Der deutsche Künstler Sigmar Polke (1941 - 2010), aufgenommen 2005 im Kunsthaus Zürich vor einem seiner Werke. © picture alliance/epa/dpa Foto: Alessandro Della Be

Sigmar Polke und die Bedingungen des Sehens

Stand: 16.04.2021 05:57 Uhr

Sigmar Polke prägte in den 60er- und 70er-Jahren gemeinsam mit Gerhard Richter die Kunst des Kapitalistischen Realismus. Mehrere Jahrzehnte lehrte Polke an der Hochschule für Bildende Kunst in Hamburg.

Es gibt Künstler, die können ihre Herkunft oder Ausbildung nicht verleugnen. Andy Warhol oder Robert Rauschenberg waren gelernte Schaufensterdekorateure und Sigmar Polke war gelernter Glasmaler. Warhol und Rauschenberg konnten grell und bunt arrangieren und inszenieren, Polke hingegen spielte häufig mit Erscheinungen des Lichts.

Polke prägt den kapitalistischen Realismus mit

In den 60er- und 70er-Jahren explodieren die Medien: Farbfernsehen, Walkman, CD- und Videoplayer gehören zur Grundausstellung des deutschen Haushalts. Während die amerikanische Pop-Art die bunte Farbenwelt des Konsums zunächst weitgehend unkritisch beleuchtet, hinterfragt Polke gemeinsam mit Gerhard Richter und anderen Düsseldorfer Künstlern den Fortschritt und die Versprechungen der Warenwelt.

Bereits 1963 findet die erste Ausstellung zum "Kapitalistischen Realimus" statt. Zwar orientieren sich die Werke, wie in der Pop Art, am Alltagsleben der westlichen Wohlstandsgesellschaft, doch versuchen die Künstler, ein realistischeres Bild zu zeichnen. Der Name "Kapitalistischer Realismus" ist nicht nur Programm, sondern auch eine Anspielung auf den Sozialistischen Realismus, dem Polke in den 50er-Jahren als Kind durch Auswanderung aus der DDR entflohen war.

Polke hinterfragt mit seiner Kunst, was wir sehen. Etwa die Bedingungen des Sehens, in denen uns die "schöne neue Welt" entgegentritt - häufig in großformatigen Drucken, Bildern, Zeichnungen und Gemälden. Dennoch sind seine Werke nie schwer, sondern bunt, heiter und ironisch. In Polkes Werken tauchen Hohes und Niedriges, Buntes und Einfarbiges, Umrisse und Flächen, Rasterpunkte und leere Leinwände auf. Ein einziges Thema hat er nicht, doch gerade deshalb ist Polke offen und immer noch für viele lesbar.

"Höhere Wesen befahlen": Polkes bekanntestes Werk

Ein Mann steht vor einem überwiegend weißen BIld, nur die rechte obere Ecke ist schwarz. Im unteren Teil des Bildes steht der Satz: "Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen". © dpa Foto: Oliver Berg
Polkes Werke sind häufig Reflexionen über das Betrachten. Das 1969 erschienene Bild "Höhere Wesen befahlen" gilt als das bekannteste Werk des Künstlers.

In seinen wenigen öffentlichen Äußerungen machte Polke sich gerne über die Kunstwelt lustig. Auch in seinen Werken zeigt sich ein ironischer Unterton. Eines von Polkes bekanntesten Werken: "Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen".

Ein simpler Reim, ein simples Motiv und scheinbar kein tieferer Sinn - oder ist das Bild gerade als Karikatur auf abstrakte Werke und deren Interpretation zu deuten? Das schwarze Dreieck kann auch als Anspielung auf das "Schwarze Quadrat" von Kasimir Malewitsch verstanden werden.

Sigmar Polke als Dozent in Hamburg

Neben seiner eigenen künstlerischen Tätigkeit unterrichtete Polke zwischen 1971 und 1992 mit mehreren Unterbrechungen auch als Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Zu seinen Schülern zählt unter anderem der Bildhauer Georg Herold. Anfang der 90er-Jahre beendete er die Lehrtätigkeit, um sich mehr auf seine eigene Arbeit konzentrieren zu können.

1999 stellte Polke im New Yorker Museum of Modern Art aus. Am 10. Juni 2010 starb er im Alter von 69 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung. Eines von Polkes letzten größeren Projekten war die Gestaltung von zwölf Kirchenfenstern im Zürcher Grossmünster. Nach seinem Tod widmete ihm das Museum of Modern Art 2014 noch einmal eine Ausstellung, in dem sein künstlerisches Schaffen mit einer Retrospektive gewürdigt wurde.

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Hallo Niedersachsen | 11.06.2020 | 13:25 Uhr