Hertha BSC Gemeinsam gegen Rassismus - Szene aus Torsten Körners Dokumentarfilm von 2021 "Schwarze Adler" © BROADVIEW Pictures

Bewegende Doku über Rassismus in der Fußball-Nationalelf

Stand: 15.04.2021 10:54 Uhr

In der Doku "Schwarze Adler" erzählen afrodeutsche Fußballprofis wie Erwin Kostedde, Gerald Asamoah und Shary Reeves über ihre Erfahrungen, das deutsche Nationaltrikot zu tragen. Ab 15. April bei Amazon Prime und am 18. Juni im ZDF.

Fußballspieler Anthony Baffoe mit geschlossenen Augen in einem Stadion - Szene aus Torsten Körners Dokumentarfilm von 2021 "Schwarze Adler" © BROADVIEW Pictures
Beitrag anhören 4 Min

von Walli Müller

Weißes Trikot mit schwarzem Adler auf der Brust - daran erkannte man lange Zeit die deutsche Fußballnationalmannschaft. Nur selten wurde dieses Shirt vor der Jahrtausendwende auf schwarzer Haut getragen. Zum ersten Mal 1974 von Erwin Kostedde. Er und 13 andere afrodeutsche Fußballer und Fußballerinnen erzählen nun, wie es sich anfühlte, für Deutschland voller Stolz das Nationaltrikot zu tragen - und doch nicht richtig dazu zu gehören. "Schwarze Adler" heißt der Dokumentarfilm von Torsten Körner, der zunächst bei Amazon Prime, in Kürze dann auch beim ZDF zu sehen ist.

Jean-Manuel Mbom über sein Standing als afrodeutscher Fußballer

Vielleicht sollte man, um diesem Film gerecht zu werden, mit dem hoffnungsvollen Ende anfangen: Da spricht Jean-Manuel Mbom, ein junger Werder Bremen-Profi und Jugendnationalspieler, sehr reflektiert über sein Standing als afrodeutscher Fußballer heute und steht damit für den gesellschaftlichen Wandel, der sich in der Geschichte des Fußballs eindrucksvoll spiegelt. Genau das macht "Schwarze Adler" nämlich so fesselnd und interessant. "Ich denke, dass wir schon einen weiten Weg gegangen sind. Mein Leben ist schon ganz anders, als das Leben einer schwarzen Person früher." Mbom ist 2000 in Göttingen geboren - die Mutter Deutsche, der Vater aus Kamerun - aber damit ist er kein "Exot" mehr wie einst Erwin Kostedde.

Erwin Kostedde - schwarzer Nationalspieler in der Beckenbauer-Elf

Die Nationalelf 1975 beim Spiel gegen Griechenland mit Erwin Kostedde (2.v.r.) - Szene aus Torsten Körners Dokumentarfilm von 2021 "Schwarze Adler" © BROADVIEW Pictures IMAGO Sven Simon Foto: Sven Simon
Erwin Kostedde spielt in den 70ern gemeinsam mit Franz Beckenbauer in der National-Elf - hier 1975 im Spiel gegen Griechenland.

Was der erste schwarze Nationalspieler, 1974 in der Beckenbauer-Elf, zu erzählen hat, ist so viel trauriger. Für das 1946 geborene Kind einer Deutschen und eines afroamerikanischen Soldaten ist die Hautfarbe noch ein Stigma. Der Junge passt so kurz nach der Nazi-Zeit nicht ins "Persil-weiße"-Deutschland. "Ich habe auch Kernseife genommen und habe gewaschen und gewaschen, drei, vier Stunden lang. Dass meine Haut abpellte, irgendwie und so, aber ich wurde nicht weißer." Nur drei Mal ist Kostedde für die Nationalmannschaft im Einsatz. Der Druck ist zu groß, das schmälert seine Leistung.

Affenlaute im Stadion: Lange Zeit hat die Gesellschaft weggehört

Es sind zum Teil erschütternde Geschichten, die im Film von Fußball-Idolen wie Steffi Jones oder Gerald Asamoah geschildert werden. Anthony Baffoe, Ende der 80er-Jahre Spieler bei Fortuna Düsseldorf, schildert, wie es sich anfühlt, wenn von den Rängen rassistische Sprechchöre oder Affenlaute erschallen: "Ich kann mich noch erinnern, da haben wir im DFB-Pokal in Plattling gespielt, da bin ich dann permanent beleidigt worden von den Zuschauern. Ich stand auch nah an den Tränen. Dann bin ich nach Hause gefahren und hab' auch lange überlegt, 'was soll der ganze Scheiß'? Warum immer wieder, immer wieder?"

Fußballspieler Gerald Asamoah in einem Stadion- Szene aus Torsten Körners Dokumentarfilm von 2021 "Schwarze Adler" © BROADVIEW Pictures
Der ehemalige Nationalprofi Gerald Asamoah kommt auch im Film zu Wort.

