Stand: 15.07.2019 15:48 Uhr

Die Vulva in Kunst und Design

von Leonie Andersen
Das Unsichtbare sichtbar machen - wie hier auf einer Demo am Weltfrauentag.

Vulva, das ist die Bezeichnung für den Venushügel, die Klitoris, für die äußeren und inneren Schamlippen. Jahrhundertelang wurde die Vulva versteckt, wegretuschiert und totgeschwiegen. Heute ist sie in der Popkultur angekommen: Es werden Schals und Plakate mit Vulven bedruckt, sie werden gemalt, aus Gips geformt und ausgestellt. Ein neuer Trend?

Der Evangelische Kirchentag hat zum "Vulva malen"-Workshop eingeladen, die schwedische Zeichnerin Liv Strömquist widmet der Kulturgeschichte der Vulva einen ganzen Comic. Museen in Leipzig und London stellten Videos aus, in denen die Künstlerin Stephanie Sarley Grapefruits und Zitronen penetriert. Die aufgeschnittenen Früchte erinnern optisch an Vulven - Sarley liebkost sie mit den Fingern oder ihrer Zunge. Das Modelabel Damnsel hat eine Handtasche designt, auf denen runde Schamlippen zu sehen sind - Glitzerstein als Klitoris inklusive. In England wird gerade an dem weltweit ersten Vulva- und Vagina-Museum gearbeitet. Und für das Musikvideo zu ihrer Single "Pynk" tanzt die Sängerin Janelle Monáe mit ausladenden Hosen als rosafarbene Vulva durch die Wüste.

Es fehlt etwas in der sexuellen Kommunikation

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Liv Strömquist widmete der Vulva einen ganzen Comic.

Außerhalb von Sexshops und der Pornoindustrie war von Vulven lange wenig zu sehen. Selbst Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen konnten die äußeren Geschlechtsmerkmale von Menschen mit Gebärmuttern lange Zeit nicht richtig benennen. Statt Vulva sagten sie Vagina, oder auf Deutsch: Scheide. Das ist nicht nur medizinisch falsch, erklärt die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal: "Das Problem ist, wenn wir Vagina statt Vulva sagen, wird das komplette sichtbare Genital in der Sprache unsichtbar. Medizinisch ist die Vagina nur die Körperöffnung, die das äußere sichtbare Genital, also die Vulva, mit der Gebärmutter und dem Muttermund verbindet. Wenn ich die ganzen anderen Teile meines Genitals, die mir Lust bereiten, nicht benennen kann, dann fehlt ganz viel in der sexuellen Kommunikation zwischen den Geschlechtern."

Das Unsichtbare sichtbar machen

Mit ihrem Buch "Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts", stieß Sanyal im Jahr 2009 in Deutschland erstmals eine breitere, öffentliche Debatte über weibliche Genitalien an. Dass die Vulva in den vergangenen zehn Jahren mehr und mehr zum neuen Symbol des Feminismus geworden ist, findet sie wichtig - auch, wenn einige damit viel Geld verdienen. "Ich glaube, wir leben in einer Gesellschaft, in der es sich nie komplett verhindern lässt. Ich bin eher überrascht darüber, wie sehr die Vulva ihr revolutionäres Potenzial beibehält", sagt Sanyal. "Die Vulva hat den Unterton von: 'Komm, wir machen das Unsichtbare sichtbar. Wir nehmen uns unsere eigene Sexualität und unsere Selbstbestimmung zurück.' Und diese positive Konnotation, die ist eine Kraft in der Vulva und das ist trotz der Kommerzialisierung ganz eindeutig vorhanden."

Ein Beispiel ist die Illustratorin Hilde Atalanta. Sie präsentiert auf ihrem Instagramaccount @thevulvagallery Zeichnungen von unterschiedlichen Vulven. Sie möchte ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Schamlippen und Klitoris ganz unterschiedliche Formen, Farben und Größen haben. Dass diese Vielfalt in der Öffentlichkeit bisher fehlt, merkt die Sexualtherapeutin Bettina Kirchmann in ihrem Praxisalltag. Sie berichtet, dass Menschen mit gesunden Vulven sich selbst oft viel zu kritisch betrachten: "Das hat natürlich auch viel damit zu tun, dass es durch die Pornografie noch mal einen Blick darauf gibt, nach dem Motto: 'Sieht die schön aus? Sieht die nicht schön aus?' Das ist so ein bestimmtes Bild von der Vulva, wie sie dargestellt wird, was in der Pornografie oft unrealistisch ist. Viele Pornodarstellerinnen haben sich die inneren Schamlippen beschneiden lassen, sodass die Vulva wie die eines kleinen Mädchens aussieht.“

Im Alltag noch nicht angekommen

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Auf dem CSD in Freiburg 2018 wurde auch schon für mehr Sichtbarkeit der Vulva demonstriert.

Deshalb werden in vielen Städten Vulva-Watching Seminare angeboten, in denen sich Menschen ihre eigenen und fremde Vulven anschauen. Doch ist das wirklich noch nötig, heute, wo uns die Vulva an so vielen Stellen begegnet? Ja, denn im Alltag aller Menschen ist die Vulva noch immer nicht angekommen, sagt Mithu Sanyal: "Es ist ein Trend in bestimmten Nischen. Aber gesamtgesellschaftlich weiß ich nicht, ob alle Leute ständig Vulven sehen." Die erhöhte Sichtbarkeit betrifft vor allem Menschen, die kulturinteressiert sind und sich verstärkt mit der eigenen Sexualität auseinandersetzen, glaubt auch Bettina Kirchmann: "Das Gros der Frauen hat es schwer, da einen Zugang zu finden. Wir werden schon als kleine Mädchen dazu erzogen, dass wir da keinen ranlassen und vorsichtig sein sollen. Wir Frauen legen die Beine übereinander; es ist immer alles verborgen und wird noch mehr verborgen.“

In der Sexualaufklärung sei deshalb noch einiges zu tun, meinen beide. Trotzdem begrüßen sie die aktuelle Entwicklung in der Kunst und Popkultur. Denn dass die Vulva immer sichtbarer wird, lädt ein, mehr über sie zu sprechen. Und das ist der erste Schritt für einen positiven Blick auf das frühere Tabuthema.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 16.07.2019 | 11:55 Uhr

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