Szene aus "Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt": Das Festspielhaus in Bayreuth © FILMWELT Verleihagentur

Premiere von Brüggemanns Wagnerianer-Doku in Hamburg

Stand: 04.10.2021 11:20 Uhr

Am 3. Oktober erlebte "Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt" beim Filmfest Hamburg seine Welturaufführung. Im Dokumentarfilm über den polarisierenden Komponisten Richard Wagner wirft Axel Brüggemann einen intimen Blick hinter die Kulissen des Festspielhauses.

von Jens Büchsenmann

Der Film kommt ab dem 28. Oktober ins Kino. Wohl kaum ein Komponist polarisiert mehr als Richard Wagner. Kaum jemand kann unbefangen Opern wie "Tannhäuser" oder die "Meistersinger" hören. Kann man - darf man - die Musik eines Antisemiten lieben? Bewunderer des "Ring" oder des "Parsifal" sind so zahlreich wie die Gegner - auch, wenn er Musik geschrieben hat wie "Tristan und Isolde", der man sich schwer entziehen kann.

Ein Film über Wagners Fans

"Ein Wagnerianer ist ein Mensch, der dem Sommer entgegenfiebert, wenn er an Bayreuth denkt": Es geht um die Fans in diesem Film und darum, wie sie überall auf der Welt ticken. Der Filmemacher Axel Brüggemann hat sie in Abu Dhabi gefunden, in Jerusalem, in New York, in Tokio. Brüggemann setzt seinen Ton, seine Duftmarke: "Wagner Fans are the heavy metal end of classical music". Für diesen Heavy-Metal der Klassik findet Axel Brüggemann feine ironische Bilder: Wagnerianer, wie sie sich - hochbetagt - die Treppe ins Sterbezimmer ihres Meisters rauf schleppen.

Axel Brüggemann: Selbsttherapie eines Wagnerianers

Ortswechsel: In Bayreuth schwenkt die Kamera ruhig über ein beeindruckendes Stillleben von Würsten. "Ich war die ersten zwei Akte und er war die letzten - er hat ja zwei Hüften": Herrn und Frau Rauch gehört die erste Metzgerei am Platz - und sie sind Wagner-Fans von Kindesbeinen an. Das Metzgerehepaar ist Axel Brüggemanns heimlicher Star.

Szene aus "Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt": das Bayreuther Metzgerehepaar Ulrike und Georg Rauch © FILMWELT Verleihagentur
Das Bayreuther Metzgerehepaar Ulrike und Georg Rauch gehört zu den heimlichen Stars des Films.

"Das war die Idee für diesen Film: dass die Wagnerianer alle einen Schuss haben", so Brüggemann über seine Dokumentation. "Ich bin auch Wagnerianer. Insofern war der Film eine Art Selbsttherapie. Man fragt sich, warum man einen Komponisten gut findet, der so ein Idiot, ein menschliches Wrack war. Und der von dir erwartet, dass du deine Gedanken an der Garderobe abgibst und dich in seiner Musik gehen lässt. Ich glaube, dass ich da ein Wagnerianer unter vielen bin. Ich verstehe die vielen Freaks in dem Film so gut, weil ich auch ein bisschen so bin wie die."

Jüdische Sicht auf einen Antisemiten

So kess sich der Dokumentarfilmer im Gespräch gibt, so anrührend sind die jüdischen Wagnerianer - wie Jonatha Livny, der den Wagner-Verband-Israel gegründet hat. Der Achtzigjährige Emigrant erzählt seiner kleinen Enkelin, wie sein Vater bei der Flucht aus Frankfurt vor allem die Wagner Schallplatten gerettet hat.

"Diese Musik ist von einem Komponisten, den dein Opa sehr gerne hört. Er heißt Wagner. Oma und Opa fliegen um die ganze Welt, um seine Opern zu hören. Wir waren in Deutschland und in den USA, um diese wunderschöne Musik zu hören." Zitat aus "Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt"

Wieder in Bayreuth sehen und hören wir den jüdisch-amerikanischen Regisseur Barrie Kosky inszenieren: "Wagner ist nicht verantwortlich für das Dritte Reich, für Auschwitz oder für das, was im 20. Jahrhundert mit seiner Musik gemacht wurde. Aber wenn ein nicht-jüdischer Deutscher mir sagt, dass die Musik nicht antisemitisch ist, dann sage ich 'Sie entscheiden nicht, ob ein Stück antisemitisch ist oder nicht. Ich sage als Jude, dass ich das Stück antisemitisch finde.'"

Ein Blick hinter die Kulissen Bayreuths

Axel Brüggemann ist gelungen, was vor ihm noch kein Kamerateam geschafft hat: ein langer, intimer Blick hinter die Kulissen des Festspielhauses - vom Orchestergraben bis in Katharina Wagners Wohnzimmer, sozusagen: "Das Vergnügen, ein Wagner zu sein, hält sich in Grenzen, weil es vorurteils- und klischeebeladen ist. Man muss immer wieder gegen Vorurteile und Klischees kämpfen", so Katharina Wagner.

Das ist Katharina Wagner in ihrer Intendanz wichtig zu zeigen. Richard Wagner ist nichts Heiliges, Unantastbares. Wagner hat in den Kneipen in Bayreuth Handstand auf der Theke gemacht. Er war ein Mensch und hat Musik für Menschen gemacht. Das will der Film zeigen. Damit kann Katharina Wagner gut leben.

Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt

Genre:
Dokumentation
Produktionsjahr:
2021
Produktionsland:
Deutschland
Regie:
Axel Brüggemann
Länge:
102 Min.
Kinostart:
28. Oktober 2021

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 04.10.2021 | 07:20 Uhr

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