den Castortransport - Polizei ist vor Ort

Der Atommüll soll nach der Ankunft des Schiffs auf Güterwaggons verladen und anschließend ins hessische Biblis gebracht werden. mehr

Mäusebussard © NDR Foto: Karl-Heinz Fritschek aus Neubrandenburg

Vogelgrippe erreicht MV: Virus bei einem Bussard nachgewiesen

Bei einem auf Rügen verendeten Mäusebussard haben Experten vom FLI jetzt das Vogelgrippe-Virus H5N5 nachgewiesen. mehr

Der Schauspieler Sean Connery. © picture alliance/PA Media/dpa Foto: Danny Lawson
15 Min

Nachruf: James-Bond-Darsteller Sean Connery ist tot

Sir Thomas Sean Connery ist im Alter von 90 Jahren auf den Bahamas gestorben. Er drehte mehr als 50 Filme, James Bond war seine wichtigste Rolle. 15 Min