Schauspielerin Sascha Icks (Lisa) und Schauspieler Tilo Werner (Erzähler/Ich). © NDR Radiokunst Foto: NDR Radiokunst
Schauspielerin Sascha Icks (Lisa) und Schauspieler Tilo Werner (Erzähler/Ich). © NDR Radiokunst Foto: NDR Radiokunst

Schwarze Spiegel contd.

Sendedatum: 02.06.2021 20:00 Uhr

In einer postapokalyptischen Welt, in der nahezu alles Leben ausgelöscht ist, treffen zwei letzte Überlebende in Norddeutschland aufeinander. Eine trotzig-dystopische Paradiesvorstellung von Arno Schmidt aus dem Jahr 1960 - aktualisiert für die Jetztzeit.

Schauspielerin Sascha Icks (Lisa) und Schauspieler Tilo Werner (Erzähler/Ich). © NDR Radiokunst Foto: NDR Radiokunst
AUDIO: Schwarze Spiegel contd. (84 Min)

Arno Schmidt lässt in seiner Paradies-Dystopie, die letzten beiden Überlebenden eines Atomkrieges auf der verwaisten Erde aufeinandertreffen. Eigensinnig und lustvoll geht es zwischen Adam und Eva zu, nachdem die Eine den Anderen um ein Haar erschossen hätte. Anna Pein hat Schmidts Endzeit-Vision weitergeschrieben und um zahlreiche aktuelle Zeitbezüge und Plagen der Menschheit erweitert: "Kultur!? Was war denn das zuletzt für eine miese Melange aus Instagram und Staatsknete und Internet und Kapital in ewiggleichem GV mit dem Pietismus?!"

"Schwarze Spiegel", die letzte Erzählung der Trilogie "Nobodaddy‘s Kinder", erschien erstmals 1951, als der Weltkrieg noch nicht weit zurücklag, sich die Welt aber bereits im Kalten Krieg befand und in Deutschland die Wiederaufrüstung diskutiert wurde. Wundervoll kauzig, verspielt und lustvoll geht es zu zwischen den beiden letzten Menschen, nachdem sie sich zunächst fast gegenseitig erschossen hätten. "Sie schlief auf der Riesencouch (Einsdreißig breit!), und: "Ich leg mich in die Küche", stellte ich beklommen fest. "Hm-M" machte sie, nicht ohne Wohlwollen: das versprach ein Roman zu werden, mit allem avec." So könnte es doch wirklich für die Menschheit eine zweite Chance geben! Aber nein. Denn leider – und auch glücklicherweise - gibt es selbst unter diesen extremen Bedingungen die Möglichkeit einer freien Wahl: Eva wird, als ihr der Mann doch wieder zu betulich und häuslich zu werden droht, nach einer Zeit trauter Zweisamkeit das Weite suchen; und der gelehrte Mann, unschwer als alter ego des Autors zu identifizieren, bleibt einsam zurück. Die Zerstörung der Erde durch die Unvernunft der Menschen, sei es durch Umweltzerstörung, sei es durch Krieg, ist mehr denn je heute wieder das Thema, das uns beschäftigt.

Autorin Anna Pein, die schon mit ihrer preisgekrönten Hörspieladaption von Arno Schmidts Kurzroman "Die Umsiedler", inszeniert von Oliver Sturm, die Aktualität des in der Nachkriegszeit verorteten Stoffes unter Beweis gestellt hat, will nun auch die "Schwarzen Spiegel" ins Heute überführen.

Cast

Mit Tilo Werner (Erzähler/Ich), Sascha Icks (Lisa)
Von Anna Pein nach einem Kurzroman von Arno Schmidt
Regie: Oliver Sturm
Komposition: Werner Cee
Musiker: Eivind Aarset und Andreas Völker
Regieassistenz: Lisa Krumme und Simon Hastreiter
Technische Realisation: Manuel Glowczewski und Jan Merget
Dramaturgie: Christiane Ohaus
Produktion: Norddeutscher Rundfunk 2021

Mit freundlicher Genehmigung der Arno Schmidt Stiftung.

Arno Schmidt

Arno Schmidt © dpa
Bärbeißig und unverwechselbar - das waren Markenzeichen von Arno Schmidt.

Der Schriftsteller Arno Schmidt hat die deutsche Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend mitgeprägt. Sein Werk zählt heute zu den Klassikern der Moderne. Zu Lebzeiten hat er Leserschaft wie Literaturbetrieb gespalten: Einerseits hat man ihn als einen Künstler des Wortes bewundert, andererseits haben Kritiker ihn immer wieder verrissen.

Die Popularität eines Heinrich Böll oder Günter Grass blieb ihm versagt. Dennoch kann er als ein Pionier der literarischen Sprache gelten. Mit anarchischer Konsequenz brach er geltende Regeln der Orthografie, setzte sich über Erzählkonventionen hinweg. Er vermischte Umgangssprache mit Lyrik, einfache, direkte Ansprache mit wohl gesetztem Ausdruck.

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Cover: NDR Hörspiel Box © Photocase Foto: busdriverjens

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Hörspiel | 02.06.2021 | 20:00 Uhr