Szene aus dem Film "Till - Kampf um die Wahrheit" © Universal Pictures
Szene aus dem Film "Till - Kampf um die Wahrheit" © Universal Pictures
Szene aus dem Film "Till - Kampf um die Wahrheit" © Universal Pictures
AUDIO: Filmtipp: "Till - Kampf um die Wahrheit" (4 Min)

"Till - Kampf um die Wahrheit": Sehenswertes Rassismus-Drama

Stand: 27.01.2023 18:15 Uhr

Vor knapp 70 Jahren wollte Mamie Till-Mobley nicht still ertragen, was ihrem Sohn von weißen Rassisten angetan wurde. Nun läuft ein Film über sie im Kino. Ihr Leid bewegt und ihre Stärke inspiriert.

von Walli Müller

Es liegen etwa 1.200 Kilometer zwischen Chicago und Mississippi - 1955 aber auch noch Welten. Während Mamie Till-Mobley als Afro-Amerikanerin im Norden schon ein Leben als respektierte berufstätige Frau führen kann, herrscht im Süden noch Rassen-Trennung. Mamies Verwandte müssen sich von den weißen Nachbarn wie Untermenschen behandeln lassen. Aber wie erklärt sie das ihrem 14-jährigen Sohn Emmett, den sie seit dem Tod des Vaters alleine großzieht und der in den Ferien fröhlich zu einem Besuch bei Onkel, Tante und Cousins in Mississippi aufbricht?

"Wenn Du da unten bist…"
"Ach, nicht schon wieder, Mama!"
"Weißt Du, sie haben andere Regeln für uns Negros da unten, hörst Du mir zu?"
"Ja."
"Du musst bei Weißen ganz besonders vorsichtig sein. Sie können schnell mal was in den falschen Hals bekommen."
"Ja, weiß ich doch!"
"Wenn Du dort bist, mach Dich klein." Dialog aus dem Film

Hauptdarstellerin Danielle Deadwyler spielt großartig

Mamie hat kein gutes Gefühl vor dieser Reise. Sie bezweifelt, dass ihr selbstbewusster Sohn die nötige Unterwürfigkeit aufbringen kann. Und tatsächlich wird der Name Emmett Till als unsagbar grausamer Fall eines Lynchmords in die Geschichte der amerikanischen Hass-Verbrechen eingehen.

Eine übermütige Teenager-Geste führt in die Katastrophe. Emmett hat eine weiße Kassiererin angeflirtet. Grund für ihre selbst ernannten "Rächer", ihn nachts aus dem Bett zu zerren, brutal zu quälen und umzubringen. Den Gewaltakt selbst spart der Film bewusst aus. Den Schmerz der Mutter zu sehen, ist ähnlich unerträglich. Er gräbt sich tief ins Gesicht der großartigen Hauptdarstellerin Danielle Deadwyler.

Initialzündung für die schwarze Bürgerrechtsbewegung

Als Mamie aus der ersten Schockstarre erwacht, fühlt sie noch etwas anderes als Trauer in sich: Wut und Entschlossenheit, das Unrecht nicht einfach hinzunehmen. Die Öffentlichkeit soll sehen, was Rassisten ihrem Sohn angetan haben.

Emmetts Bild auf den Titelseiten wird zu einer Initialzündung für die schwarze Bürgerrechtsbewegung - und Mamie Till-Mobley zu einer führenden Aktivistin. Regisseurin Chinonye Chukwu kann sie für ihre Weitsicht nur bewundern: "Mamie war sich der Macht der Bilder schon sehr bewusst. Und das in einer Zeit, in der das Fernsehen erst langsam populär und zugänglich wurde. Sie hat die Medien damals schon sehr zielgerichtet genutzt, um ihre Botschaft zu verbreiten und ein Bewusstsein zu erzeugen, das zu Veränderung und Aktivismus führen würde."

"Till - Kampf um die Wahrheit": Ein Film ohne weiße Sympathieträger

Eine schwarze Frau weint am Sarg ihres Kindes © CHICAGO TRIBUNE Foto: unbekannt
Mamie Till-Mobley am Sarg ihres Sohnes Emmett bei dessen Beerdigung am sechsten September 1955.

Einen Moment lang wird der Anblick des offenen Sarges auch dem Kinopublikum zugemutet. Die Leiche sei ja gar nicht eindeutig zu identifizieren, moniert später die Verteidigung der Mörder. Das sind Argumente, die weiße Geschworene im Süden durchaus überzeugen. Im Justiz-Drama, das der Film zuletzt noch beinhaltet, tritt die Mutter persönlich in den Zeugenstand. Auch das ein unglaublich mutiger Akt. Denn in Mississippi erheben 1955 Schwarze nicht das Wort gegen Weiße.

"Haben Sie Ihren Sohn ermahnt, wie er sich hier während seines Aufenthalts in Mississippi zu benehmen hat?"
"Ja, etliche Male."
"Etliche Male?"
"Ich habe ihn stets mit Liebe erzogen, 14 Jahre lang. Meine Warnungen, dass ihm Hass begegnen würde, sind wohl nicht zu ihm durchgedrungen." Dialog aus dem Film

Nein, es gibt keine weißen Sympathieträger in diesem Film, auch nicht die eine "White Saviour"-Figur, die in früheren Filmen oft zur Ehrenrettung der Weißen beitrug. Bis vor kurzem hatte ja auch ein weiß dominiertes Hollywood die Deutungshoheit über die schwarze Geschichte.

Jetzt erzählen People of Color wie Regisseurin Chukwu selbst vom Rassismus in den Vereinigten Staaten - den sie bis heute erleben. Und es lohnt sich absolut, aus dieser Perspektive auf Mamie Till-Mobley zu schauen. Ihr Leid bewegt und ihre Stärke inspiriert.

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Till - Kampf um die Wahrheit

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2022
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
Mit Danielle Deadwyler, Whoopi Goldberg, Jalyn Hall u.a.
Regie:
Chinonye Chukwu
Länge:
130 Minuten
FSK:
ab 12 Jahren
Kinostart:
26. Januar 2023

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 23.01.2023 | 07:55 Uhr

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