Stand: 18.10.2019 15:02 Uhr

"Parasite": Perfides Sittenbild der Gesellschaft

Parasite
, Regie: Bong Joon-ho
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Die Goldene Palme von Cannes ist in der Welt des Kinos eine Mischung aus Grand Slam und Nobelpreis. In diesem Jahr gewann sie der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho mit seinem Film "Parasite". In seiner Heimat und der gesamten asiatischen Kinoregion zwischen China und Malaysia ist der 50-jährige Regisseur ein Superstar, von den zwanzig erfolgreichsten südkoreanischen Filmen aller Zeiten stammen drei von ihm. Schon lange verehrt ihn eine internationale Fangemeinde für seine abgründigen Thriller und Monsterfilme. Nun startet seine Sozialsatire "Parasite" in den deutschen Kinos.

Park So-Dam und Woo-sik Choi mit ihren Handys - Szene aus dem Film "Parasite" von Bong Joon Ho © Koch Films

Filmtrailer: Goldene-Palme-Sieger "Parasite"

In der Sozialsatire "Parasite" des südkoreanischen Regisseurs Bong Joon-ho stellt eine Familie aus der Oberschicht neue Diener ein.

5 bei 4 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Lustig ist es nicht, wenn eine vierköpfige Familie in einem Kellerloch wohnt, das von der Stadtverwaltung der Millionenstadt Seoul mit Unkrautvernichtungsmitteln besprüht wird, so als handele es sich bei den Bewohnern um Insekten. Und doch ist der Film "Parasite" unterhaltsam - sogar sehr. Weil er wirklich etwas verhandelt und mit elegant fotografierten Bildern ein perfides Sittenbild der südkoreanischen Gesellschaft zeichnet.

Familie Kim lebt am Rand der Gesellschaft

Da ist zunächst einmal die Familie Kim: Mutter, Vater und zwei erwachsene Kinder hausen in der niedrigen Souterrainwohnung, in die sich kaum ein Lichtstrahl verirrt. Allabendlich werden die Fenster von Besoffenen bepinkelt.

Bild vergrößern
Die arbeitslose Familie Kim (Choi Woo Shik, Song Kang Ho, Chang Hyae Jin, Park So Dam) kommt gerade so über die Runden.

Die Kims leben vom Zusammenfalten von Pizzakartons, ernähren sich von Instantnudeln und nutzen das WLAN der darüber liegenden Wohnungen und Cafés - manchmal ohne Erfolg und manchmal mit akrobatischen Verrenkungen.

Fast spiegelbildlich erzählt "Parasite" von einer weiteren Familie: Die wohlhabenden Parks residieren mit ihren zwei Kindern in einer durchgestylten Betonvilla, beschäftigen Chauffeur, Haushälterin und Nachhilfelehrer. Die armen Kims werden sich in die reiche Familie einschleichen und nach und nach alle Bediensteten ersetzen - mit gefälschten Zeugnissen und gemeinen Intrigen.

Kims unterwandern die reiche Familie Park

Bild vergrößern
Der reiche Geschäftsmann Herr Park (Lee Sun Kyun) und seine Frau Yeon-kyo (Cho Yeo Jeong) wissen nicht alles über ihre neuen Dienstboten.

Der mit familiärer Einigkeit und großem Einfallsreichtum durchgezogene Masterplan besitzt die Virtuosität eines Gangstercoups. Vater Kim ist jedenfalls stolz auf den von seiner Tochter gefälschten Universitätsabschluss, mit dem sich sein Sohn bei den Parks als Nachhilfelehrer vorstellen wird.

Eins kommt zum anderen: Der arbeitslose Herr Kim schleust sich bei den Parks als hochqualifizierter Chauffeur ein. Diesen Fahrer und Familienvater spielt Song Kang-ho, der Stammschauspieler des Regisseurs, mit einer Mischung aus Unterwürfigkeit und langsam erwachendem Stolz. Frau Kim übernimmt den Job der Haushälterin. Die Tochter wiederum wird dem kleinen Sohn der reichen Familie Kunstunterricht geben. Die Auftritte sind minutiös vorbereitet und geplant: Unterschicht spielt Bildungsschicht.

"Parasite": Ein unterhaltsamer Film über den Klassenkampf

Natürlich wird der in dieser Konstellation angelegte Klassenkampf auch ausbrechen. Die Versuchsanordnung von "Parasite" mag plakativ klingen - und sie ist es auch. Doch immer wieder überrascht uns der Film: durch beiläufige Szene, die die Brutalität der sozialen Verhältnisse offenbaren. Etwa wenn Frau Park dem neuen Nachhilfelehrer ihres Sohnes klipp und klar erklärt, wo es langgeht. Gute Umgangsformen überdecken hier nur notdürftig die strukturelle Rücksichtslosigkeit einer Lebensform.

Porträt

Bong Joon-ho: Der "Parasite"-Regisseur aus Südkorea

Er liebt Monster, das Kino von Chabrol, Hitchcock und Miyazaki - und Monster: Bong Joon-ho. Der Superstar des asiatischen Kinos wurde mit der Goldenen Palme für "Parasite" geadelt. mehr

Bong Joon-ho zeigt soziale Realität statt Heldenepos

In "Parasite" spürt man die Verbundenheit des Regisseurs Bong Joon-ho mit den Bewohnern des feuchten Souterrains. Man ahnt, dass das Leben für seine Figuren einmal heller war, dass es Aussichten, Hoffnungen gab. Dass der Abstieg keine Frage von Tüchtigkeit ist, dass eine Karriere an der fehlenden Studienfinanzierung scheitern kann. Dass Resignation manchmal eben doch die legitime Antwort auf vieles ist.

Menschen wie die Kims zu Helden eines global durchschlagenden Unterhaltungskinos zu machen, ist das große Verdienst von Bong Joon-ho. Der Keller, in dem seine Filmfamilie lebt und immer wieder landen wird, weist weit über Korea hinaus.

Parasite

Genre:
Sozialsatire
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Südkorea
Zusatzinfo:
mit Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam
Regie:
Bong Joon-ho
Länge:
132 Min.
FSK:
ab 16 Jahren
Kinostart:
17. Oktober 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 17.10.2019 | 07:20 Uhr

Bong Joon-ho: Der "Parasite"-Regisseur aus Südkorea

In Südkorea hat Bong Joon-ho mit seinen Filmen mehr als 30 Millionen Zuschauer ins Kino gelockt. In Cannes hat der Regiestar mit seiner Sozialsatire "Parasite" triumphiert. Ein Porträt. mehr

7 Bilder

Cannes: Siegerfilme, Palmen und Stars

Die Goldene Palme der 72. Filmfestspiele von Cannes geht an den Film "Parasite" aus Südkorea. Als beste Schauspieler sind Antonio Banderas und Emily Beecham ausgezeichnet worden. Bildergalerie

Mehr Kultur

83:44
NDR Info

Album (2/2)

NDR Info
00:30
NDR Elbphilharmonie Orchester

"For Seasons": der Trailer

NDR Elbphilharmonie Orchester
62:17
NDR Kultur