Stand: 26.04.2019 15:53 Uhr

"Lievalleen": Reise zurück in die Kindheit

von Axel Seitz
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Schriftsteller Peter Wawerzinek erhielt für seine Arbeit den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Es ist diese eine Frage, die den Schriftsteller Peter Wawerzinek seit Jahrzehnten begleitet: Warum ließ ihn seine Mutter einfach so in der Rostocker Wohnung zurück und haute in den Westen ab, als der kleine Junge gerade einmal drei und seine Schwester zwei Jahre alt war? Dieses traumatische Ereignis und die Folgen hat Peter Wawerzinek bereits in seinem 2010 erschienenen Roman "Rabenliebe" verarbeitet. Jetzt lässt der Autor noch einen Dokumentarfilm folgen: "Lievalleen". Dieser hat seine Uraufführung am 2. Mai auf dem Filmkunstfest in Schwerin. Es ist ein Film über einen Jungen auf der Suche nach der Mutter und eine Liebeserklärung an gleich drei Frauen.

"Mein ist der Gespensterwald im Ostseebad Nienhagen. Mein sind die Bäume, mein sind die Vöglein im Geäst. Spürvögel sind sie. Von mir ausgeschickt nach der Mutter, nach dem Vater zu suchen." Passage aus dem Film "Lievalleen"

Dieser Gespensterwald ist für Peter Wawerzinek gleichermaßen Heimat wie Rückzugsort, ein Platz, an dem sich der junge Peter ebenso wohlfühlt wie der erwachsene. Und wo er Erika Banhardt, kurz Bani, seine Erzieherin aus Kindertagen wiedertrifft: "Bani bin ich erst nach meinem Roman 'Rabenliebe' wieder begegnet. Sie kommt in dem Buch vor. Ich habe aufgeschrieben, woran ich mich erinnere. Nun will ich sie befragen und mehr über mich in Erfahrung bringen", erzählt der 64-Jährige in seinem Film.

Peter wuchs in verschiedenen Heimen in der DDR entlang der Ostseeküste auf, hatte es noch vergleichsweise gut mit Adoptiveltern. Seiner Schwester Beate wurde die Kindheit genommen: "Worauf bist du wütend?", will der Bruder in dem Film von seiner Schwester wissen. "Auf das Leben, das ich hinter mich gebracht habe. Das mir nicht das gegeben wurde, wozu andere die Möglichkeit hatten. Zur Schule zu gehen, zu lernen, mehr aus sich machen", antwortet sie.

Traumatische Kindheit in psychiatrischem Heim

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Beate, die Schwester von Peter Wawerzinek, wirkte an dem Dokumentationsfilm mit.

Beate wuchs in einem psychiatrischen Heim in Stralsund auf, 15 Jahre lang vom Bruder getrennt. Sie vor die Kamera zu holen, sei nicht so ganz einfach gewesen, sagt Regisseur Steffen Sebastian: "Weil Beate schon sehr traumatisiert war. Sie hat ihr Schicksal nie richtig erzählen können und ich denke, dass dieser Film für sie auch eine Art von Therapie ist."

Seit 2011 haben sich Steffen Sebastian und Peter Wawerzinek mit diesem Dokumentarfilm beschäftigt. Es geht um Peters Leben, die Suche nach der Mutter, letztlich ist "Lievalleen" eine Liebeserklärung geworden - für die Erzieherin Bani, für eine Köchin im Heim und vor allem für die Schwester Beate: "Ich habe Bani, die mich in Obhut nahm, gefunden. Mich und so viele andere Kinder auch. Wir haben bis zu ihrem Tod Kontakt gehalten. Ich bin ihr und allen anderen Frauen, die sich um mich kümmerten, so dankbar. Ich denke, dass Bani und die Köchin mir so etwas wie eine Mutter waren."

Ein einziges Treffen mit der Mutter

Seine leibliche Mutter hat Peter Wawerzinek ein einziges Mal gesprochen, vor 15 Jahren. Im Film kommt sie nicht selbst zu Wort, ein Mann in Frauenkleidern übernimmt im Gespensterwald ihre Rolle. Der Dokumentarfilm "Lievalleen" ist schonungslos offen, es schmerzt zu erleben, was Kindern angetan wurde. Zugleich lernt der Zuschauer liebenswürdige Menschen kennen, die Peter Wawerzinek und uns zeigen: Er ist doch nicht ganz allein.

"Lievalleen" ist während des Filmkunstfestes am 2. Mai um 19.15 Uhr und am 4. Mai um 11.15 Uhr im Schweriner Capitol zu sehen - beide Regisseure Peter Wawerzinek und Steffen Sebastian werden dazu erwartet. Für einen bundesweiten Kinostart wird allerdings noch ein Verleiher gesucht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 30.04.2019 | 19:00 Uhr

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