Die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek © Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Ellen Lewis

Ciesek: "Der Oster-Lockdown wird keinen starken Effekt haben"

Stand: 23.03.2021 17:00 Uhr

In der neuen Folge des NDR Info Podcasts Coronavirus-Update äußert sich die Virologin Sandra Ciesek zu den Beschlüssen beim Bund-Länder-Gipfel. Der geplante "Oster-Lockdown" werde keine große Wirkung haben. Zudem klärt der Podcast, was es mit der seltenen Folge-Erkrankung PIMS bei Kindern auf sich hat - und was die Thrombose-Fälle nach einer AstraZeneca-Impfung so besonders macht.

von Marc-Oliver Rehrmann

Seit dem jüngsten Bund-Länder-Gipfel ist klar: In Deutschland wird es einen "Oster-Lockdown" geben. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach von einer "Ruhepause" von Gründonnerstag bis Ostermontag. Nur am Karsamstag soll der Lebensmitteleinzelhandel im engen Sinne geöffnet bleiben, ebenso Tankstellen. In Australien war ein ähnlicher mehrtägiger Lockdown erfolgreich. Ist dieser Effekt auch hierzulande zu erwarten? Sandra Ciesek rechnet nicht damit. Die Ausgangssituation sei in Deutschland mit den recht hohen Sieben-Tage-Inzidenzwerten eine ganz andere als Anfang des Jahres in Australien. Dort wurden Kurz-Lockdowns eingesetzt, sobald wenige neue Corona-Fälle bekannt wurden.

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"Ich befürchte, dass in Deutschland ein so kurzer Shutdown, der ja zudem am Ostersamstag unterbrochen wird, nicht den Effekt haben wird, den sich viele vorstellen oder wünschen." Die Leiterin der Virologie des Universitätsklinikums Frankfurt hält die "Ruhepause" für schlichtweg zu kurz, um eine starke Wirkung bei den Infektionszahlen erzielen zu können.

Regelmäßige Corona-Tests auf Baustellen und in Fabriken

Der Weg aus der Pandemie heraus führt nach Cieseks Ansicht vor allem über die Coronavirus-Impfung. "Die Altersgruppe der 60- bis 80-Jährigen müssen wir nun schnell impfen - und dann auch allen anderen schnell ein Impfangebot machen", fordert die Medizinerin im Podcast erneut. Sie spricht sich auch dafür aus, auf Baustellen und in Fabriken durch regelmäßige Testungen Corona-Fälle frühzeitig zu erkennen - also überall dort, wo ein Ausweichen ins Homeoffice nicht möglich ist. Zudem sei es wichtig, dass die Menschen "bei geringsten Beschwerden" einen Corona-Test machen.

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash
AUDIO: Die neueste Podcast-Folge: AstraZeneca, Kurz-Lockdown und PIMS-Syndrom (81 Min)

Nebenwirkungen: Worauf sollten Frauen nach einer AstraZeneca-Impfung achten?

Sandra Ciesek erklärt in der jüngsten Podcast-Folge zudem, was es mit den seltenen Thrombose-Fällen nach einer Impfung mit dem Vakzin von AstraZeneca auf sich hat. Dabei handelt es sich um Sinusvenenthrombosen, also Blutgerinnseln in der äußeren Hirnhaut. Die typischen ersten Symptome seien Schmerzen im Nasen-Augen-Winkel, Sehstörungen sowie starke Schmerzen in Kopf und Nacken. Die Virologin macht aber auch klar: Nach einer Corona-Impfung mit dem AstraZeneca-Wirkstoff treten Grippe-Symptome wie Kopfschmerzen und Gelenkmuskel-Schmerzen in den ersten beiden Tagen häufig auf. "Das sollte niemand Anlass geben, sich da große Sorgen zu machen", so Ciesek.

"Nur wenn man über drei Tage hinaus schwere Symptome hat wie Schwindel und starke Kopfschmerzen - und nicht mehr richtig sehen kann, dann sollte man zum Arzt gehen, um abzuklären, ob es sich um eine Hirnvenenthrombose handelt."