Schmerzlich daran ist nicht nur, was Spielern wie Baffoe widerfahren ist, sondern auch, was das über die weiße Mehrheitsgesellschaft aussagt. Alle, die in den 80er- und 90er-Jahren öfter mal in einem Bundesliga-Stadion waren, haben die Affenlaute gehört - und meist nicht groß darüber nachgedacht. Eine Ignoranz, die einem erst jetzt im Zuge der Identitätsdebatte bewusst wird.

Regisseur Torsten Körner hinterfragt eigene Denkmuster

Regisseur Torsten Körner hat bei der Vorbereitung des Films auch seine eigenen, "weißen" Denkmuster hinterfragt. "Natürlich habe ich mich mit meiner weißen Identität auseinandergesetzt, als ich den Film begonnen habe." Er habe sich aber nicht die Frage vorgelegt, ob er den machen dürfe, weil er ein weißer Mensch sei. "Da steckt mir schon sehr viel Unfreiheit drin. Unsere Gesellschaft, eine komplexe Gesellschaft, lebt einerseits von Freiheit, aber vor allem auch von dem Versuch, andere zu verstehen, also von Empathien."

Archiv-Aufnahmen, die Bände sprechen

In seinem Film lässt Körner die schwarzen Spielerinnen und Spieler ausschließlich für sich sprechen: "Das ist ganz wichtig, dass wir andere Biographien versuchen zu verstehen. Und dass wir uns ein Stück weit versuchen, in den anderen einzufühlen." Der Regisseur ergänzt die Berichte jedoch mit Archiv-Aufnahmen, die Bände sprechen. Da fragt ein Reporter in den 50er-Jahren weiße Mütter schwarzer deutscher Kinder allen Ernstes, ob es nicht vernünftiger wäre, sie zur Adoption freizugeben. Im aktuellen Sport-Studio formuliert der einstige HSV-Profi Jimmy Hartwig seine Rassismus-Vorwürfe gegen DFB und Nationaltrainer Jupp Derwall erfrischend direkt: "Ich bin ausgezeichnet worden als einer der besten Mittelfeldspieler in Europa und habe keine Nationalmannschaft gespielt. Jetzt frage ich Sie: 'An was liegt das?' Hätt ich mir die Haare färben sollen? Hätte ich mir Kontaktlinsen einsetzen sollen?"

"Schwarze Adler": Amüsanter, berührender, Augen öffnender Film

Shary Reeves sitzt mit geschlossenen Augen in der Kabine  - Szene aus Torsten Körners Dokumentarfilm von 2021 "Schwarze Adler" © BROADVIEW Pictures
Die ehemalige Bundesliga-Spielerin Shary Reeves erzählt, wie ermüdend viele der Erfahrungen sind.

Mal amüsant, mal berührend, immer Augen öffnend ist dieser Film. Und manchmal möchte man am liebsten einfach nur mitheulen. "Was langsam viele Menschen verstehen sollten, was mir wichtig ist, zu sagen: Das macht einen auch sehr sehr müde", sagt die ehemalige Bundesliga-Spielerin Shary Reeves, als ihr beim Reden plötzlich die Tränen kommen. "T'schuldigung. Muss mich grade erst mal ein bisschen fassen. Ich liebe dieses Land, aber machmal denk ich ..."

Die Geschichte schwarzer Fußballer und Fußballerinnen in diesem Land ist ein Ringen um Zugehörigkeit. Oft leider heute noch. Und weil ihre Erfahrungen so beispielhaft sind, ist der Dokumentarfilm "Schwarze Adler" bei weitem nicht nur ein Film für Fußballfans.

Weitere Informationen
Selbstporträt Ernst Ludwig Kirchners, um 1928 © NDR / Susanne Brand

Mediathek-Tipps: Dokumentarfilme und alte Perlen im April

Spielfilme wie Bjarne Mädels "Sörensen hat Angst" und Dokus wie ein Künstlerporträt von Ernst-Ludwig Kirchner sind in den Mediatheken. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 15.04.2021 | 06:55 Uhr

St. Paulis Gerald Asamoah (r.) erzielt das 1:0 gegen den HSV.

Auswechselkönig Gerald Asamoah

St. Paulis Gerald Asamoah erzielt am 16. Februar 2011 nicht nur das 1:0 zum Derby-Sieg gegen den Hamburger SV - er avanciert durch seine spätere Auswechslung auch zum Rekordhalter. mehr

Mehr Kultur

Bronze-Büste von Sophie Scholl © picture alliance / Winfried Rothermel Foto: pWinfried Rothermel

Sophie Scholl: Das Vermächtnis ihres Kampfs gegen die Nazis

Am 9. Mai 2021 wäre Sophie Scholl 100 Jahre alt geworden - sie wurde nur 21. Ein Essay des Historikers Magnus Brechtken. mehr