Filmszene aus "Titane" © picture alliance/dpa/Koch Films | Carole Bethuel

"Titane": Verrücktes Fantasy-Drama um eine Serienkillerin

Stand: 06.10.2021 14:05 Uhr

Es war eine Sensation, als zum zweiten Mal in der 76-jährigen Geschichte des Festivals von Cannes in diesem Jahr eine Frau die Goldene Palme gewonnen hat. Die 37-jährige Regisseurin Julia Ducournau bekam die Auszeichnung für ihren Film "Titane".

von Katja Nicodemus

Eine junge Frau pflegt ein erotisches Verhältnis zu Autos. Sie fesselt sich auf den Rücksitz eines Cadillacs und hat Sex mit dem Wagen. Stoßdämpfer, Achsen, Körper, Polster finden einen gemeinsamen Rhythmus. Und wer glaubt, diese Szene sei schon verrückt genug, wird in dem Film "Titane" weiter überrascht: Die junge Frau wird schwanger von dem Auto und verliert Motoröl durch ihre Brüste. Schwarz glänzend läuft es über die Laken.

Tatsächlich entzieht sich der Film von Julia Ducournau auf furchtlose Weise den Kategorien. Er spielt mit verschiedenen Genres - Body-Horror, Serienkiller-, Slasherfilm - und verbindet sie zu einer grell ausgeleuchteten Erzählung.

Gewalt wird in "Titane" bewusst als Zumutung inszeniert

Julia Ducournau und Vincent Lindon umarmen sich © picture alliance / abaca | Niviere David/ABACAPRESS.COM
Regisseurin Julia Ducournau und Hauptdarsteller Vincent Lindon in Cannes bei der Präsentation von "Titan"

Alexia, gespielt von der androgynen Schauspielerin Agathe Rousselle, trägt seit einem Autounfall in der Kindheit eine Titanplatte im Kopf. Jetzt arbeitet sie als Tänzerin bei einer Autoshow. Doch schon die aggressive Wucht, mit der sie ihre Hüften an die Kühlerhaube schlägt, zeigt, dass hier jemand aus der vermeintlich zugeschriebenen Rolle des sexualisierten Showgirls fällt. Als Alexia von einem Verehrer bedrängt wird, rammt sie ihm ihre Haarnadel ins Hirn.

Diese Gewalt wird bewusst als Zumutung inszeniert. Sie ist nur auszuhalten, weil sie einer tiefen Wut zu entspringen scheint. Alexia erweist sich als von der Polizei gesuchte Serienmörderin, sie tarnt sich als Mann. Auf einer öffentlichen Toilette bricht sie sich absichtlich die Nase, um ihr Gesicht unkenntlich zu machen.

Agathe Rousselle und Vincent Lindon bilden Wahlfamilie

Auftritt Vincent Lindon! Der populäre französische Schauspieler spielt einen älteren Feuerwehrmann, der in Alexia seinen verlorenen Sohn zu erkennen glaubt. Er ist eine melancholische Vaterfigur, gefangen in übersteigerter Männlichkeit. Ein älterer Mann, der sich mit Anabolika seine Muskeln aufspritzt, während die jungen muskulösen Feuerwehrmänner, die mit ihm unter einem Dach wohnen, abends zu wilder Musik tanzen.

In einer seltsamen Wahlfamilie leben Alexia und der Feuerwehrmann zusammen. Ihre Schwangerschaft schreitet fort, doch Alexia verbirgt sie, bindet sich die Brüste ab, aus denen immer mehr Motoröl fließt. Und ihr neuer Ziehvater sucht den Kontakt mit dem schweigsamen Wesen am Küchentisch.

Elemente des Horrorgenres mit Genderfluidität und Identitätspolitik

Die Faszination von "Titane" liegt in der Verwegenheit des Films, Sieger des vergangenen Festivals von Cannes. Julia Ducournau verbindet Elemente des Horrorgenres mit aktuellen Themen: Genderfluidität, Identitätspolitik, der technoide Mensch. Und unser Schrecken über die grotesken Körperfantasien dieser Regisseurin hat auch etwas Befreiendes. "Titane" ist ein Werk der Maßlosigkeit und der Hemmungslosigkeit.

Irgendwann driftet "Titane" in eine eigene Sphäre ab. Zuschreibungen, Rollenmuster, Körperlichkeiten lösen sich endgültig auf, und der Film ist nur mehr ein Raum, in dem Menschen wahrhaftige Beziehungen leben können, zwischen Zärtlichkeit, Intimität und Seelenverwandtschaft. Irgendwann werden Alexia und ihr Ziehvater miteinander tanzen - zwei Menschen berühren einander, und es ist völlig egal, ob sie Vater oder Sohn sind, Frau oder Mann, Mörderin oder Feuerwehrmann. Oder schwanger von einem Auto.

Titane

Genre:
Thriller
Produktionsjahr:
2021
Produktionsland:
Frankreich, Belgien
Zusatzinfo:
mit Vincent Lindon, Agathe Rousselle, Garance Marillier
Regie:
Julia Ducournau
Länge:
108 Minuten
FSK:
ab 16 Jahren
Kinostart:
7. Oktober 2021

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kultur | 07.10.2021 | 07:20 Uhr

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