Häusliche Gewalt in Hamburg: Weniger Frauen suchten Schutz

Stand: 16.04.2021 06:14 Uhr

Jede dritte Frau erlebt im Laufe ihres Lebens Gewalt durch den Partner. Und auch jetzt in der Corona-Pandemie können die eigenen vier Wände, die gerade den besten Schutz vor dem Virus bieten, ein gefährlicher Ort sein. Nun gibt es erstmals Zahlen aus den Frauenhäusern in Hamburg für das vergangene Corona-Jahr.

von Marie-Caroline Chlebosch und Isabel Lerch

Insgesamt 388 Betroffene hat die Notaufnahmestelle 24/7 der Hamburger Frauenhäuser im vergangenen Jahr aufgenommen. Das sind 24 weniger als noch 2019. Heißt das, die häusliche Gewalt geht zurück? "Nein", sagt Anika Ziemba von den autonomen Frauenhäusern in Hamburg.

Frauenhaus-Mitarbeiterin: "Gespenstische Stille im Lockdown"

"Wenn die Zahlen in der Notaufnahmestelle rückläufig sind, dann ist das für mich eher ein besorgniserregendes Zeichen", erklärt sie. Die Gründe dafür seien vielfältig. Homeoffice oder Kurzarbeit verstärke die Kontrolle von Tätern zu Hause. Auch der Lockdown erschwere es Betroffenen, einen Weg aus der Gewalt zu finden. Das zeige sich in den Erfahrungen aus der Notaufnahmestelle.

Im Lockdown im Herbst 2020 sei es erst in der Notaufnahmestelle zunächst komplett ruhig gewesen. Von "gespenstischer Stille" berichtet Ziemba. Es habe "keine Anrufe" gegeben. Dann, ab Mitte Dezember, sei die 24/7 permanent voll gewesen. Es sei schwierig gewesen, die Frauen in Frauenhausplätze oder an andere geeignete Orte weiter zu vermitteln, sagt die Pädagogin. Bereits im ersten Lockdown von März bis Mai hätten sie ähnliche Erfahrungen gemacht. Besonders problematisch war damals auch der Wegfall von Kitas und Schulen: Orte, die Chancen eröffnen, sich Hilfe zu holen.

Betroffene: "Ich bin durch die Hölle gegangen"

Die Notaufnahmestelle 24/7 nimmt jederzeit von Gewalt betroffene Frauen und ihre Kinder auf. Eine von ihnen war 2020 Ulrike Weber (Name von der Redaktion geändert). Bis zu ihrer Aufnahme im Mai lebte sie mit ihrem Partner und den beiden Söhnen in einem Haus in den Elbvororten im Westen von Hamburg. Ihr Mann Ingenieur, sie selbst tätig im medizinischen Bereich. Eine Frau, die mitten im Leben steht, Mutter von zwei Kindern. Im ersten Lockdown sei die Situation zu Hause unerträglich geworden: "Ich bin durch die Hölle gegangen", erzählt Weber: "Er hat mich beschimpft, mir gedroht, mich geschubst." Es habe schon vorher Gewalt in der Beziehung gegeben. An einem Tag sei es dann zu Handgreiflichkeiten vor den Augen ihres vierjährigen Sohnes gekommen. Das war der Auslöser für ihre Flucht ins Frauenhaus. "Es war abends um sieben", erzählt Weber, "ich hatte mir meinen kleinen Sohn vor den Bauch gebunden. Ich hatte in der Eile keinen Kinderwagen mitgenommen." Den Vierjährigen habe sie an die Hand genommen. "Ich hatte einfach nur furchtbare Angst, dass mein Partner hinterherkommt", erinnert sie sich. Sie ruft in der Notaufnahmestelle an, setzt sich in die Bahn und flieht.

Frauenhaus gibt Beratung und Sicherheit

Einige Tage verbringt Weber in der Notaufnahmestelle, dann zieht sie in eines der sechs Hamburger Frauenhäuser. Fünf Monate lebt sie dort mit ihren beiden Kindern: "Anfangs war es für mich befremdlich, weil ich wirklich aus einem gut situierten Leben kam", sagt die Betroffene. "Wir hatten alles: Ein Auto, ein tolles Zuhause, die Kinder hatten ihre Zimmer und dann hatten wir nichts mehr. Ich stand mit leeren Händen da." Das Frauenhaus organisiert einen Kinderwagen und Spielzeug. Vor allem aber bekommt sie Beratung und Sicherheit. Sie habe zurück nach Hause gewollt, aber nicht zu diesem Mann. "Ich hätte das emotional nicht geschafft, wenn ich nicht im Frauenhaus gewesen wäre", sagt die von Gewalt betroffene Frau. "Heute bin ich froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe und dass wir jetzt ein eigenes Leben haben, dass ich wieder frei atmen kann", sagt sie. Inzwischen lebt Ulrike Weber mit ihren Kindern in Schleswig-Holstein.