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Eine Ärztin füllt eine Spritze mit AstraZeneca Impfstoff. © Picture Alliance / TT NEWS AGENCY | Johan Nilsson

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Besondere Thrombosen nach Corona-Impfung: Bundesweit 14 Fälle

Nach Angaben des für die Sicherheit von Impfstoffen zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts sind bis vergangenen Freitag bundesweit 14 Fälle von Sinusvenenthrombosen nach einer Impfung mit dem AstraZeneca-Impfstoff verzeichnet worden. Mit Ausnahme eines Falles betrafen alle Meldungen Frauen im Alter von 20 bis 63 Jahren. Dabei beobachten Ärzte und Wissenschaftler eine Besonderheit: Anders als bei den klassischen Sinusvenenthrombosen-Fällen ist neben den Blutgerinnseln gleichzeitig ein deutlicher Mangel an Thrombozyten auffällig. Das sind Blutplättchen, die für die Blutgerinnung wichtig sind.

Das genaue Krankheitsbild zu erkennen, sei wichtig für die Therapie in den Kliniken. Deshalb fordert Ciesek, dass die Thrombose-Fälle nach einer Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin weiter untersucht werden. "Damit man bei möglichen weiteren Fällen genau weiß, wie man sie behandeln muss."

PIMS: Eine seltene, aber gefährliche Folge-Erkrankung bei Kindern

Auch wenn weiterhin die Erkenntnis gilt, dass bei Kindern nach einer Coronavirus-Infektion sehr selten schwere Verläufe auftreten: Besorgt sind viele Kinderärzte mit Blick auf eine seltene, aber mitunter lebensbedrohliche Folge-Erkrankung mit dem Namen PIMS. Diese englische Abkürzung steht für Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome, also eine Entzündungserkrankung verschiedener Organe bei Kindern. Dabei handelt es sich um eine verzögerte, überschießende Immunreaktion auf COVID-19.

Was ist typisch für PIMS?

"Bei allen Patienten sehen wir ein hohes Fieber, das länger als 48 Stunden anhält", sagt Christian Dohna-Schwake. Er leitet die Kinderintensivstation am Universitätsklinikum Essen - und war als Gast bei dieser Podcast-Folge zugeschaltet. Typisch für PIMS seien zudem starke Bauchschmerzen sowie Durchfall, Erbrechen und im weiteren Verlauf Hautausschlag. Die Erkrankung tritt in der Regel vier bis sechs Wochen nach einer überstandenen Coronavirus-Infektion auf.

Bislang 245 Fälle in Deutschland gemeldet

Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) führt ein Melderegister und hat seit April 2020 insgesamt 245 Kinder und Jugendliche mit PIMS gezählt. "Den Löwenanteil macht die Altersgruppe der 5- bis 17-Jährigen aus", hält Dohna-Schwake fest. Augenscheinlich seien Jungen häufiger betroffen als Mädchen. Bei den bekannten Fällen war immer eine stationäre Behandlung im Krankenhaus notwendig. Laut Dohna-Schwake muss etwa die Hälfte dieser Jungen und Mädchen auf einer Intensivstation behandelt werden.

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"PIMS ist gut zu behandeln"

"Die gute Nachricht ist, dass wir PIMS nach einer entsprechenden Diagnose gut behandeln können", sagt Dohna-Schwake. Bewährt habe sich die Verabreichung von Immunglobulinen (Antikörpern) und hoch dosiertem Cortison. Immunglobuline sind lebenswichtige Eiweiße, die im Blut zirkulieren und ein wichtiger Bestandteil des Immunsystems sind. "Bereits innerhalb von zwei bis drei Tagen sehen wir dann eine deutliche Besserung bei den Kindern", schildert der Arzt seine Erfahrungen aus der Klinik.

Blinddarm-Entzündung oder PIMS?

An Eltern gerichtet sagt Dohna-Schwake, sie sollten angesichts von Medienberichten über PIMS nicht in Panik verfallen. "Wenn aber ihr Kind vier bis sechs Wochen nach einer Corona-Infektion starke Bauchschmerzen und lang anhaltendes, hohes Fieber hat, sollten Eltern hellhörig werden und einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen." In einem ersten Schritt sollten dort die Entzündungswerte im Blut bestimmt werden. "Diese Werte sind bei PIMS sehr, sehr hoch - wie sonst nur bei schwersten bakteriellen Infektionen", weiß Dohna-Schwake. Abzuklären sei dann, ob es sich um eine Blinddarm-Entzündung oder PIMS handelt. Denn solch hohe Entzündungswerte im Blut könnten - zumal im Zusammenspiel mit den starken Bauchschmerzen - auch für eine Blinddarm-Entzündung sprechen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 23.03.2021 | 17:00 Uhr

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