Ata Canani © Radio Bremen und MDR/Marlene Wynants

Ata Canani: Der Pionier des Gastarbeiter-Songs

Stand: 05.12.2022 17:12 Uhr

Mit elf Jahren kam Ata Canani nach Deutschland. In seinem Lied "Deutsche Freunde" sang er 1978 vom Los der Gastarbeiter. Der Durchbruch gelang ihm erst 35 Jahre nach der Veröffentlichung des Liedes.

von Yasemin Ergin

Ata Canani erzählt in Interviews gerne, wie er zu seinem ersten Musikinstrument kam. Er war elf Jahre alt und lebte bei seinen Großeltern in einem südanatolischen Dorf, als seine Eltern, die fünf Jahre zuvor als Gastarbeiter nach Deutschland gegangen waren, ihn endlich zu sich nachholen wollten. Der Junge wollte aber nicht weg aus der Türkei, er weigerte sich, und ließ sich erst erweichen, als sein Vater ihm den lange gehegten Wunsch nach einer Saz, einer traditionellen türkischen Langhalslaute, erfüllte. So kam er 1975 mit seiner Saz und den Klängen der Heimat im Gepäck nach Bremerhaven.

Mit zwölf stand Canani das erste Mal auf der Bühne

Sein Vater arbeitete dort als Schweißer, seine Mutter in einer Fabrik im Fischereihafen. Ata lernte schnell Deutsch und schaffte es immerhin bis auf die Realschule. In jeder freien Minute spielte er auf seiner Saz, schrieb schon als Kind seine eigenen Lieder, inspiriert von seinem Idol, dem alevitischen Volksmusiker Aşık Mahzuni Şerif. Als dieser ein von einem türkischen Kulturverein organisiertes Gastspiel in Bremerhaven gab, durfte Canani ihn auf der Bühne begleiten. Ata war da gerade mal 12 und sein Traum von einer Karriere als Musiker schien zum Greifen nah.

Weitere Auftritte, zumeist auf linken, türkischen Veranstaltungen und Familienfeiern folgten in den Jahren darauf, gegen den Willen seines konservativen Vaters, der mit den musikalischen Ambitionen seines Sohnes nichts anfangen konnte. Canani machte trotzdem weiter. Die Lieder, die er schrieb, handelten vom Los der Gastarbeiter:innen in Deutschland, von ausbeuterischen Arbeitsbedingungen und prekären Wohnverhältnissen, von Ausgrenzung in der neuen und Sehnsucht nach der alten Heimat. Von dem, was er kannte also.

Ata Cananis Lied "Deutsche Freunde": Inspiriert von Max Frisch

Nach einem seiner Auftritte sprach ihn ein deutsches Paar an, das zufällig auf einer türkischen Feier gelandet war. Seine Lieder klängen so berührend, ob er nicht mal drüber nachgedacht habe, auf Deutsch zu singen. Canani mochte die Idee und fing an deutsche Texte zu schreiben. Er wohnte inzwischen in Köln, wo er mit seiner Familie hingezogen war, und machte, anders als im beschaulichen Bremerhaven, Rassismuserfahrungen, die er in seiner Musik verarbeitete. 1978 entstand sein Lied „Deutsche Freunde“.

Moderatorin Salwa Houmsi in ARD/RB GESCHICHTE IM ERSTEN:#UNTERALMANS, "Migrantische Geschichte(n) mit Salwa Houmsi", am Montag (05.12.22) um 23:50 Uhr im ERSTEN. © Nils vom Lande
AUDIO: Dokureihe "#unterAlmans" erzählt Migrationsgeschichten (4 Min)

Zu den Klängen seiner Saz sang er von Max Frisch inspirierte Zeilen: „Arbeitskräfte wurden gerufen, unsere deutschen Freunde, aber Menschen sind gekommen, unsere deutschen Freunde, nicht Maschinen, sondern Menschen“. Das Lied erzählt auch vom Aufwachsen zwischen den Kulturen: „Und die Kinder dieser Menschen leben in zwei Welten. Ich bin Ata und frage euch, wo wir jetzt hingehören?“ Es ist eines der ersten bekannten Lieder, in denen ein Kind türkischer Gastarbeiter auf Deutsch singt. Für manche gilt Canani gar als Erfinder des türkischen Lieds in deutscher Sprache. Doch die Aufmerksamkeit hielt sich damals in Grenzen.

