Ausgelassene Tanzen in einem großen Saal - Szene der Koproduktion von ARD und Sky "Babylon Berlin". © Frédéric Batier/X Filme

Filmfehler vermeiden! Über historische Korrektheit in Filmen

Stand: 26.05.2021 10:25 Uhr

Kostüme, Sprache, Kulisse: Wie wird daran gearbeitet, dass Filme und Serien wie "Downton Abbey" möglichst authentisch und "historisch korrekt" werden? Das haben wir uns von Filmschaffenden erklären lassen.

von Walli Müller

"Babylon Berlin", "Charité", Ku'damm 63" - es gibt im deutschen Fernsehen einen wahren Boom an historischen Stoffen; im Kino sind Kostümfilme ja ohnehin zu Hause. Aber diese Zeitreisen fürs Publikum erfordern ganz schönen Aufwand! Nicht nur Kostüme und Kulissen müssen in die entsprechende Zeit passen, auch die Sprache der Figuren soll ja authentisch wirken.

"Ich bin Sophie Scholl": besondere Sorgfalt beim Drehbuch

"Heute geht’s los. Ich bin eine Studentin. Mein Geist wird gefüttert, und ich kann endlich meine Fragen loswerden!" Es spricht Sophie Scholl im Mai 1942 - durch ein Medium von 2021. "Ich bin Sophie Scholl" heißt das Social Media-Projekt der ARD, bei dem die Widerstandskämpferin die letzten zehn Monate ihres Lebens in Instagram-Stories schildert. Natürlich steckt hinter dem virtuellen Auftritt der Schauspielerin Luna Wedler ein ausgefeiltes Drehbuch. Die Leipziger Autorin Ira Wedel hat es mitgeschrieben: "Ich habe mich da erst einmal eingearbeitet. Es gibt ganz viele Briefe von ihr, Tagebucheinträge. Man kann ziemlich schnell ein Gefühl für sie bekommen. Was natürlich nicht unbedingt heißt, dass ich dann weiß, wie die damals gesprochen haben. Das kann ich nur erahnen."

Historische Menschen und Sprache modern erzählen

Kinderärztin Ingeborg Rapoport (Nina Kunzendorf, 2. von rechts) und Schwester Arianna (Patricia Meeden) untersuchen den kleinen Werner Simoneit (Hugo Gross) im Beisein seiner Eltern (Anne Kanis, Ulrich Friedrich Brandhoff). © ARD/Stanislav Honzik
Die Serie "Charité" überzeugt mit einer aufwendigen Ausstattung.

Etwas leichter hat es die Drehbuchautorin, wenn es schon Filmmaterial aus der entsprechenden Zeit gibt - oder, wenn sie diese gar noch selbst miterlebt hat: "Mein letztes Projekt in der Art war zum Mauerfall, also 30 Jahre her und meine eigene Jugend. Das ist natürlich ganz dankbar. Weil man sich dann doch erinnert, oder man die Eltern fragen kann. Und man merkt, ob ein bestimmter Ton stimmt oder nicht. Es war sehr interessant, wie stark sich die Sprache verändert hat."

Über die Dialoge in "Babylon Berlin" hat Drehbuchautor Achim von Borries gesagt: "Wenn man die Leute heute so berlinern ließe wie damals üblich, klänge das nach Opas Mottenkiste". Man müsse also "die Sprachmelodie von heute mit den Worten von gestern verbinden".

So sieht das auch Ira Wedel: "Man muss die Menschen ja moderner erzählen. Man muss sie so erzählen, dass sie Anknüpfungspunkte an die heutige Zeit bieten. Und ich glaube, da kann man ein bisschen schrauben. Es ist okay, dass sie ein bisschen lässiger reagieren. Und andererseits gibt es bestimmte Dinge - wann man gesiezt hat, ob man mit Frau oder Fräulein angesprochen wurde -, die müssen einfach total stimmen! Das ist recherchierbar, und dann muss man das auch ordentlich machen."

"Downton Abbey": Korrekte Anrede bei Adelstiteln

So auch in der Serie "Downton Abbey"

"Guten Morgen, Carson. - Guten Morgen, Mylord. - Würden Sie mir bitte helfen? - Ich werde morgen früh zur Stelle sein, Mylady." Dialog aus "Downton Abbey"

Die Anrede muss zur Zeit passen wie der steife Gehrock oder das Korsett der Damen. Da kommt dann die Kostümbildnerin ins Spiel. Sabine Böbbis hat für die umwerfenden 70er-Jahre-Outfits in "Lindenberg! Mach Dein Ding" den deutschen Filmpreis bekommen.

