Mark Ruffalo im Umweltdrama "Vergiftete Wahrheit"

Stand: 07.10.2020 15:46 Uhr

Der amerikanische Regisseur Todd Haynes hat das Genre gewechselt: Sein neuer Film "Dark Waters" ist ein Umweltthriller.

von Katja Nicodemus

Früher hat Todd Haynes Filme über Glamrockstars gedreht, über Bob Dylan, über tragische Romanzen. Er wurde für seine Patricia-Highsmith-Verfilmung "Carol" gefeiert, eine lesbische Liebesgeschichte mit Cate Blanchett und Rooney Mara in den Hauptrollen. Nun geht es um Umweltverschmutzung.

Perfluoroctansäure, kurz PFOA, ist notwendig für die Herstellung von Teflon und extrem giftig, wenn ihre Rückstände ins Grund- bzw. Trinkwasser geraten. Der Organismus kann PFOA nicht ausscheiden oder abbauen, die Folgen einer Belastung mit PFOA können Krebs sowie Missbildungen bei Nachkommen sein.

Anwalt Bilott kämpft gegen einen Chemiekonzern

All das wird der Anwalt Robert Bilott in dem Film "Vergiftete Wahrheit" nach und nach herausfinden. Bilott arbeitet für eine Kanzlei in Cincinnati, die vor allem große Chemiefirmen vertritt. Aber dann steht eines Tages der Farmer Wilbur Tennant im Foyer der Kanzlei. Fast zweihundert seiner Rinder sind elendiglich zu Grunde gegangen.

Tennants Vermutung: Der Tod seiner Tiere könnte mit einer nahegelegenen Deponie im Zusammenhang stehen, auf der eine Chemiefirma Abfälle entsorgt. Bilott übernimmt den Fall. Doch das Verhältnis zwischen dem Anwalt und seinem Klienten ist, gelinde gesagt, nicht einfach.

David gegen Goliath, ein heldenhafter Jurist im Kampf gegen die riesige Kommerzkrake - man kennt die Konstellation von anderen Umweltthrillern, etwa Steven Soderberghs "Erin Brockovich" mit Julia Roberts. Aber "Dark Waters" von Todd Haynes ist anders.

Landschaftsbilder ohne Schönheit

Es ist ein düsterer Film, in dem nicht einmal die amerikanische Landschaft das Versprechen birgt, das wir von ihr gewohnt sind. Die Farben sind gedämpft, die Luft ist dunstig, und der von Mark Ruffalo gespielte Anwalt wirkt von Anfang an so, als drücke eine unendlich schwere Last seine Schultern nach unten.

Wenn Bilott von Cincinnati zu seinem Klienten nach West Virginia fährt, wo er aufgewachsen ist, dann wirkt der berühmte Song von John Denver wie ein ironischer Kommentar auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Unbegrenzt, so scheint es, ist hier vor allem die Rücksichtslosigkeit der Konzerne in Bezug auf Mensch und Natur.

Unbegrenzt ist das Profitstreben, in das die flächendeckende Vergiftung einer ganzen Stadt mit eingerechnet ist. Unbegrenzt sind die finanziellen Möglichkeiten des Chemieriesen Dupont, der Anwälte und Behörden gegen den querulanten Anwalt ins Feld schickt. Nur Tim Robbins darf in der Rolle von Bilotts Kanzleichef ein wenig amerikanischen Optimismus verbreiten.

Der Film ist ein Kommentar auf die aktuelle Unternehmens- und Politkultur

"Vergiftete Wahrheit" ist die Geschichte eines realen Umweltverbrechens. Todd Haynes erzählt Robert Bilotts Ende der neunziger Jahre beginnenden und fast zwei Jahrzehnte andauernden Kampf chronologisch, und dieser ruhige Rhythmus ist auch die Stärke des Films.

Gemeinsam mit Ruffalos Held kommen wir dem mörderischen Umgang mit der Perfluoroctansäure auf die Spur, der Verseuchung des Ohio-River, die zu Krebserkrankungen von Tausenden von Menschen führte. Der Anwalt erlebt Erfolge - und viele Rückschläge.

Todd Haynes Umweltthriller mag Ende der neunziger Jahre spielen, doch der Film ist auch ein Kommentar auf das gegenwärtige Amerika der großen Konzerne, auf eine Unternehmens- und Politkultur, die die Rechte der einzelnen Bürger, ihre körperliche Unversehrtheit, nicht achtet, ja mit Füßen tritt. Es ist ein Film unserer Zeit, der sich den Zeitläufen nicht anbiedert.

Vergiftete Wahrheit

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2020
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
mit Mark Ruffalo, Anne Hathaway, Tim Robbins
Regie:
Todd Haynes
Länge:
128 Min.
FSK:
ab 6 Jahre
Kinostart:
8. Oktober 2020

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kultur | 08.10.2020 | 07:20 Uhr

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