Stand: 15.09.2020 17:00 Uhr

Drosten: "Es ist gewagt, was manche da so sagen"

von Marc-Oliver Rehrmann
Christian Drosten © picture alliance Foto: Christophe Gatea
Der Virologe Christian Drosten tritt in der jüngsten Podcast-Folge der Kritik von Medizinern und "Querdenkern" entgegen, die die Corona-Maßnahmen für überzogen halten.

In der neuen Podcast-Folge des "Coronavirus-Update" macht Virologe Christian Drosten klar, dass er die zuletzt lauter werdende Kritik an den Corona-Regelungen der Politik nicht teilt. "Es ist ganz schön gewagt, was manche da so sagen", meint Drosten. Er hält es für fatal, wenn einige Mediziner den Eindruck erwecken wollten, der "Lockdown" im Frühjahr sei nicht nötig gewesen. "Das ist genauso intelligent, wie in dieser schönen Spätsommerwoche zu sagen: 'Es regnet doch gar nicht! Was machen wir uns für Sorgen vor dem Herbst?! Was reden wir denn über Regen, Nebel und diesiges Wetter? Schauen wir mal nach draußen, es ist doch alles super!" Dieser Gedankengang führe in die Irre, so Drosten.

Man sehe zwar die Pandemie im Alltag gerade nicht. Und der Gesamteindruck, dass es momentan in Deutschland nur wenige Infektionen gibt, sei nicht falsch. "Aber das muss nicht so bleiben. Man muss da nur in die Nachbarländer schauen", mahnt Drosten.

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash

AUDIO: Coronavirus-Update: Die aktuelle Folge (72 Min)

Virologe: "Keine reihenweise falsch positiven Corona-Befunde"

Behauptungen, wie sie auch auf "Querdenker-Demos" zu hören sind, dass sämtliche als positiv gemeldeten Test-Ergebnisse falsch positiv seien, bezeichnet Drosten als Unsinn. "Es ist nicht der Fall, dass reihenweise falsch positive Meldungen in die Statistiken eingehen, hinter denen gar keine Krankheitsfälle stehen." In den Laboren gebe es eindeutige Befunde. "Und wenn es grenzwertige Befunde gibt, werden die Proben überprüft und erneut getestet", versichert Drosten.

Christian Drosten setzt auf Schnelltests im Winter

Mit Blick auf den kommenden Winter schreibt Drosten den Schnelltests - auch Antigen-Tests genannt - eine besondere Rolle zu. Die Schnelltests seien zwar nicht perfekt, weil sie nicht ganz so empfindlich und genau sind wie die bislang üblichen PCR-Tests. "Aber die Antigen-Tests haben einen riesigen Vorteil: Sie sind sehr schnell und vor Ort verfügbar. Was nützt mir ein PCR-Test, der sehr empfindlich ist, aber auf dessen Ergebnis ich drei, vier Tage warten muss, weil die Labore überlastet sind?!"

Wer darf Schnelltests durchführen?

Zu klären sei noch, wer diese Schnelltests durchführen darf. Als fiktives Beispiel nennt Drosten ein großes Theater in Deutschland, das eine Aufführung mit Publikum ermöglichen will und sich nun fragt, ob dafür ein Schnelltest an der Theaterkasse möglich wäre. Muss sich dieses Theater dafür einen Laborarzt einstellen oder reicht es, wenn ein Theaterkassen-Mitarbeiter einen Ausbildungskurs über zwei Tage macht? "Das sind Fragen, die wir in den kommenden Wochen dringend diskutieren müssen - nicht unbedingt in der breiten Öffentlichkeit, aber in der Politik und in den Ministerien", findet Drosten.

"Masken im Unterricht sind nicht entscheidend"

Ein Reizthema seit Wochen sind Alltagsmasken an Schulen. Sollten überall die Kinder und Jugendlichen auch im Unterricht Masken tragen? Drosten denkt, dass solch ein Schritt für die Gesamtlage in Deutschland keinen großen Effekt hätte. "Es ist sicherlich so, dass Masken im Unterricht die Gefahr eines Klassenausbruchs verringern. Das ist aber auch nur dieser eine Klassenausbruch."

Drosten will sich auch nicht auf die Seite derjenigen schlagen, die deutlich stärkere Einschränkungen fordern, um mit einem besonders niedrigen Infektionsniveau in den Winter zu gehen: "Solche Maßnahmen wären zwar aus epidemiologischer Sicht richtig, aber in der Gesellschaft eben nicht tolerabel."

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"Die Politik wollte bundesweite Schulschließungen"

Der Virologe betont, dass die bundesweit angeordneten Schulschließungen im Frühjahr nicht den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zugeschrieben werden könnten. Man habe damals ein regionales Vorgehen empfohlen, sagt Drosten. Dass nach der Sitzung jedes Bundesland entschieden hat, seine Schulen zu schließen, sei nicht auf die Wissenschaft zurückzuführen.

Gibt es in Afrika weniger Todesfälle?

Nicht nur die Lage in Deutschland ist Thema der aktuellen Podcast-Folge. Denn viele Hörerinnen und Hörer interessiert auch die Frage, wie sich das Coronavirus auf das Leben in Afrika auswirkt. Die vorliegenden Zahlen legen den Schluss nahe, dass der Kontinent nicht sehr stark betroffen ist. Offiziell gab es innerhalb von sechs Monaten 1.300.000 nachgewiesene Infektionen, gut 32.000 Todesfälle sind bislang gemeldet. Aber wie aussagekräftig sind diese Zahlen? "Bislang kann ich nicht erkennen, warum die afrikanischen Bevölkerungen im Zuge der Corona-Epidemie von Todesfällen weniger betroffen sein sollten", sagt Drosten.

Er führt die niedrigen Infektions- und Todeszahlen eher auf die mangelhaften Meldesysteme in vielen afrikanischen Staaten zurück. Weniger Todesfälle gebe es höchstens in den Großstädten, weil die Bevölkerung dort besonders jung sei, so Drosten.

"Afrika beim Impfstoff nicht außen vor lassen"

Hoffnung mache eine Studie über die Lage in Kenia. Demnach gebe es in der Bevölkerung in den Großstädten Nairobi und Mombasa womöglich bereits eine Art Herden-Immunität. "Allerdings dürfen diese Erkenntnisse nicht zu der Schlussfolgerung führen: In Afrika ist das Thema schon gegessen", sagt Drosten. Vor allem mit Blick auf die weltweite Diskussion, welche Länder wie viel Impfstoff erhalten, wäre dies fatal.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 15.09.2020 | 18:05 Uhr

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