Stand: 27.04.2020 00:09 Uhr

Corona: Neue Daten stellen Epidemie-Verlauf infrage

von Björn Schwentker

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Neue Infektionszahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) zeichnen ein anderes Bild vom Verlauf der Coronavirus-Epidemie.

Neue Infektionszahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) zeichnen ein anderes Bild vom Verlauf der Coronavirus-Epidemie, als dies mit den bisherigen Meldedaten möglich war. So sinken die Neuinfektionen mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2, das die schwere Erkrankung Covid-19 auslöst, deutlich langsamer, als es die Zahl der neuen Meldefälle suggeriert, die üblicherweise in den Medien abgebildet werden. Allerdings wird nun auch sichtbar, dass die Zahl der Neuerkrankungen schon zurückging, als am 23. März die Kontaktbeschränkungen verhängt wurden.

Bisher sah es anhand der Meldedaten so aus, dass diese Trendwende erst zwei Wochen später kam. Denn die Meldezahlen geben nur das Datum an, an dem eine Krankheit den Behörden bekannt wurde. Der tatsächliche Krankheitsbeginn liegt aber bis zu zwei Wochen oder mehr vor diesem Zeitpunkt.

Erstmals tatsächlicher Erkrankungsbeginn geschätzt

Die neue, genauere Sicht auf das Infektionsgeschehen ist nun möglich, da das RKI in seinen neuen Daten namens "Nowcast" den Zeitverzug zwischen Erkrankungsbeginn und behördlicher Erfassung herausrechnet. Zusätzlich schätzt das Institut, wie viele Angaben zu Neuinfektionen aktuell vorliegen würden, wenn sich die Meldungen nicht auch noch dadurch verzögern würden, dass die örtlichen Gesundheitsbehörden sie verspätet nach Berlin schicken.

Durch diese Zeitkorrekturen lässt sich nun erheblich schneller ablesen, ob sich die Zahl der Neuinfektionen ändert. Etwa als Reaktion auf Schutzmaßnahmen oder deren Lockerung. Bis Veränderungen bei den Neuinfektionen sichtbar werden, vergeht nun nur noch die Inkubationszeit des Virus. Sie liegt im Durchschnitt bei fünf Tagen, schwankt aber zwischen einem und zehn Tagen. Erste Auswirkungen können sich also durchaus schon früh abzeichnen.

Neuinfektionen sinken nur halb so schnell

"Der Nowcast ist eine sehr wichtige Darstellung der Neuinfektionen", sagt Gérard Krause, Leiter der Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig. "Beim Blick auf die unkorrigierten Meldezahlen entsteht schnell der Eindruck, die Neuerkrankungen gingen schneller zurück, als sie es tatsächlich tun."

Tatsächlich sinkt die Zahl der neu Infizierten in den Meldedaten fast doppelt so schnell wie im Nowcast: Innerhalb von zwei Wochen nachdem die täglichen Neuerkrankungen ihren Gipfel erreicht hatten, sanken sie laut Meldedaten bereits knapp um die Hälfte. Laut Nowcast - also unter Berücksichtigung des tatsächlichen Erkrankungsbeginns - sanken die Neuerkrankungen aber gerade mal um ein Viertel. Das Infektionsrisiko, so wird jetzt deutlich, geht also nur halb so schnell zurück, wie es bisher schien.

Meldedaten senden trügerische Signale

Die Meldedaten suggerieren damit mehr Erfolg im Kampf gegen das Virus, als tatsächlich erreicht wurde. Auch wenn die Zahl der Neuerkrankungen in Zukunft nicht mehr sinken sollte, beschönigen die Meldedaten die Situation: Nähme die Epidemie wieder an Fahrt auf, würden die Meldedaten darauf nicht nur zu spät reagieren. Sie wiesen dann auch zu niedrige Fallzahlen aus, so wie in der Anfangsphase des Ausbruchs im März.

Sollte die Epidemie so verlaufen, dass sich die täglichen Neuinfektionen künftig auf einem konstanten Niveau halten, würden die Meldedaten die tatsächlichen Infektionen unterschätzen - und unter die Fallzahlen Nowcasts fallen. Und somit ein Zeichen der Entspannung senden, das trügt.

Auf welcher Datengrundlage entscheidet die Politik?

Nach Angaben des Robert Koch-Instituts wusste die Bundesregierung am 23. März, als die Kontaktsperre kam, genauso wenig wie die Öffentlichkeit, dass die Neuinfektionen bereits sanken. Ebenso wusste sie, als eine Woche zuvor am 16. März Kitas und Schulen schlossen, nicht, mit welcher Wucht die Epidemie das Land bereits getroffen hatte.

Zwar gibt der aktuelle Nowcast für den 16. März bereits 5.000 Neuinfektionen an. Aber das ist erst heute bekannt. Die Bundesregierung musste am 16. März von dem ausgehen, was das RKI in seinem Situationsbericht nannte: einem Anstieg der Infektionen um lediglich knapp 1.200 laborbestätigte Covid-19-Fälle.

Erst als das Bundesinstitut die Berechnung des Nowcasts am 9. April in einer Studie vorstellte, bekam die Regierung erstmalig Nowcast-Werte zu sehen. Zwar habe das Institut die Schätzmethode schon früher verwendet. Doch bevor sie verlässliche Daten lieferte, habe man das Modell erst an das neuartige Coronavirus anpassen müssen, und an das Meldeverhalten von Erkrankten und Behörden. Dazu sei es nötig gewesen, zunächst über viele Wochen Daten zu sammeln, heißt es am RKI.

Detaillierte Angaben auch zu Altersgruppen denkbar

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Nun könnten die Daten für die politische Diskussion eine wichtige Entscheidungsgrundlage werden. Zumal sich damit noch mehr aussagen ließe, als nur, wie sich die Fallzahlen für ganz Deutschland verändern, erklärt ein Experte des Robert Koch-Instituts. So könne man gezielt die Entwicklung in einzelnen Altersgruppen untersuchen.

In seiner Studie zum Nowcast schreibt das Institut: "Eine Betrachtung nach Geschlecht und Altersgruppen zeigt, dass die prognostizierte Anzahl von Fällen pro 100.000 Einwohner in der Altersgruppe 80+ besonders stark ansteigt." Konkrete Zahlen, die diesen Anstieg beziffern, hat das RKI allerdings noch nicht vorgelegt.

Auch für einzelne Bundesländer seien Nowcast-Werte prinzipell berechenbar, heißt es am RKI. Dies habe man aber noch nicht umgesetzt. Für die Lockerungsdiskussion könnten solche Zahlen wertvoll sein. Lägen sie vor, ließe sich mit Ihnen mögicherweise schneller bewerten, welche Lockerungen - vielleicht auch nur regional - verantwortbar sind, und welche eher wieder verstärkt werden müssen.

Auch neue Methode erfasst nicht die Dunkelziffer

Auch die Nowcast-Daten geben nicht das vollständige Infektionsgeschehen wieder. Denn wie die herkömmlichen Meldedaten können auch sie nicht die Dunkelziffer derjenigen erfassen, die infiziert sind und nie getestet werden. Fallzahlen, die ein komplettes Bild der Virusausbreitung in der gesamten Bevölkerung abgeben, liegen daher weder mit dem neuen Nowcast vor, noch stehen sie überhaupt in Aussicht. Die Bewertung der Corona-Krise und ihrer Risiken wird mit dem Nowcast zwar leichter, bleibt aber unvollständig.

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NDR Info | NDR Info | 25.04.2020 | 12:45 Uhr