Stand: 03.02.2019 16:25 Uhr

Zahl der Kleinen Waffenscheine steigt stetig

von Julia Henke
Seit 2014 ist die Zahl der ausgestellten Kleinen Waffenscheine in Norddeutschland kontinuierlich gestiegen.

Die Zahl der in Norddeutschland registrierten Kleinen Waffenscheine ist in den vergangenen fünf Jahren kontinuierlich gestiegen - und das zum Teil deutlich. Das hat eine Anfrage von NDR.de an die zuständigen Innenministerien der Länder ergeben. Ein Kleiner Waffenschein berechtigt dazu, amtlich zugelassene Schreckschuss, Reizstoff- und Signalwaffen in der Öffentlichkeit verdeckt bei sich zu tragen. Am höchsten ist die Zahl der registrierten Lizenzen zwischen 2014 und 2018 in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein gestiegen. Dort verdreifachte sich die Zahl der Besitzer eines Kleinen Waffenscheins innerhalb der vergangenen fünf Jahre fast. In Niedersachsen war sie mehr als zweieinhalb Mal so hoch und in Hamburg vergrößerte sie sich um mehr als das anderthalbfache.

Antragsteller müssen kein Bedürfnis nachweisen

Im Jahr 2016 registrierten alle norddeutschen Bundesländer besonders viele Antragsteller. Eine Erklärung dafür sei eine Frage der Interpretation und Vermutung, sagte ein Sprecher des schleswig-holsteinischen Innenministeriums. "Und Vermutung stellen wir nicht an." Ein Sprecher des niedersächsischen Innenministeriums verwies darauf, dass für den Kleinen Waffenschein kein Bedürfnis nachgewiesen werden müsse. Deshalb könne auch "nicht mit Sicherheit erklärt werden, aus welchen Gründen Personen diesen beantragen".

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Eine Folge falscher Berichterstattung nach Silvester 2015/16?

In Hamburg werden die Daten zum Waffenbesitz von der Polizei verwaltet. Eine Sprecherin mutmaßt, dass der hohe Anstieg "durch die Ereignisse der Silvesternacht 2015/2016 und der damit verbundenen Berichterstattung" zusammenhängen. Denn fälschlicherweise sei berichtet worden, dass für den Besitz von Pfefferspray ein Kleiner Waffenschein benötigt werde, so die Sprecherin. Deshalb sei anzunehmen, dass die meisten der in diesem Jahr hinzugekommen Inhaber eines Kleinen Waffenscheins lediglich ein "erlaubnisfreies Spray" besitzen.

Auch Zahl der Waffen in Norddeutschland gestiegen

Tränengas- oder Tierabwehrspray können Personen ab 14 Jahren kaufen und bei sich tragen, ohne dafür eine behördliche Erlaubnis zu benötigen. Personen ab 18 Jahren können auch eine amtlich zugelassene Schreckschuss-, Reizstoff- oder Signalwaffe ohne Auflagen kaufen und besitzen. Nur wer die Waffe auch in der Öffentlichkeit tragen will, braucht dafür den Kleinen Waffenschein. Eine Registrierungspflicht für diese Waffen gibt es indes nicht. Das ist bei Schusswaffen wie Gewehren, Flinten und Pistolen anders. Wer scharfe Waffen besitzt, benötigt dafür eine Waffenbesitzkarte und muss seine Eignung dafür nachweisen. Die Zahl dieser von den Behörden registrierten Waffen und Waffenteile ist in Norddeutschland in den vergangenen fünf Jahren ebenfalls gestiegen.

Bereits vernichtete Waffen werden auch gelistet

Dass es sich bei den Zahlen allerdings nicht um die reale Anzahl der Waffen in einem Bundesland handelt, darauf weisen die Polizei Hamburg sowie das niedersächsische Innenministerium hin. Es seien nämlich auch Waffen darunter, "die an Hersteller und Händler überlassen wurden oder solche, die bereits vernichtet sind, aber aufgrund von Fristen zur Aufbewahrung von Unterlagen und Daten weiterhin im Nationalen Waffenregister (NWR) gespeichert werden müssen", teilte der Sprecher des niedersächsischen Innenministeriums mit.

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Nationales Waffenregister zur bundesweit einheitlichen Erfassung

Eine weitere Erklärung für den Anstieg der registrierten Waffen und Waffenteile liegt im NWR begründet. In dem vom Bund und Ländern genutzten System werden seit Anfang 2013 alle registrierten privaten Waffen gespeichert. Die bis dato von Waffenbehörde zu Waffenbehörde unterschiedlich gepflegten Register mussten bis Ende des vergangenen Jahres auf einen einheitlichen Stand gebracht werden. Nach Angaben eines Sprechers aus dem niedersächsischen Innenministerium führte das unter anderem auch dazu, "dass die statistische Anzahl der Waffen stieg". Denn nach dem neuen Standard müssten bestimmte Waffenteile einzeln im NWR aufgeführt werden. Für eine Waffe, die früher nur einen Eintrag erhalten habe, seien nun zum Beispiel für Verschluss und Lauf als Teile der Waffe gleich mehrere Einträge notwendig. Das Resultat: Die Zahl der registrierten Waffen und Waffenteile steigt.

Norddeutschland fügt sich in bundesweiten Trend ein

Die Zahlen der norddeutschen Länder spiegeln insgesamt den bundesweiten Trend wider. Wie ein Sprecher des Bundesinnenministeriums NDR.de mitteilte, stieg die Zahl der im NWR bundesweit registrierten Waffen und Waffenteile in Privatbesitz von 5.350.628 im Jahr 2014 auf 5.397.404 im vergangenen Jahr. Ebenso wie in Norddeutschland nahm auch auf Bundesebene die Zahl der Kleinen Waffenscheine von Ende 2014 (262.481) bis Ende 2018 (610.937) stetig zu.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 15.01.2019 | 18:00 Uhr

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