Filmszene mit Sebastian Blomberg (links) und Dar Salim (r.) auf einem Schlitten aus Johannes Nabers Film "Curveball" © Filmwelt Verleihagentur / 35.ffos 2020 Foto: Sten Mende

"Curveball - Wir machen die Wahrheit": Bitterböse Politsatire

Stand: 24.09.2021 22:32 Uhr

Wie sehr der Öffentlichkeit nach den Terroranschlägen des 11. Septembers das Blaue vom Himmel vorgelogen wurde, um den Einmarsch der US-Truppen im Irak zu rechtfertigen, davon erzählt die bitterböse Satire "Curveball - Wir machen die Wahrheit". 

von Walli Müller

Hätten sich die Drehbuchautoren die Geschichte ausgedacht, man könnte sich herrlich amüsieren über diese Geheimdienst-Farce mit Doppel-Nullen als Agenten. Aber: Sie ist nicht ausgedacht, sondern im Prinzip so passiert - und da kann einem das Lachen schon im Hals stecken bleiben.

Lügengeschichten im Austausch für politisches Asyl

Los geht es mit einem vermeintlich großen Fisch, den der Bundesnachrichtendienst an Land gezogen hat und seinem Biowaffen-Experten Wolf, gespielt von Sebastian Blomberg, präsentiert. Rafid Alwan heißt der Mann, der in Deutschland politisches Asyl beantragt hat und Agent Wolf streng geheime Informationen verspricht - wenn er im Gegenzug Bleiberecht und einen deutschen Pass bekommt. Endlich wird dem BND-Mann das bestätigt, was er immer schon ahnte: dass im Irak der tödliche Milzbrand-Erreger Anthrax hergestellt wird. Vor lauter Übereifer merkt er gar nicht, was ihm der angebliche Informant mit Codenamen "Curveball" für einen Bären aufbindet. Mobile Giftmisch-Labore seien da in seiner Heimat unterwegs.

"Hier in dieser Halle werden die LKWs be- und entladen. 40-Tonner. Im Augenblick fahren sieben dieser LKWs durch den Irak. Ich halte seine Geschichte für absolut plausibel."
"Das ist ein Knaller! Ein absoluter Knaller, das muss raus!"
"Sollen wir nicht auf eine Validierung warten?"
"Ich höre immer nur Warten und krieg gleich schlechte Laune!“ Filmszene

"Curveball - Wir machen die Wahrheit": Bitterböse Politsatire

Regisseur Johannes Naber, der zusammen mit Oliver Keidel auch das Filmpreis-nominierte Drehbuch geschrieben hat, inszeniert seine Filme so minimalistisch, wie der Soundtrack orchestriert ist. "Zeit der Kannibalen" über das zynische Geschäft von Unternehmensberatern spielte ausschließlich im Hotelzimmer; und auch "Curveball" bietet keine James Bond-Kulissen oder Action-Einlagen, sondern besteht weitgehend aus Gesprächen in kahlen Innenräumen. Was dabei aber zum Vorschein kommt, ist explosiver als jede Sprengstoff-Ladung. Denn als die Lüge längst entlarvt ist, wird auf politischer Ebene immer noch damit operiert.

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"Curveball"-Regisseur Johannes Naber (r.) mit seinem Hauptdarsteller Sebastian Blomberg kurz vor der Berlinale-Weltpremiere ihres Filmes "Curveball" bei der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein © Filmförderung HHSH/ Jasper Ehrich Foto: Jasper Ehrich

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Heute weiß man: Alle waren im Bilde - der BND, Bundeskanzler Gerhard Schröder, sein Außenminister Joschka Fischer und auch die Amerikaner. Trotzdem wurden der Öffentlichkeit "Curveballs", Fake-Infos, als Beweis für eine Biowaffen-Produktion im Irak und damit als Kriegsgrund verkauft. Das ist die bittere Pointe dieser politischen Real-Satire. Für die Kollegin vom CIA sind Wolf und sein irakischer Lügenbaron nur nützliche Idioten. Nicht die "Wahrheit" zähle, sondern die "gerechte" Sache.

"Curveball - Wir machen die Wahrheit" wäre ein lustiger Film, wenn er nicht so traurig wäre - und umgekehrt. Die Figuren sind satirisch überzeichnet, die Fakten aber gründlich recherchiert und verlässlich. Bleibt einem beim Zuschauen nur ungläubiges Staunen und Kopfschütteln.

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Curveball - Wir machen die Wahrheit

Genre:
Satire / Drama
Produktionsjahr:
2020
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
Mit Sebastian Blomberg, Dar Salim, Virginia Kull, Michael Wittenborn und anderen
Regie:
Johannes Naber
Länge:
108 Minuten
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
9. September

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