Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Verpatzt! - Das Ende der Documenta

Stand: 16.09.2022 10:00 Uhr

Die Documenta ist seit Monaten eine ärgerliche Dauerbaustelle. Gut eine Woche hätte sie noch Zeit, um die Kurve zu kriegen, damit 100 Tage Kunst in Kassel nicht als eine einzige Blamage ins Documenta-Geschichtsbuch eingehen.

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von Claudia Christophersen

Die Wetter-App für Venedig zeigt: Gerade etwas wolkenverhangen, aber ab dem Wochenende darf sich die Lagunenstadt wieder auf ungetrübten Sonnenschein bei 20 Grad freuen. Einladende Temperaturen, wenn man die Kunst auf der Biennale inhalieren möchte. Keine Anflüge von übermäßiger Hitze und auch Regenschirm oder Gummistiefel dürfen zu Hause bleiben. In Pristina hingegen trübt es sich ein. Es könnte gewittern und regnen, stört aber dort die Manifesta nicht, die bis Ende Oktober mit ihrer 14. Ausgabe ebenfalls Kunst zeigt und gerade als beispielhaftes Zeichen der kulturellen Integration gefeiert wird. Davon ist in den Feuilletons zu lesen.

Neue Antisemitismusvorwürfe gegen die Documenta 15

Weniger schöne Schlagzeilen kommen mal wieder aus Kassel. Die Documenta läuft immer noch, fast vergessen, weil es gerade mal ein bisschen ruhiger um sie geworden war. Die Erde dreht sich weiter, andere Weltereignisse wie der Tod der Queen erschüttern Kopf und Herz, überlagern die Kassler Geschehnisse, die aber jetzt, kurz vor Ablauf der Documenta, wieder hochjazzen.

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Wir erinnern uns: Ein "Gremium zur fachwissenschaftlichen Begleitung" war im Juli eingesetzt worden, um die andauernden, zermürbenden Antisemitismusvorwürfe unter die Lupe zu nehmen. Astrein in der Expertise, hochrenommiert und mit tadellosem Ruf, machten sich sieben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an die Arbeit und durchkämmen nun seit einigen Wochen die Ausstellung und ihre Werke. Mit "besonderer Dringlichkeit" haben sie sich jetzt mit einer ersten Einschätzung eingeschaltet. Das Ergebnis: Es gehe bei dieser Documenta nicht um Verdachtsmomente oder um ein einzelnes riesiges Wimmelbild, auf dem Juden mit hässlichen Schweineköpfen dargestellt sind. Schlimm genug. Weiter bestehe jetzt "sofortiger Handlungsbedarf" bei der Installation "Tokyo Reels Film Festival". Hier würden pro-palästinensische Propagandafilme aus den 1960er- bis 80er-Jahren gezeigt, mit antisemitischen, antizionistischen Versatzstücken. "Dadurch", so die Bewertung des Gremiums, "stellen die Filme in ihrer potentiell aufhetzenden Wirkung eine größere Gefahr dar als das bereits entfernte Werk 'People's Justice'."

Ruangrupa in der Verantwortung

Inzwischen muss man sich fragen, ob die Documenta 15 im Gegensatz zu den Behauptungen ihrer Macher, nicht doch eine Systematik erkennen lässt: Unterschiedlichste Werke thematisieren den Nahostkonflikt, einseitig. Israel werde ein "'faschistischer Charakter' vorgeworfen und unterstellt" - so das Gremium.

Es ist die seit Monaten traktierte, immer wieder gestellte Frage: Wie konnte das alles passieren? Wer hat das zugelassen? Wer ist dafür verantwortlich? Letztlich ja die für die Kunstauswahl zuständigen Kuratoren. Das ist das Kollektiv Ruangrupa. Wo aber ist eigentlich Ruangrupa? Was denken sie? Was machen sie, wenn die Ampel dunkelrot leuchtet und Stop angesagt ist? Das ist das Verwunderliche, das in diesen Tagen passiert ist: Ruangrupa dreht den Spieß um, fühlt sich selbst von A bis Z falsch verstanden und erklärt: "Wir sind verärgert, müde, traurig, aber vereint." Neben diesen persönlichen Befindlichkeiten, und das ist mehr als befremdlich, weigert sich Ruangrupa, die Vorführung der Filme einzustellen, und spricht von einem bösartigen Versuch der Zensur.

Ein gründlich verpatztes Kollektivprojekt

Die Documenta ist ein riesiger Apparat. Fünf Jahre liegen jeweils zwischen den Ausgaben, und auch diese 15. Documenta hatte viel Zeit, um sich vorzubereiten, detailliert zu planen. Doch das Ergebnis ist skandalös, peinlich und eine riesige Blamage. Ruangrupa, das ahnten viele schon vorab, ist und war der weltgrößten Kunstschau nicht gewachsen. Beleidigte Attitüden Verantwortlicher helfen selten weiter, wenn es um Ansehen und Image geht.

Die Kunst in Kassel wird in spätestens zehn Tagen abgebaut. Dann hat der Spuk erst einmal ein Ende. Es bleibt zu hoffen, dass sich das Skandalgewitter rund um die Documenta beruhigt, eine Institution es schafft, sich neu zu erfinden und Lehrschlüsse aus einem gründlich verpatzten Kollektivprojekt ziehen wird.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 16.09.2022 | 10:20 Uhr

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