Sendedatum: 06.12.2018 11:20 Uhr

Raubkunst im August Kestner Museum in Hannover

von Kristin Häfemeier
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Die Ausstellung gibt auch Einblicke in das Leben der Menschen, die die Kunst einst gekauft haben, so wie Albert David.

Fast auf den Tag genau vor 20 Jahren hat Deutschland die "Washingtoner Erklärung" unterzeichnet. Darin verpflichtet sich das Land, Raubkunst aus der NS-Zeit ausfindig zu machen und sich mit den rechtmäßigen Erben zu einigen. Das ist die Aufgabe von Provenienzforschern. Auch das August Kestner Museum in Hannover erwarb während der NS-Zeit Kunstgegenstände. Die Stadt Hannover fasst nun den aktuellen Stand dieser Spurensuche in einer Ausstellung zusammen, die im August Kestner Museum zu sehen ist. Beteiligt sind mehrere Museen, das Stadtarchiv und die Stadtbibliothek.

Ursprünglich wollte das August Kestner Museum Hannover nur den Fall der 31 geraubten Goldmünzen von Albert David aus Burgwedel ausstellen. Der Provenienzforscher Johannes Schwarz dachte aber weiter:

"Für eine Ausstellung könnte man noch mehr zeigen. Und dann haben wir auch die anderen Fälle, die ich erarbeitet habe - insbesondere den Fall Klara Berlina. Von ihr haben wir einen Rokokoschrank und eine Straminplatte. Und dann gibt es noch die NSDAP-Gau-Bibliothek. Ein Großteil der Bücher steht im Stadtarchiv, 1.504 Bücher. Und die sind schon vor meiner Zeit erfasst worden und ich konnte mich dann in die Detailarbeit stürzen."

Besucher sollen in Lebensgeschichte eintauchen

Detailarbeit - das bedeutete für die Kuratoren nicht nur historische Dokumente, Bücher oder einen Marmorkopf auszustellen. Die Besucher sollen in die Lebensgeschichte der ehemaligen Besitzer eintauchen. Die Hannoveranerin Klara Berlina beispielsweise landete während der NS-Zeit im Judenhaus. Johannes Schwarz erklärt: "Ich wollte nicht nur wissen, dass es beschlagnahmtes Gut ist, sondern auch warum sie im Judenhaus war. Wie war ihre Geschichte? Ab wann wurde sie verfolgt? Durch welche Gesetze? Wie war das mit ihrem Haus? Warum musste sie ihr Haus verlassen? Warum musste sie ihre Einrichtungsgegenstände abgeben?"

All diese Fragen sind auch ein Element der Ausstellung, erklärt die Kuratorin Simone Vogt. Zu jedem Fall wird mindestens ein Kunstwerk ausgestellt und die Geschichte des Besitzers erzählt. Über den Dokumenten prangt in großen Lettern immer eine Frage.

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Der Rokoko-Schrank stammt aus dem Besitz von Klara Berliner.

"Wer stritt sich um das Erbe von Klara Berlina, ist zum Beispiel so eine Frage", erklärt Simone Vogt. "Diese Frage führt darauf zurück, dass es zwei Testamente gab, in dem unterschiedliche Personen begünstigt werden. Da stellt sich vielleicht auch die Frage: Ja, wie ist es denn jetzt? Es gibt zwei Testamente, wer darf jetzt diesen Schrank haben?"

Viele Fragen sind noch offen

Mehr als 150 Exponate sind in der Ausstellung zu sehen. Bei den wenigsten kennen Simone Vogt und ihr Team die erbberechtigten Nachfahren. "Es ist nicht so, dass wir abgeschlossene Fälle in der Ausstellung zeigen. Zum größten Teil sind die Fragen, wie nach den Erben, noch offen", sagt Simone Vogt.

Bei einem Buch aus der Stadtbibliothek hatten die Provenienzforscher Glück: "Vom Ursprung der Familie" von Friedrich Engels. Es gehörte Hanna Vogt aus Göttingen. Sie war Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands und kam 1933 ins Konzentrationslager Mohringen. Sie überlebte und starb 1994 in ihrer Heimat Göttingen.

Doch noch ist unklar, was mit dem Buch passiert, erklärt die Direktorin der Stadtbibliothek Hannover, Carola Schelle-Wolff: "Es gibt zwei mögliche Hinterbliebene. Zuerst müssen wir klären, wer erbberechtigt wäre. Und unser Ziel ist es, mit beiden ins Gespräch zu kommen. Eine mögliche Lösung wäre eine Rückgabe. Aber an wen? Das muss noch geprüft werden. Und eine andere Möglichkeit ist natürlich auch, das Buch in der Stadtbibliothek zu belassen und mit seiner Geschichte im Bestand zu behalten." Ein Neffe von Hanna Vogt wird extra zur Ausstellungseröffnung nach Hannover kommen.

Raubkunst im August Kestner Museum in Hannover

Die Ausstellung "Spuren der NS-Verfolgung" im August Kestner Museum in Hannover zeigt den aktuellen Stand der Provenienzforschung der Stadt. Zu sehen ist die Ausstellung bis Juni 2019.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Museum August Kestner
Trammplatz 3
30159  Hannover
Preis:
Erwachsene 5 €, Kinder (ab fünf Jahre) 3 €
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 06.12.2018 | 11:20 Uhr