Stand: 09.08.2021 10:34 Uhr

Multitalent Pose Dia: umtriebig auf und neben der Bühne

von Kristina Bischoff

Alben und Filme, Konzerte und Ausstellungen, Live-Auftritte oder Auftragsarbeiten fürs Theater - Helena Ratka aus Hamburg, alias Pose Dia, hat viel zu tun und liebt es. Sie tritt beim Sommerfestival auf Kampnagel auf. Ein Porträt.

Helena Ratka wird 1983 in Hamburg geboren und studiert dort nach dem Abitur Film an der Hochschule für Bildende Künslte, HFBK. Aber: Die visuelle Kunst ist nicht ihre einzige Leidenschaft. Schon als Kind drückt sie sich über Klänge aus. Zwar noch "relativ fragmentarisch" erforscht sie das Klavier ihrer Mutter, spielt später ein Leih-Saxofon in der Schulband, das sie nach dem Abi wieder abgeben muss. Die elektronische Musik und die Experimentalmusik lernt sie als junge Frau dort kennen, wo sie entsteht: in den Clubs der Stadt.

"Das ist bei mir durch's Ausgehen gekommen", erzählt Pose Dia. "Sonntags früh im Pudel's Club, im Phonodrom. Dabei habe ich verschiedene Bands und Acts gesehen. Im Pudel habe ich auch an der Bar gearbeitet, dann dort Platten aufgelegt."

Sound entsteht aus Ratkas Hintergrund

Aus der Nähe zur Nacht und der Clubkultur, aber auch aus ihrem Filmstudium und den Soundtracks, die Ratka für ihre eigenen Werke komponiert, entsteht nach und nach ihr Sound. Zunächst lässt sie ihn einfließen in ihr Duo Shari Vari, das sie mit Sophia Kennedy gründet. Dabei macht Ratka etwas, das Seltenheitswert hat. Als Frau in der elektronischen Musikszene Fuß zu fassen. Dazu Pose Dia: "Ich weiß auch, dass es in der Mehrheitsgesellschaft nicht so ist. Ich arbeite in einem kleinen Feld und habe viele Frauen in meinem Umfeld, die ihren guten Weg gehen. Aber die großen Festivals buchen immer noch wahnsinnig wenig Frauen. Oder schauen wir auf die Frauenanteile in einer Band. Die sind männerdominiert, nicht mal eine Bassistin taucht dort auf."

Gelebter Ehrgeiz in der Corona-Krise

2019 erscheint das Debütalbum von Shari Vari. Ein Jahr später legt die umtriebige Ratka ihr Soloalbum "Front View" nach. Für kurze Zeit überlegt sie, die Veröffentlichung wegen Corona zu verschieben. Heute ist sie froh, das nicht getan zu haben: "Das Album war schon ein Jahr vor Corona fertig", so Ratka. "Es war gemischt, gemastert und ich hatte mir Videos dazu überlegt. Wenn man dann schon ein Jahr auf diesen Stücken sitzt, ist das wie eine Geburt, die dann vollbracht werden will. Und ich bin sehr froh, dass ich nicht gewartet habe. Denn jetzt ist immer noch Corona, die Lage ist immer noch nicht 'normal'. Wie lange werden wir noch warten müssen, bis unsere gewohnte Normalität, was Konzert, Performances und Kunst betrifft, wieder eintritt?"

Das Vertonen von Traumtagebüchern

Als Solokünstlerin wird Helena Ratka zu Pose Dia. Der Name stammt aus ihrem persönlichen Umfeld. Im Hause ihrer Großtante hängt ein Bild, das die echte Pose Dia zeigt: eine Verwandte, eine extravagante Tänzerin und Chanteuse, die bis in ihr hohes Alter eindrucksvoll blieb. "Sie war ein Star bis zuletzt, das hat mich sehr geprägt", sagt Ratka über die Namensgeberin.

Genau wie die Großtante wird Pose Dia auf ihrem Album zur Chanteuse und setzt ihre Stimme im Sprechgesang ein, anstatt schön und melodisch zu singen. Damit beschreibt sie Geschichten wie aus einem Traumtagebuch. Das zu tun, hat sie ursprünglich Überwindung gekostet. Heute fällt es ihr leichter: "Ich habe Spaß, ich kann meine Texte performen, ich bekomme gutes Feedback, gerade von jüngeren Frauen. Kürzlich in Frankreich sind viele auf mich zugekommen, die es geil fanden, dass ich allein als Frau auf der Bühne stehe. Das fühlt sich auch sehr ermutigend an. Es ist wie ein 'Empowerment', dass andere dadurch Lust bekommen, es selbst zu versuchen. Das reicht mir dann, ich muss dafür nicht schön singen."

Eintauchen in eine Welt aus Melodie, Beats und Bässen

Bei ihren Live-Auftritten steht Pose Dia also allein auf der Bühne, arbeitet mit Samples, die aus dem Laptop kommen und erweitert ihr Instrumentarium um klassische Percussion-Elemente. Es muss reduziert bleiben. Ratka hat keinen Führerschein, kann sich nicht am Equipment abschleppen. Außerdem muss noch Platz für Kostüme bleiben. Denn für ihre Performance wandelt sie sich zur Kunstfigur. Im Spiel mit Make-Up und Kostümen erforscht sie, ob diese Tarnung schaffen oder politische Aussagen unterstreichen: "Es geht um visuelle Schichten und um die Übertragung auf den Körper. Was bedeutet es für ein Schutzgefühl, für eine Verletzlichkeit, was man trägt oder was da draufsteht, wie durchsichtig ist das?"

Album "Front View" zeigt Facetten von Pose Dia

Auf ihrem Album "Front View" und der Live-Präsentation kommen also alle Facetten der künstlerischen Arbeit von Helena Ratka zu einem sphärischen Sound zwischen Pop, Clubsounds und Electronica zusammen. Was ihn extrem tanzbar macht. Und das ist ganz im Sinne der Künstlerin: "Mir macht tanzen sehr viel Spaß. Das habe ich während Corona vermisst. Ich habe dann in meinem Proberaum getanzt. Mit ganz lauter Musik. Das ist Energie! Die es auch mit dem Publikum gibt. Alle steigern sich rein, es gibt einen Austausch, das ist geil."

Trotz der Pandemie ist Pose Dia in diesem Jahr dermaßen beschäftigt, dass sie inzwischen gut von ihrer künstlerischen Arbeit leben kann. Und auch ohne Masterplan sucht sie sich Projekte, die sie herausfordern und wachsen lassen. Sei es eine Auftragsarbeit des Festivals "Berlin Popkultur", das für Ende August ansteht oder, dass sie von einem "visuellen Album" träumt. Wie das am Ende aussehen und klingen kann, fühlt Pose Dia bereits in ihrer Vorstellung. Wann sie es wahr macht, mag noch ungewiss sein. Sicher ist nur: Über die Lust und den Drang, ihr Ding zu machen, verfügt Pose Dia in jedem Falle.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 10.08.2021 | 08:15 Uhr

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