Landeskriminalamt: Steigende Opferzahlen

Das Landeskriminalamt verzeichnete kürzlich in seinem Lagebericht 2020 einen Anstieg der Opferzahlen im Bereich Partnerschaftsgewalt. Im Vergleich zum Vorjahr stieg sie um neun Prozent. Im Jahr 2019 wurden 4.009 weibliche Opfer registriert, 2020 waren es 4.228 Frauen in Partnerschaften. 534 Fälle betrafen schwere Straftaten der Gewaltkriminalität wie gefährliche Körperverletzung, Vergewaltigung, Totschlag bis hin zum Mord. Christin Dittmer ist Kriminalbeamtin im Bereich Opferschutz bei der Hamburger Polizei. Sie bewertet den Anstieg so: "Wir wissen, dass soziale Isolation ein Risikofaktor für häusliche Gewalt ist. Und wer isoliert ist, der ist eben auch schutzlos." Dennoch könne man keine seriöse Aussage zum Einfluss von Corona machen, sagt Dittmer: "Die Polizeiliche Kriminalstatistik zeigt letztlich nur die Anzahl der erstatteten Anzeigen an und bildet damit das sogenannte Hellfeld ab." Gewalt gegen Frauen gebe es die ganze Zeit, die Pandemie jetzt werfe einen Scheinwerfer darauf, berichtet auch Pädagogin Ziemba: "Es hat in ganz vielen Familien gleichzeitig einen gemeinsamen Stressfaktor gegeben", sagt die Frauenhausmitarbeiterin. "Für mich ist das einfach nur eine Erhellung des Dunkelfeldes“, sagt sie.

Zentrale Hilfsangebote in Hamburg:

  • Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: Tel: (0800) 0116016
  • Notaufnahme 24/7 der Hamburger Frauenhäuser: Tel.: (040) 8000 4 1000

Frauenhäuser fordern mehr Plätze

Im vergangenen Jahr förderte die Sozialbehörde nach eigenen Angaben 241 Frauenhausplätze in Hamburg. Zu wenige, sagt die Frauenhaus-Mitarbeiterin: "Die Hamburger Frauenhäuser sind immer voll." Die Sozialbehörde schreibt dazu auf Anfrage des NDR, der Senat habe sich zuletzt in seinem Opferschutzbericht ausdrücklich dazu bekannt, den Ausbau der Schutzplätze kontinuierlich zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen. 2020 gab es bereits eine Aufstockung um 32 Plätze. Anika Ziemba reicht das nicht. "In Hamburg einen Frauenhausplatz zu kriegen ist weiterhin schwierig. Wir sind zu großen Teilen auch überbelegt", so Ziemba. Auch aktuell sei die Situation sehr angespannt, weil in den vergangenen Wochen Häuser immer wieder unter Quarantäne standen, wie beispielsweise das 5. Hamburger Frauenhaus. Das verschärfe die Lage nochmals zusätzlich, so Ziemba.

Gewalt ist keine Privatsache

Für Ulrike Weber war das Frauenhaus der Ausweg aus der Gewalt. Sie wünscht sich, dass mehr Menschen in der Gesellschaft sich dessen bewusst werden, dass Partnerschaftsgewalt überall stattfinden kann: "Ich finde es wichtig, dass für alle öffentlich gemacht wird, dass es so etwas gibt und in welche Situationen Frauen kommen können." Und sie betont, dass diese Situationen keineswegs aussichtslos seien, weil man Hilfe erfahre. "Wir sind nicht allein, wir Frauen", sagt die Betroffene. Gewalt sei keine Privatsache, sagt auch Anika Ziemba: "Wenn jemand mitbekommt, dass es einer Freundin schlecht geht oder dass in der Nachbarwohnung ständig laute Auseinandersetzungen sind, dann ist es wichtig, dass wir alle Verantwortung füreinander übernehmen und nachfragen, was los ist." Ihr Appell an die Gesamtgesellschaft: Schaut hin und helft!

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 16.04.2021 | 19:30 Uhr

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