Ein Kind schreit mit zugehaltenen Ohren auf dem Beifahrersitz - Filmstill aus Nora Fingscheidts Film "Systemsprenger" im Wettbewerb der Berlinale 2019 © kineo / Weydemann Bros. / Yunus Roy Imer

"Systemsprenger": Filmdrama über ein Problemkind

Stand: 18.05.2021 06:21 Uhr

Der Film "Systemsprenger" über ein Mädchen, das aufgrund seines aggressiven Verhaltens durch alle Raster fällt, war 2020 einer der Überraschungserfolge des deutschen Films.

von Bettina Peulecke

Filmemacherin, das war schon immer ihr Traumberuf und schon immer wollte die 36-jährige Nora Fingscheidt etwas über ein wütendes, wildes Mädchen machen. Diverse Ansätze für ein Drehbuch scheiterten. "Ich habe in Stuttgart einen Dokumentarfilm gedreht über ein Heim für wohnungslose Frauen. Eines Tages zog ein 14-jähriges Mädchen ein", erzählt die Regisseurin. "Ich war geschockt, aber die Sozialarbeiterin sagte nur, "die Systemsprenger, die dürfen wir immer an ihrem 14. Geburtstag aufnehmen." Das sei der Moment gewesen, wo sie angefangen habe zu recherchieren. Das Resultat ist einer der außergewöhnlichsten und kraftvollsten deutschen Filme der jüngeren Vergangenheit: eine anstrengende, emotionale Achterbahnfahrt für alle Beteiligten, bei der sich Mitgefühl und Angst abwechseln. Das Spielfilmdebüt der Regisseurin Nora Fingscheidt wurde 2020 beim Deutschen Filmpreis mit der Goldenen Lola als bester Spielfilm und in sieben weiteren Kategorien ausgezeichnet.

"Systemsprenger": Helena Zengel spielt mit enormer Wucht

Gabriela Maria Schmeide als Frau Bafané und Helena Zengel als Benni - Szene aus dem Film "Systemsprenger" © Port au Prince Pictures Foto: Yunus Roy Imer
Frau Bafané (Gabriela Maria Schmeide) kümmert sich liebevoll um Benni.

Benni ist neun und schwer traumatisiert. Immer wieder muss sie zu neuen Pflegefamilien, keiner kommt mit ihr zurecht. Wenn dieses unbändige Mädchen wütend wird, springen bei ihr alle Sicherungen raus. Dann kann sie kein Erwachsener mehr halten.

Der Begriff "Systemsprenger" stammt von Praktikern, die damit konfrontiert werden, dass das System für manche nicht funktioniert - für Kinder wie Benni. Sie ist deshalb auch in ärztlicher Behandlung. Benni wird von der Kinderdarstellerin Helena Zengel mit einer unvergesslichen Wucht und Energie gespielt. Das sorgte nicht nur in Deutschland für Aufsehen. Für die US-Produktion "Neues aus der Welt" stand Helena Zengel wenig später mit Tom Hanks vor der Kamera.

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Tom Hanks und Helena Zengel sitzen im Netflix-Film "Neues aus der Welt" auf einem Kutschbock © picture alliance / Everett Collection | ©Universal/Courtesy Everett Collection

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Lisa Hagmeister spielt überforderte Mutter

Lisa Hagmeister spielt Bennis Mutter Bianca - Szene mit der elfjährigen Helena Zengel als Bennis aus dem Film "Systemsprenger" von Nora Fingscheidt © Port au Prince Pictures Foto: Yunus Roy Imer
Ruhige Momente gibt es selten. Manchmal hat die Mutter (Lisa Hagmeister) sogar Angst vor ihrer Tochter.

Eigentlich möchte Benni nur zu ihrer Mutter, die von Lisa Hagmeister gespielt wird. Aber die Mutter ist hoffnungslos überfordert und hat Angst vor ihrem eigenen Kind. Es gibt immer einen Grund für sie, sich nicht um Benni zu kümmern und es ist herzzerreißend zu sehen, wie die verletzte Kinderseele immer wieder sehnsüchtig die Mutterliebe einfordert: Wenn Benni wegläuft und nachts vor der Tür steht, oder die Mutter anruft und das kranke Schwesterlein wieder einmal Vorrang hat.

Es gibt sie, die engagierten Mitarbeiter in den Heimen, wie Frau Befané, die sich liebevoll und unermüdlich um Benni kümmert und versucht, die Mutter zu motivieren.Aber das System kann denen, die es sprengen, nicht helfen. Auch der Jugendpfleger Micha kann nichts tun. Als er sich zu sehr für Benni engagiert, bringt er seine eigene Familie in Gefahr.Das Herzensprojekt von Nora Fingscheidt ist in jedem Fall gelungen. Dennoch kann man der Thematik natürlich ambivalent gegenüberstehen: Soll man sich das als Zuschauer wirklich antun? Man sollte.

Systemsprenger

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Helena Zengel, Albrecht Abraham Schuch, Gabriela Maria Schmeide
Regie:
Nora Fingscheidt
Länge:
125 Min.
FSK:
ab 12 Jahre

Dieses Thema im Programm:

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