Szene aus dem Film "The Ordinaries" von Sophie Linnenbaum © Filmfest Oldenburg

Filmfest Oldenburg eröffnet mit ungewöhnlichem Erstlingswerk

Stand: 14.09.2022 23:30 Uhr

Zum 29. Mal ist am Mittwochabend das Internationale Filmfest Oldenburg mit zahlreichen Weltpremieren und Debütfilmen gestartet. Bei der Eröffnungsgala in der Kongresshalle wurde die Satire "The Ordinaries" gezeigt.

von Kristin Hunfeld

Mit rund 55 langen und kurzen Filmen ist das Filmfest Oldenburg deutlich kleiner als zum Beispiel die Filmfestivals in Braunschweig oder Hamburg, aber: Vor allem in den USA hat es sich einen guten Ruf erarbeitet als deutsche Plattform für den internationalen unabhängigen Film.

Zum Auftakt gab es aber einen deutschen Film, der in der Filmwelt spielt. "The Ordinaries" übersetzt: "Die Gewöhnlichen" ist der erste lange Spielfilm der jungen Regisseurin Sophie Linnenbaum, ihr Abschlussfilm an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg. Im Mittelpunkt dieser Satire steht die 16-jährige Paula, deren größter Wunsch es ist, von der Nebenfigur zur Hauptfigur aufzusteigen. Dafür geht sie seit fünf Jahren auf die sogenannte Hauptfigurenschule.

Wie Paula bewegen sich auch alle anderen Charaktere in einer Art gigantischem Filmstudio, alles ist Kulisse, alle leben ständig auf den nächsten Dreh hin, üben ihre Monologe, überprüfen ihre Fähigkeit, Gefühle zu erzeugen und sind angehalten, die strenge Hierarchie einzuhalten.

Ganz unten in der Hierarchie bewegen sich die Outtakes, das sind die, die herausgeschnitten wurden. In deren Welt hat eine angehende Hauptfigur nichts verloren. Aber Paula tut alles, um die Wahrheit über ihren verschwundenen Vater zu erfahren, seinerseits ein erfolgreicher Hauptdarsteller, mit dieser Erzählung ist sie jedenfalls aufgewachsen.

 "The Ordinaries": Preise für Erstlingswerk

"The Ordinaries" ist ein höchst ungewöhnlicher Film voller kreativer Ideen, auch was Schnitt und Sound angeht. Es ist schwer zu glauben, dass es sich um ein Erstlingswerk handelt. Regisseurin Sophie Linnenbaum bekam dafür gleich zwei Preise beim Münchner Filmfest und war auch beim wichtigen A-Festival im tschechischen Karlovy Vary eingeladen. Kinostart ist im kommenden Frühjahr. Dass das Filmfest Oldenburg diesmal nicht mit einer Weltpremiere eröffnet, findet Festivalleiter Torsten Neumann verzeihlich.

"Wenn man so einen deutschen Film hat, der so international wirken kann und so independent ist, der so originell und einfallsreich und überraschend seine Geschichte erzählt, dann ist das doch toll, wenn wir den haben, also da müssen wir doch völlig uneitel sein als Festival", findet Neumann.

"The Black Guelph" feiert Weltpremiere in Oldenburg

Szene aus dem irischen Film "The Black Guelph" © Filmfest Oldenburg
Der irische Regisseur John Connors porträtiert in "The Black Guelph" Menschen aus der Gemeinschaft der Travellers.

Als Weltpremiere läuft ein ebenfalls besonderer Film aus Irland, "The Black Guelph". Er spielt im Umfeld der sogenannten Travellers - der ehemals fahrenden Leute, die heute zumeist sesshaft sind, bei allerdings oft eher prekären Lebensverhältnissen. Regisseur John Connors gehört selbst der Gemeinschaft der Travellers an.

"Das fühlt man in jeder Sekunde des Films, der ist sehr nah an den Menschen, die er porträtiert. Das sind sympathische oder unsympathische Menschen, Polizisten oder Gangster, verlorene Seelen - man fühlt, dass der weiß, wovon er erzählt", so Festivalleiter Neumann.

Doku aus dem menschenleeren Salzburger Zoo

Einen ungewöhnlichen und anrührenden Dokumentarfilm steuert der Österreicher Andreas Horvath bei. Er hat während des Lockdowns im menschenleeren Salzburger Zoo gedreht und lässt - ungestört von Sprechertexten aus dem off, nur durch Musik unterlegt - die Blicke der Tiere sprechen.

"We Don't Dance For Nothing": ein mutiger Film

In Hongkong spielt "We Don’t Dance For Nothing" über den Alltag von philippinischen Au-Pair-Mädchen in wohlhabenden Haushalten. "Die haben nur einen Tag in der Woche frei, das ist der Sonntag. Da gehen diese Au-Pair-Mädchen tanzen auf den Straßen, das ist wirklich so", berichtet Torsten Neumann. "Der Regisseur erzählt den Alltag dieser Hauptfigur wie einen Fotoroman, in Einzelbildern. Wenn sie diesen freien Tag haben, dann ist die Kamera so entfesselt - das ist ein ganz mutiger und toller Film. Wir finden es spannend, dass sich jemand traut, ein wenig anders zu erzählen."

Regisseurin Mattie Do in der Kurzfilmjury

Es ist dieser Geist, der die laotisch-amerikanische Regisseurin Mattie Do zurück nach Oldenburg zieht. Mit ihrem Film "The Long Walk", der hier 2020 Deutschlandpremiere feierte, war sie inzwischen bei vielen Festivals auf der ganzen Welt zu Gast. In diesem Jahr ist sie Mitglied der Oldenburger Kurzfilmjury. "Ich war auf vielen der großen wichtigen A-Festivals - Cannes, Locarno, Toronto, Busan oder Tokio - aber hier in Oldenburg herrscht so ein Pioniergeist, was unabhängiges Kino angeht, und es ist so familiär. Ich wollte unbedingt wieder dabei sind", erklärt Mattie Do.

Weitere Informationen
Szene aus dem Ruben-Östlund Film "Triangle of Sadness" mit einem Model und einem Oligarchen auf einer Luxusyacht - Der Film läuft im Wettbewerb von Cannes © Fredrik-Wenzel ©Plattform Foto: Fredrik-Wenzel

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Filmfest Oldenburg eröffnet mit ungewöhnlichem Erstlingswerk

"The Ordinaries" von Sophie Linnenbaum hat bereits in München Preise gewonnen. Weltpremiere feiert "The Guelph" aus Irland.

Art:
Fest
Datum:
Ende:
Ort:

Oldenburg
Kartenverkauf:
Karten können online unter https://filmfest-oldenburg.reservix.de/events erworben werden.
Hinweis:
42 Lang- und 12 Kurzfilme aus 13 Ländern werden in verschiedenen Oldenburger Kinos und Hotels gezeigt.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 14.09.2022 | 07:20 Uhr

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