Auch bei ihr beginnt alles mit gründlicher Recherche: "Natürlich ist das Internet ein großer Freund, aber wir müssen auch viele Filme aus der Zeit gucken. Also Sachen, die damals gedreht worden sind. Das ist ein sehr gutes Straßenbild, das sich da bildet. Und Bibliotheken natürlich, Familienalben helfen unglaublich weiter. Ich habe auch Kontakte zu Menschen, die Sammlungen haben."

Tatsächlich gibt es Sammler, die noch Mode oder Original-Uhren aus den Seventies besitzen. Sabine Böbbis geht aber auch in Second Hand-Läden und auf Flohmärkte - "Jagen und Sammeln", wie sie das nennt. Manches Stück, das sie findet, wird dann in den Maßen der Schauspielerinnen und Schauspieler nachgeschneidert - so originalgetreu wie möglich. Darauf legt sie großen Wert: "Man hat natürlich künstlerische Freiheit in den Farben und Formen. Aber wenn man einen historischen Stoff macht, lege ich wahnsinnig viel Wert auf Patina. Dass die Sachen wirklich getragen aussehen und nicht so, als hätte ich die gerade aus dem Katalog bestellt. Und man sollte so nah wie möglich an die Zeit rankommen."

Ausnahme bei "Bridgerton": Dort gewagte Neuinterpretation

Ausnahmen sind natürlich immer erlaubt, sagt sie, wenn das Konzept es hergibt - wie bei der Netflix-Serie "Bridgerton", die im historischen Setting gewagte moderne Interpretationen der Mode von damals präsentiert.

Legendäre Filmfehler in "Fluch der Karibik" und "Gladiator"

Gelacht wird bis heute über legendäre Filmfehler: Die Zahnspange bei einem Kind in "Fluch der Karibik" oder die gedruckten Flugblätter zur Römerzeit in "Gladiator". Eine teure südkoreanische Serie wurde vor Kurzem sogar abgesetzt - wegen historischer Unkorrektheit. Christliche Exorzisten waren da im Korea des 15. Jahrhunderts im Einsatz, und - noch empörender fürs Fernsehpublikum - chinesische Schwerter und Speisen!

Solche Fauxpas sind in Deutschland nicht überliefert. Aber manchmal tut es auch Drehbuchautorin Ira Wedel beim Zuschauen weh: "Oft! Vor allem, wenn es um die DDR geht. Das ist etwas, das ich aus meinem Erfahrungsschatz einfach besser weiß. Da merke ich es sehr, und das stört mich auch."

Wie viel Geld in Kostüme und Kulissen für ein Historiendrama auch fließt, falsche Töne können es eben dann doch kaputt mache.

Weitere Informationen
Achim von Borries (2. v. li.), am Set der dritten Staffel von "Babylon Berlin" mit Volker Bruch, Thorsten Merten, Luc Feith, Rüdiger Klink, Fritz Roth © Frédéric Batier/X Filme Creative Pool/ARD Degeto/WDR/Sky/Beta Film 2019 Foto: Frédéric Batier

"Babylon Berlin": Regisseur von Borries über die 4. Staffel

Die Erfolgsserie "Babylon Berlin" wird fortgesetzt: Ab 2021 soll die 4. Staffel in Berlin gedreht werden. Das sagen die Macher. mehr

Grafik zur Hörspielserie "Der stumme Tod". © Frederic Batier/dpa/WDR Foto: Frederic Batier/dpa/WDR

ARD Hörspielserie: Der stumme Tod

Vor der TV-Premiere der dritten Staffel von "Babylon Berlin" gibt es die Geschichte um Kommissar Gereon Rath als Hörspielserie. Es ist die zweite ARD Hörspielserie nach dem Roman von Volker Kutscher. mehr

Ein junger Mann mit weißem Hut (Brady Jandreau) reitet auf einem Schimmel - Szene aus dem Film "The Rider" von Chloe Zhao © Weltkino Filmverleih GmbH

Mediathek-Tipps: Preisgekrönte Filme und spannende Serien

Spannende Thriller, skurille Komödien, sozialkritische Dramen: In den Mediatheken lassen sich viele außergewöhnliche Filme finden. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 25.05.2021 | 08:55 Uhr

Mehr Kultur

Ein buntes Mosaik aus Einzelbildern von vielen Sängerinnen und Sängern des NDR Chorexperiments © NDR

NDR Chorexperiment: Der Norden singt "Dat Du min Leevsten büst"

Menschen aus ganz Norddeutschland haben dem Volksliedklassiker ihre Stimme gegeben. Das gemeinsame Chorvideo ist jetzt online. mehr