Stand: 14.02.2018 09:51 Uhr

Neuer "frauenORT" in Osnabrück

von Birgitt Schütte

Die Initiative frauenORTE sucht seit zehn Jahren in Niedersachsen nach den Spuren bedeutender Frauen. Mittlerweile sind daraus 34 "frauenORTE" entstanden. An jedem wird eine Frau geehrt, die etwas verändert hat. Bisher war das Osnabrücker Land ein weißer Fleck. Das soll sich nun ändern. Im Osnabrücker Rathaus wird die Frauenrechtlerin Cilli-Maria Kroneck-Salis geehrt und damit wird Osnabrück zu einem weiteren Frauenort.

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Die Gründerinnen des Osnabrücker Frauenhaues 1981

Cilli-Maria Kroneck-Salis ließ sich nichts gefallen. Als Halbjüdin spürte sie während des Nationalsozialismus, was es heißt, ausgegrenzt oder gedemütigt zu werden: "Da hab ich mir geschworen: Es wird mir nie wieder passieren, ohne dass ich mich wehre. Ich habe dann erkannt, dass die meisten Demütigungen dadurch kamen, dass wir zu einem unterdrückten Geschlecht gehören." Das sagte sie zu Lebzeiten in einem Interview.

Cilli-Maria Kroneck-Salis: Wut als Antriebsfeder

Ihre Wut war eine Antriebsfeder im Kampf gegen Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen. Als sie 1974 mit über 50 Jahren begann, an der Uni Osnabrück zu studieren, fand sie ihre Mitstreiterinnen. Demonstrationen waren an der Tagesordnung - ob für die Entlohnung von Hausarbeit oder gegen sexuelle Gewalt: "Mein Schwerpunkt war die Öffentlichkeitsarbeit. Ich habe Reden entworfen und habe Reden gehalten, auf dem Nikolaiort zum Beispiel mit einer Flüstertüte."

Ein Platz für misshandelte Frauen in Osnabrück

Als Erstes gründeten die Feministinnen den Verein zum Schutz misshandelter Frauen. Sie nahmen Schutz suchende Frauen, häufig mit deren Kindern, in ihren Wohnungen oder Wohngemeinschaften auf. Wiltrud Schwartz gehörte zu den Mitstreiterinnen der ersten Stunde. Sie erinnert sich gut daran, wie schwer es damals war, die Ratsherren davon zu überzeugen, dass Osnabrück ein Haus braucht, wo misshandelte Frauen einen Platz finden: "Die haben sogar behauptet, so etwas gibt es in Osnabrück nicht. Und eine Cilli hat das keine Sekunde durchgehen lassen, die ist dann sehr emotional und gleichzeitig sehr geistreich und wortgewandt dagegen vorgegangen."

Auf Augenhöhe ohne Bevormundung

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Cilli-Maria Kroneck-Salis mit Anna-Maria Schmitz-Hülsmann, ehemalige Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Osnabrück, 2001 in Osnabrück.

1981 wurde das Osnabrücker Frauenhaus eröffnet. Wichtig war den Aktivistinnen, dass es autonom war, unabhängig von Trägervereinen. Frauen sollten dort einen Schutzraum in privater Atmosphäre finden und in keine offizielle Kartei aufgenommen werden. Alle waren auf Augenhöhe, keine sollte bevormundet werden, das gehörte zum Prinzip. Genauso wie in der Gruppe der aktiven Feministinnen. Cilli-Maria Kroneck-Salis habe zwar Position bezogen und vor Ideen gesprüht, erzählt Wiltrud Schwarz, aber niemals habe sie sich als Chefin gesehen: "Manchmal war sie etwas lauter, bei den Verhandlungen. Manchmal war sie aber auch von ihren Gefühlen so mitgenommen, dass sie auch selbst eine kleine Auszeit brauchte."

Aktive Erinnerung

Zum autonomen Frauenhaus kam später das Frauenflüchtlingshaus für bosnische Frauen hinzu. An diesen Kampf für mehr Frauenrechte sollen nun verschiedene Veranstaltungen erinnern. Im Iburger Haus der Familie, wo ihre Tochter mittlerweile ein Restaurant betreibt, soll es Lesungen, Konzerte und eine Ausstellung geben. In Osnabrück und Bad Iburg werden neue Stadtführungen erarbeitet, die an die aktiven Zeiten der Frauenbewegung in den 1970er- und -80er Jahren und an Cilli-Maria Kroneck-Salis erinnern.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 14.02.2018 | 06:40 Uhr

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