Mitglieder der Band Depeche Mode © Mondadori Portfolio/dpa | Francesco Castaldo Foto: Francesco Castaldo

Das Phänomen Depeche Mode: Zum Tod von Andrew Fletcher

Stand: 29.05.2022 12:54 Uhr

Andrew Fletcher, Gründungsmitglied und Keyboarder der Band Depeche Mode, ist im Alter von nur 60 Jahren verstorben. Mit über 100 Millionen verkauften Tonträgern ist Depeche Mode eine der erfolgreichsten Bands aller Zeiten. Was zeichnet die Band aus? Eine Analyse.

von Matthes Köppinghoff

Depeche Mode sind - insgesamt gesehen - eine sehr seltsame Band, bei der die Geschichte der Bandmitglieder fast genauso wichtig ist wie ihre Musik selbst. Sie waren immer eine Band von Außenseitern für Außenseiter: Als Depeche Mode angefangen haben, wurden sie von der Presse, der Kritik als "New Romantics", als Plastik-Pop belächelt: Als eine der ersten Bands haben sie sich nur mit Keyboards auf eine Bühne gestellt.

Freischwimmen vom Sound der Synthie-Songs im Laufe der Jahre

Bis dato musste eine Pop-Band eigentlich in klassischer Besetzung, also Gitarre, Bass und Schlagzeug, in Erscheinung treten - Depeche Mode wiederum haben sich anfangs komplett auf ihre Synthesizer und einfache Melodien konzentriert. Im Laufe der Jahre konnten sie sich von den anfänglich noch etwas naiven, sehr einfachen Synthie-Songs freischwimmen - wie ihrem frühen Hit "Just Can’t Get Enough".

Depeche Mode: Sound-Pioniere in den 80er-Jahren

Etwa ab 1983 und dem Album "Construction Time Again" haben Depeche Mode das Sampling in ihren Band-Sound integriert: Sie haben aus Geräuschen Songs gebastelt. Tischtennisbälle, ein Rangierbahnhof in Berlin - aus diesen Schnipseln haben Depeche Mode ihre Lieder gebastelt. Aber auch später waren sie mit Singles wie "World In My Eyes" prägend für andere Pop-Musiker*innen, auch für alle möglichen elektronischen Genres wie Detroit-Techno.

Wegweisende Band für viele andere Musiker*innen

Bis heute sehen viele sie als eine klassische 80er-Popband - zu Unrecht. Spätestens mit dem 1990er-Album "Violator" waren Depeche Mode zu einer Stadion-Rockband gewachsen - und das mit Popmusik. Mit Alben wie "Songs Of Faith And Devotion" oder "Ultra" wurden sie aber - auf ihre eigene Weise - selbst zu einer Rockband. So haben sie nicht nur elektronische Bands, sondern eben auch Rockbands maßgeblich beeinflusst - zum Beispiel Alternative-Größen wie The Cure oder die Smashing Pumpkins.

Spannungen innerhalb von Depeche Mode

Die Geschichte der Bandmitglieder ist dabei fast genauso wichtig wie ihre Musik: Nach dem Weggang des Soundtüftlers Alan Wilder waren Depeche Mode zuletzt offiziell ein Trio; live zwar unterstützt von weiteren Musikern, aber es drehte sich bei der Band um Sänger und Frontmann Dave Gahan, um Songschreiber und Mastermind Martin Gore und um Keyboarder Andrew Fletcher. Schon seit Beginn der Band 1980 gab es immer wieder Spannungen in der Band. Gahan gilt als einer der besten Frontmänner der Welt, aber eben auch als Enfant Terrible und hätte die 90er-Jahre mit seiner Drogensucht fast nicht überlebt. Martin Gore wiederum hatte als schüchterner Songschreiber bis Anfang der 2000er-Jahre mit einer Alkoholsucht zu kämpfen.

Für ihn war da sein Jungendfreund Andrew Fletcher sehr wichtig: als sein Sprachrohr, aber auch als Vermittler innerhalb der Band. Fletcher selbst haderte in den 90ern mit einem Nervenzusammenbruch und Depressionen. Zwar wurde Fletcher oft vorgeworfen, zur Musik von Depeche Mode nicht viel beizutragen; aber es ist mitunter sein Verdienst, dass die Band bis heute weitermachen konnte.

Die Band: Ein sensibles Konstrukt

Den Bandmitgliedern wird nachgesagt, dass es sich bei ihnen nicht unbedingt um dickste Freunde handelt. Es ist eher eine Gruppe von Menschen, die sich alle paar Jahre zusammengerauft und eine Platte aufgenommen hat, um dann vor Millionen Leuten aufzutreten. Ich denke aber, dass in den letzten Jahren eine gewisse Altersmilde eingetreten ist, spätestens 2020 mit der Einführung in die "Rock & Roll Hall Of Fame". Sie haben schwierige Zeiten überstanden und sind zu einer der erfolgreichsten Bands überhaupt geworden.

Mit ihren Mitgliedern Gahan, Gore und Flechter sind Depeche Mode eine Band, bei der man Gesichter vor Augen hat. Dabei spielte auch die Optik eine große Rolle, bei der Fotograf Anton Corbjin einen hohen Anteil hatte: Aus einer anfangs sehr blassen Band, die in Badelatschen, Tennissocken und mit fragwürdigen blonden Strähnchen auf die Bühne gingen, wurden reife, coole Typen in Lederjacken, sowohl auf Bandfotos als auch in den Musikvideos.

Die Fans zelebrieren ihre Helden

Depeche Mode sind eine der letzten großen Stadionbands - ihre Konzerte sind Großereignisse. Dabei hat ein Depeche Mode-Konzert auch etwas von Karneval: Zumindest in den vorderen Reihen sieht man sehr oft Dave Gahan-Look-A-Likes oder Doubles von Martin Gore. Zumindest diese beiden eignen sich auch hervorragend als Stil-Vorbilder; Gahan mit seiner eckigen Tolle, Martin Gore mit seinen blonden Locken. Ganz allgemein sind Lederjacken und die Farbe Schwarz bei diesen Veranstaltungen ganz hoch im Kurs.

Auf die Spitze getrieben wird das hierzulande gern bei Depeche Mode-Partys: Da gibt es so gut wie ausschließlich Songs der Band zu hören, als Abwechslung vielleicht 80er- und 90er-Wave. Etwas befremdlich wirken Programmpunkte wie "Dave-Dancing"-Wettbewerbe, wo fröhlich miteinander konkurriert wird, den Frontmann der Band möglichst naturgetreu "nachzutanzen". Ist schon etwas seltsam und als Außenstehender befremdlich, macht als Fan aber doch auch Spaß.

Nun ist mit Andrew Fletcher ein sehr wichtiger Teil der Band verstorben. Wie die Zukunft von Depeche Mode aussieht, ist schwierig vorher zu sagen. Musikalisch könnte es weitergehen, aber mit Andrew Fletcher fehlt ein wichtiger, oft unterschätzter Stützpfeiler in der Band.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal Gespräch | 27.05.2022 | 16:45 Uhr

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