Stand: 21.02.2017 16:27 Uhr

Neubau in Ottensen: Anwohner gegen Investoren

Hauke Sann steht auf dem Spritzenplatz in Hamburg-Ottensen und fühlt sich zu Hause: "Das ist nicht irgendein Platz, das ist das Wohnzimmer Ottensens, so wird es hier genannt. Das ist der zentrale soziale Treffpunkt." Sann und seine Mitstreiter vom Bürgerinitiativen-Netzwerk Altonaer Manifest wehren sich dagegen, dass in ihrem Wohnzimmer die Möbel verrückt werden sollen. Denn an der Ecke Spritzenplatz / Ottenser Hauptstraße plant der Investor Böag die bestehenden Häuser abzureißen und neue zu bauen. Der Telekom-Laden, der Textilsofortdruck-Shop und das Eiscafé müssten erst mal weichen. Die Anwohner befürchten, dass die Neubauten deutlich höher als die bisherigen zweigeschossigen Gebäude werden könnten.

Ottensen zwischen dörflicher Idylle und Bauwut

Bürgerbegehren gegen höhere Bauten erfolgreich

"Dieser Platz ist sehr charakteristisch für Ottensen, ist Treffpunkt für die Anwohner. Wir wollen nicht, dass hier die Atmosphäre zerstört wird", sagt Gisela Alberti. Seit 41 Jahren lebt sie im Haus gegenüber. Zunächst wurde vor drei Jahren geplant, dass der amerikanische Stararchitekt Daniel Libeskind hier einen futuristischen Glasbau mit fünf Stockwerken baut. Alberti setzte sich mit anderen gegen eine derartige Umgestaltung ein. "Das passte überhaupt nicht hierher", erinnert sie sich. Die für ein Bürgerbegehren erforderlichen gut 7.000 Unterschriften kamen schnell zusammen. Das Begehren sah einen Bebauungsplan vor, der eine höhere als die jetzige Bebauung verhindert. Die Bezirksversammlung Altona trat dem Bürgerbegehren später bei. Auch wenn der Libeskind-Entwurf mittlerweile vom Tisch ist: Der Investor Böag möchte hier weiterhin neu bauen - und die Bürgerinitiative eine Veränderung weiter verhindern.

Gentrifizierung trifft "Seelenorte des Stadtteils"

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Gisela Alberti und Hauke Sann wollen den Spritzenplatz so erhalten, wie er ist. Anwohner müssten vor Investoren kommen, so ihre Haltung.

Der Streit über die Eckbebauung am Spritzenplatz ist symptomatisch für Ottensen, einen Stadtteil, der in den vergangenen Jahren einen rasanten Wandel erlebte. "Wir haben ja schon viele Jahre Gentrifizierung hinter uns", sagt Sann. "Aber jetzt geht es wirklich um die Seelenorte des Stadtteils." In der Stadtsoziologie bezeichnet Gentrifizierung die Aufwertung eines Viertels. In Ottensen lassen sich die Folgen dieses wissenschaftlichen Begriffs wie unter einem Brennglas beobachten.

"Ottensen galt in den 1970er-Jahren als Stadtteil der vier großen A's: Arme, Alte, Ausländer, Auszubildende", sagt Michael Sandmann vom Stadtteilarchiv. "Die Häuser waren runtergekommen, hatten zum Teil keine Bäder, teilweise auch keine Toiletten in den Wohnungen. Da kamen dann die neuen Pioniere hierher." Studenten und Kreative hätten eine neue Gesellschaft im Viertel etabliert. Was folgte: die zum Teil vom Staat geförderte Sanierung der Altbausubstanz, eine stete Erhöhung der Mieten - und der Abriss von alten Gebäuden mit folgendem Neubau von Eigentumswohnungen. Dieser Prozess habe sich in den vergangenen Jahren beschleunigt. "Das Ende ist noch gar nicht so ganz abzusehen, weil die Entwicklung immer weitergeht", sagt Sandmann.

Eldorado für Spekulanten

Zunächst seien alle, die mit Niedrigsteinkommen in Ottensen gelebt hatten, weggezogen, sagt Sann. Die vier großen A's sind in der Bewohnerstruktur stetig kleiner geworden. "Seit fünf Jahren trifft es auch Normalverdiener. Mit nur einem Gehalt ist hier keine Wohnung mehr zu bezahlen." Der Stadtteil sei zu einem Eldorado für Spekulanten geworden, stimmt ihm Beate Reiß zu: "Die Grundstückspreise liegen mittlerweile bei 8.000 Euro pro Quadratmeter. Das heißt, jedes Stockwerk, das raufkommt, gibt richtig Knete."

"Entwürfe dürfen nicht 08/15 sein"

Ottensen besitze nun einmal eine hohe Lagegunst, sagt Johannes Gerdelmann, der Dezernent für Bauen, Wohnen und Umwelt im Bezirk Altona. Die Nachfrage nach Wohnraum sei hier besonders hoch. Zugleich erführen Bauprojekte eine hohe Aufmerksamkeit durch kritische Anwohner, die zudem über eine niedrige Reizschwelle verfügten. Und die sich einmischen, wie es in ihrem Stadtteil künftig aussehen soll. "Investoren wissen, dass sie in einem Bereich landen, der sensibel ist und wo die Entwürfe nicht 08/15 sein können", sagt Gerdelmann. Das gelte auch für die Bebauung am Spritzenplatz.

"In wessen Sinne wird der Stadtteil entwickelt?"

"Wir sind nicht dagegen, den Stadtteil weiterzuentwickeln, die Frage ist aber: In wessen Sinne wird er entwickelt?", sagt Alberti. "Da stehen sich die Interessen von Investoren, die mit jedem Stockwerk mehr Geld erwirtschaften können, und der Gestaltungswille und der Lebensraum der Menschen, die hier leben, oft entgegen. Die Frage ist, wie dieser Konflikt behandelt wird."

Baudezernent Gerdelmann stellt sich eine ganz andere Frage, eine, die aus der verwaltungstechnischen Praxis geboren ist: "Wie weit darf man bauliche Beschränkungen fassen, wenn man keinen klaren Schutzgrund hat?" Denkmalschutz sei für keines der für den Abriss eingeplanten Gebäude vorhanden. Und so müsse es eine Abwägung zwischen den Gütern öffentliches Interesse, Erhaltungsinteresse und dem wirtschaftlichen Interesse des Investoren geben. Zu diesem Zweck hat der Bezirk eine "Planungswerkstatt" einberufen. Darin kommen seit Ende Januar interessierte Bürger und Vertreter von Böag zusammen, um über die künftige Gestaltung des Geländes zu beraten. Auch ein Architekturwettbewerb wurde ausgelobt.

Kritik an Planungswerkstatt

"Uns ist es ein völliges Rätsel, was diese Planwerkstatt jetzt noch soll. Wir haben ja in dem Bürgerbegehren stehen: Höhe und Baugröße sollen erhalten bleiben, sollte die aktuelle Bebauung abgerissen werden", sagt Doris Schmidt-Reichard vom Altonaer Manifest. Man habe die Befürchtung, dass das Ergebnis der Planungswerkstatt ist, dass nun doch hoch gebaut werden darf und das als Bürgerwille verkauft wird. Parallel zur ersten Sitzung der Werkstatt demonstrierte die Initiative auf dem Spritzenplatz. Auf einem Plakat war zu lesen: "Eure Aufwertung ist unsere Vertreibung".

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 28.01.2017 | 19:30 Uhr

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