Kommentar: Polizei hätte das Buch des Amokschützen kennen müssen

Stand: 18.03.2023 09:15 Uhr

Der Amoklauf von Hamburg-Alsterdorf ist eine Tat, die es so in Hamburg noch nicht gegeben hat. Ein 35-jähriger Mann erschießt sieben Menschen, verletzt viele andere. Hätte dieser Amoklauf verhindert werden können? Die Behörden sind dem entscheidenden Hinweis nicht gründlich genug nachgegangen, sagt NDR Reporter Finn Kessler in seinem Kommentar.

von Finn Kessler

Die Bilder des Tatabends sitzen noch tief. Schüsse, Polizisten, die mit Maschinengewehren im Anschlag und ohne Helme in das Gemeindehaus stürmen. Die Helden der Stunde. Durch ihr schnelles Eingreifen haben sie verhindert, dass der Täter noch mehr Menschen erschossen hat. So gut die Polizei an diesem Abend dastand, so schlecht sieht sie einige Tage später aus. Auf der Landespressekonferenz am vergangenen Dienstag werden Details bekannt, die für Fassungslosigkeit bei den anwesenden Journalisten sorgen.

Kann die Hamburger Polizei nicht googeln?

Denn es sieht so aus, als sei die Waffenbehörde nicht in der Lage gewesen, sich frei zugängliche Informationen über den Täter zu besorgen. Die Beamten hatten es nicht geschafft, das Buch zu finden, das in einer anonymen Warnung erwähnt wurde. Ein wirres Manifest, in dem der Amokläufer von Satan und Adolf Hitler schwadroniert. Die Polizisten hatten nur den Namen des Autors und den Begriff "Buch" bei Google eingegeben. Eine Suche, die vermutlich jeder Teenager besser hinbekommen hätte. Kann die Hamburger Polizei also nicht googeln?

Waffenbehörde hätte Philipp F. die Waffe wegnehmen können

Die Tatsache, dass es einen direkten Hinweis auf das Buch von Philipp F. gegeben hat, macht diesen ganzen Fall zum Skandal. Hätten die Beamten das Buch nämlich gefunden, hätten sie wohl die Möglichkeit gehabt, den Amoklauf zu verhindern. Mit den Einblicken in sein religiös-verblendetes, antisemitisches und frauenfeindliches Weltbild hätten sie eine Handhabe gegen ihn gehabt - und ihm die Waffe vermutlich wieder wegnehmen können.

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Buch von Philipp F. war bei Amazon gelistet

Auch auf die Idee, das Buch bei Online-Händlern wie Amazon zu suchen, wo es bereits gelistet war, kamen die Beamten nicht. Was ebenfalls für Kopfschütteln sorgt: Die Website von Philipp F. war der Polizei bekannt. Dort warb er für sich, seine völlig überteuerten Beraterdienste - und sein Buch. Auch das hat die Polizei übersehen. Die Erklärungsversuche des Polizeipräsidenten wirken nicht besonders handfest. Den Beamten der Waffenbehörde könne man keinen Vorwurf machen, heißt es von Ralf Martin Meyer. Wenn die Begriffe "religiös" und "psychisch krank" im Zusammenhang mit einer Warnung vor einer bewaffneten Person fallen, lässt das schon normale Bürger wie mich zusammenzucken. Wieso ist das in der Behörde nicht aufgefallen, die entscheidet, wer in Hamburg eine scharfe Waffe bekommt?!

Polizei versucht, von eigenen Fehlern abzulenken

Statt auf eigene Verfehlungen einzugehen, scheint es, als versuche die Polizei die Aufmerksamkeit nun auf die Rollen der Zeugen Jehovas und des Hanseatic Gun Clubs zu richten. Dort könnte es möglicherweise Mitwisser geben, sagt die Polizei. Für mich sieht es so aus, als versuche die Polizei von eigenen Fehlern abzulenken. Denn Experten bezeichnen das Verhalten der Waffenbehörde schon jetzt als krassesten Fall digitalen Versagens. Es scheint, als hätte der Amoklauf durch die simpelsten Mittel verhindert werden können.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Der Hamburg-Kommentar | 18.03.2023 | 08:40 Uhr

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