Stand: 06.03.2019 19:00 Uhr

Indianer-Kostüme: "Es geht uns nicht um Verbote"

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Kinder verkleiden sich seit Generationen gerne als Indianer. Ist das noch zeitgemäß?

Sollen Kinder zum Fasching besser auf ein Indianer-Kostüm verzichten? Darüber ist in Hamburg und in sozialen Netzwerken eine Diskussion entbrannt. Die "Hamburger Morgenpost" hatte am Dienstag getitelt: "Kita verbietet Indianer-Kostüme". Anlass ist ein Schreiben einer Kita im Stadtteil Hamburg-Ottensen, in dem die Eltern gebeten werden, ihre Kinder nicht in Kostümen wie etwa "Indianer" oder "Scheich" zur Karnevalsfeier zu schicken. Bei den Kleinen sollten keine Stereotype, also Vorurteile, bedient werden. Die Kita bezieht sich auf die Broschüre "Fasching vorurteilsbewusst feiern!" der Fachstelle Kinderwelten. NDR.de hat mit der Kinderwelten-Leiterin Petra Wagner gesprochen.

Was spricht aus Ihrer Sicht gegen eine Indianer-Verkleidung in Kindergärten?

Petra Wagner: Erst einmal vorneweg: Es geht uns nicht um Verbote. Es geht darum, dass sich Eltern überlegen: Was drückt das Kostüm unseres Kindes aus? Das Angebot an Kostümen ist ja begrenzt, oft bieten die Geschäfte immer die gleichen, beliebten Sachen an. Viel zu leicht werden dabei stereotype Bilder von Gruppen wie "Indianern" oder Chinesen vermittelt. Bei den Kindern entsteht der Eindruck: So sind die Chinesen, so sind die "Indianer".

Keine Indianer-Kostüme zum Fasching: Viele empfinden das als übertrieben. Können Sie das nachvollziehen?

Wagner: Ja, die Reaktion ist verständlich. Es ist ja eine Art Entzauberung. Auch bei uns im Team haben sich einige in ihrer Kindheit als Winnetou verkleidet und haben schöne Erinnerungen daran. Es ist schmerzhaft zu erkennen, dass Winnetou eine sehr stereotype Figur ist, die von weißen Männern im Westen erfunden worden ist und die ein bestimmtes "Indianer"-Bild geschaffen hat. Dieses sachlich falsche Bild prägt bis heute unser Wissen über die Native Americans.

Wie reagieren Kita-Kinder auf bestimmte Kostüme?

Wagner: Manche Kinder fühlen sich zum Fasching nicht wohl in der Kita. Zum Beispiel, wenn Verkleidungen auf abwertende oder verstörende Weise auf ihre Identitätsmerkmale wie Hautton oder Geschlecht Bezug nehmen. Das ist der Fall, wenn Schwarze mit schwarz angemaltem Gesicht und Baströckchen auftreten oder "Chinesen" mit Reishut und Schlitzaugen.

Sie haben Ihre Broschüre "Fasching vorurteilsbewusst feiern!" schon vor drei Jahren veröffentlicht. Wie waren die Reaktionen bislang?

Wagner: In den drei Jahren hatte es ganz wenige Reaktionen gegeben. Und wenn, dann eher positive - nach dem Motto: Vielen Dank für den Denkanstoß! Das hat sich durch die Presse-Artikel nun schlagartig geändert. In den letzten 24 Stunden haben wir jede Menge üble Zuschriften per E-Mail erhalten. Wir werden beschimpft oder mit Goebbels verglichen. Und viele empören sich darüber, dass das Bundesfamilienministerium unsere Arbeit mit Geld unterstützt. Aber es gibt auch Solidaritätsbekundungen auf Facebook.

Sie wollen Kita-Kinder vor Diskriminierung schützen. Warum ist das ein wichtiges Thema?

Wagner: Weil auch die Kita kein Schonraum ist. Die Kinder erleben dort Diskriminierung - so wie auch sonst im Alltag. Zum Beispiel, wenn ein Kind von anderen gesagt bekommt, dass es kein "richtiger" Junge sei, oder dass es nicht sein kann, zwei Mamas zu haben. Solche Äußerungen verletzen - und können Kinder sehr verunsichern. Weil sie merken, dass andere Kinder es nicht als normal ansehen, wie sich ihre Familie kleidet, wie sie aussehen oder welche religiösen Feste sie feiern. Das kann Kinder für ihr Leben prägen. Um Kinder vor Diskriminierung zu schützen, brauchen Kitas ein klares Konzept.

Können wir uns von den Vorurteilen freimachen?

Wagner: Nein, das ist illusorisch. Wir können uns nicht freimachen von den Stereotypen, die Kinderbücher, Filme und Werbung prägen. Wir setzen uns deshalb auch für eine "vorurteilsbewusste" Bildung und Erziehung ein, nicht für eine "vorurteilsfreie". Vorurteile transportieren Bewertungen, auch diskriminierende, und können dazu führen, Kinder und Familien zu bevorzugen oder zu benachteiligen. Deswegen wollen wir bei den Kita-Mitarbeiterinnen das Bewusstsein dafür schärfen. Wir setzen uns mit unserem Konzept dafür ein, die Qualität in der Kita-Erziehung verbessern.

Was können Eltern tun?

Wagner: Alle Eltern tun gut daran, ihren Kindern Erfahrungen mit unterschiedlichen Menschen zu ermöglichen und über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu sprechen. So lösen sich Kinder von dem Gedanken, dass nur ihre Familie "normal" und "richtig" sei.

Zurück zum Fasching: Welches ist eine gelungene Verkleidung?

Wagner: Tiere, Superhelden, Fabelwesen, Marsmenschen, Meeresgetier - das alles sind tolle Verkleidungen, die nicht eine bestimmte Gruppe verzerrt darstellen und abwerten.

Das Gespräch führte Marc-Oliver Rehrmann, NDR.de.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 06.03.2019 | 17:08 Uhr

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