Liveautritt im Fernsehen bei Alfred Biolek

Canani gewann einen kleinen Liederwettbewerb, nahm ein paar türkischsprachige Kassetten und ein paar Songs für den WDR auf. 1982 wurde er immerhin in Alfred Bioleks Sendung „Bios Bahnhof“ eingeladen und performte „Deutsche Freunde“ live im Deutschen Fernsehen, begleitet von einer mitreißenden anatolischen Rockband. Der große Durchbruch blieb trotzdem aus. Die Zeit war wohl einfach noch nicht reif für Cananis Melange aus orientalischen und westlichen Klängen. Weder die deutschen noch die türkischen Zuhörer hätten verstanden, was er da eigentlich machte, erzählt Canani später in vielen Interviews.

Fließbandarbeiter statt Berufsmusiker

Statt als Berufsmusiker verdiente er sein Geld fortan als Fließbandarbeiter in einer Eimerfabrik, trat nur noch gelegentlich auf Hochzeiten auf. Der Traum von einer Musikerkarriere schien begraben. Bis 2013 das Telefon klingelte. Die Herausgeber der Compilation „Songs of Gastarbeiter“ hatten seine Songs ausgegraben, sie baten ihn, „Deutsche Freunde“ für ihr Albumprojekt noch mal neu einzuspielen. Canani hielt den Vorschlag zunächst für einen Scherz. Kurz darauf stand er dann doch im Studio, mit der gleichen Band, mit der er Jahrzehnte zuvor bei Biolek aufgetreten war. Mit 35 Jahren Verspätung wurde Ata Canani so neu entdeckt. Er begann wieder Konzerte zu spielen und Songs zu schreiben. Sein spätes Debütalbum „Warte mein Land, warte“ erschien 2021 beim Berliner Label Staatsakt.

Cananis Themen treffen weiterhin einen Nerv

Sein Stilmix aus Krautrock, Pop und Anatolischem Folk-Rock ist inzwischen angesagt und auch mit seinen Themen trifft er weiterhin einen Nerv. In seinem aktuellen Song „Vom Bosporus bis zum Rhein“ etwa geht es um den rassistischen Mordanschlag von Hanau. Bei seinen Auftritten, wie im vergangenen Sommer bei „İç İçe“, dem Festival für neue anatolische Musik, wird er heute meistens von der Münchner Neo-Krautrock-Band Karaba begleitet, und von einer jungen, urbanen, diversen Fangemeinde bejubelt. „Ata Abi“ nennen seine Fans ihn liebevoll: „Großer Bruder Ata“.

Weitere Informationen
Salwa Houmsi (links) und Haeng-Ja Fischer schauen Fotos an - Szene aus der Doku "#UNTERALMANS" von Radio Bremen/MDR © adio Bremen und MDR/Kristin Siebert Foto: Yasemin Ergin

ARD-Doku "#unterAlmans"

Migrantinnen und Migranten sprechen über die Arbeitsbedingungen in Deutschland bis weit in die 1980er. extern

Murat Dikenci im Porträt © Kerstin Schomburg/Schauspiel Hannover Foto: Kerstin Schomburg

Murat Dikenci: Vermittler in Sachen Theater

Der Schauspieler und Theatermacher will mit seinen "Universen" neues Publikum für das Theater begeistern. mehr

Almila Bagriacik zu Gast beim Deutschen Schauspielpreis © picture alliance

Almila Bagriacik: Ein Naturtalent beim Kieler Tatort

Sie liebt Hunde und Berlin und ist aus Zufall zum Film gekommen. Seit 2018 spielt die 33-Jährige in den "Borowski"-Tatorten. mehr

Das Bild zeigt das Gesicht des Autors Pierrot Raschdorff © Axel Martens Foto: Axel Martens
4 Min

Pierrot Raschdorff: Für eine vielfältige Gesellschaft

Raschdorff setzt auf Dialog: In "Schwarz. Rot. Wir" schreibt er, wie wir Rassismus und Vorurteilen begegnen können. 4 Min

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur - Das Journal | 05.12.2022 | 22:45 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Rock und Pop

Mehr Kultur

Jürgen Flimm. © picture alliance / Monika Skolimowska/dpa Foto: Monika Skolimowska

Früherer Thalia-Intendant Jürgen Flimm ist tot

Der Theater-Mann "mit Leib und Seele" wurde 81 Jahre alt. Von 1985 bis 2000 war er Chef der Hamburger Bühne. mehr