Stand: 22.05.2020 14:50 Uhr  - NDR Kultur

"Drift": Das Meer wurde im Kino noch nie so gezeigt

Drift
, Regie: Helena Wittmann
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Bereits vor einigen Wochen startete der Verleih Grandfilm das Streamingportal "Grandfilm on Demand", das seine Einnahmen während der Corona-Krise solidarisch mit unabhängigen Kinos in Deutschland teilt. Nun ist dort als deutsche Premiere per Stream ein Film der Regisseurin Helena Wittmann zu sehen, die in Hamburg lebt und an der Hochschule für Bildende Künste studiert hat. Der Film "Drift" lief 2017 auf den Filmfestival von Venedig in der Sektion "Semana della Critica". Das New Yorker Moma feierte "Drift" in seiner Reihe "New Directors/New Films". Filmkritikerin Katja Nicodemus hat den Film bei seiner Premiere in Venedig gesehen.

Wie fügte sich der Film damals in das Festival ein?

Katja Nicodemus: Es gibt auf Festivals Filme, bei denen einem die Augen ein bisschen weiter aufgehen, weil man merkt, dass etwas Unerhörtes vorgeht oder etwas nie Gesehenes auf der Leinwand vor sich geht. Helena Wittmanns Film "Drift" - eine Kontemplation über das Meer - ist so ein Film. Ein Wort zum Hintergrund des Filmfestivals, wo ich den Film gesehen habe: In Venedig laufen im Wettbewerb immer viele US-amerikanische Filme, da das Festival im September und damit zu Beginn der Oscar-Saison stattfindet. Man ist also mit viel künstlerisch anspruchsvollem Mainstream-Kino konfrontiert, mit Mainstream-Autoren-Kino.

Bild vergrößern
Eine Reise über den Atlantik steht im Zentrum von Wittmanns Film.

Als ich den Film in der Reihe "Semana della Critica" gesehen habe, da dachte ich spontan, Venedig hat einfach die Chance verpasst, diese junge Hamburger Regisseurin ins große Fenster seines Wettbewerbs zu stellen. Denn dieser Film, in dessen Zentrum eine abgefahrene, eindrückliche Reise über den Atlantik steht, hätte den Filmwettbewerb filmsprachlich anders glänzen lassen. Für "Drift" hätte man gerne einen anderen amerikanischen Film aus dem Wettbewerb werfen können, obwohl es natürlich toll ist, dass der Film dort überhaupt auf dem Festival lief. Der hat dadurch eine gewisse mediale Aufmerksamkeit bekommen.

Worum geht es in "Drift"?

Nicodemus: Die Handlung ist schnell erzählt. Wir sehen zwei Freundinnen, zwei junge Frauen bei einem Ferienaufenthalt an der Nordsee, Strandspaziergänge, Unterhaltungen beim Fischimbiss und dann merken wir, dass es sich wohl um eine Abschiedsreise handelt. Denn zurück in Hamburg, wo die beiden leben, sprechen sie darüber, dass die eine, Josefina, eine Argentinierin, in ihre Heimat zurückkehrt. Die andere, Theresa, eine Deutsche, fliegt in die Karibik, um von dort auf einem Segelschiff Richtung Europa zu segeln.

Bild vergrößern
Der Atlantik spielt im Film eine elementare Rolle.

Der Film ist eine Auseinandersetzung mit Nähe und Ferne - eben mit der Bewegung des Reisens. In seinem Mittelteil befinden wir uns fast eine Stunde lang auf dem Meer. Das Reisen zu Wasser macht uns da die ungeheure Entfernung der Kontinente deutlich. Diese Entfernung wird wieder verwandelt in eine Intimität, wenn die beiden Freundinnen sich per Videoschalte aus ihren Küchen unterhalten, von Hamburg nach Argentinien kaffeekochend zusammen Musik hören, obwohl sie eben Tausende Kilometer voneinander entfernt sind. Wittmanns Bilder des Meeres bleiben einem einfach lange im Kopf.

Was sind das für Meeresbilder, die der Film zeigt? Was macht sie so "verführerisch"?

Nicodemus: Man kann mit Fug und Recht sagen, dass das Meer im Kino noch nie so gezeigt wurde, wie in diesem Film. Die Regisseurin lässt sich mit ihrer Kamera völlig auf das Meer ein. Das Meer ist nicht Hintergrund. Es ist wie eine Person dargestellt mit verschiedenen Launen, Stimmungen und Zuständen. Dieses Meer wird immer aus der Bewegung des Bootes heraus gefilmt. Wir spüren die Wellen unter der Kamera, sozusagen unter unseren Füßen. Dieses Meer leuchtet in allen erdenklichen Blautönen beim Sonnenaufgang oder -Untergang, im Mondlicht schimmernd. In der Schwärze der Nacht sieht es aus, als wäre es fettestes Öl.

Bild vergrößern
Der Film handelt von zwei Freundinnen zwischen Hamburg und Argentinien.

Manchmal ist dieses Meer auch nur ein zarter, blauer Dunst und dann wieder ein mächtiges Rollen. Man sieht die Lichtreflexe der Wellen in der Kabine. Man hat nach diesem Film richtig Lust, Herman Melvilles "Moby Dick" zu lesen, allein um die vielen Seemannsausdrücke für Wellen, Meereszustände, Wetterlagen über dem Ozean zu erfassen. Diese Regisseurin schaut das Meer wirklich so an, wie es noch nie im Kino angeschaut wurde.

Wie würden Sie Helena Wittmann und ihren Film in der deutschen Filmlandschaft einordnen?

Nicodemus: Helena Wittmann hat in Hamburg an der Hochschule für Bildende Künste studiert, nicht an einer klassischen Filmhochschule. Vielleicht hängt damit auch die ungeheure Freiheit ihres Blickes zusammen. Denn in ihrem Kino-Debüt geht es nicht um einen Plot, ums Erzählen mit Worten, nicht um Drehbuchmechaniken, sondern ums Sehen. Es geht um eine Auseinandersetzung mit dem Prozess oder den Vorgang des Sehens selbst.

Bild vergrößern
Bei Wittmanns Film steht die Geschichte im Hintergrund.

In Hamburg hat sie ihr Diplom bei Angela Schanelec gemacht, eine der bedeutendsten deutschen Regisseurinnen. Sie war in Hamburg auch Schanelecs wissenschaftliche Assistentin. Schanelec ist in Deutschland der Regiebewegung der Berliner Schule zuzurechnen, also einer losen Gruppe von Filmemachenden, zu denen auch Christian Petzold, Maren Ade und Thomas Arslan gehören. All diese Regisseure und Regisseurinnen denken und erzählen eher in Bildern als in Storys.

Deren Filme sind geprägt von einer präzisen, lichten Ästhetik von Bildkompositionen, die in Erinnerung bleiben. Da würde ich auch Helena Wittmann und ihren Film "Drift" zuordnen. Die große, deutsche Filmkritikerin Frieda Grafe hat einmal gesagt: Kino beginnt da, wo die Sprache aufhört. Das gilt eben auch für Helena Wittmann.

Drift

Genre:
Experimentalfilm
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Theresa George und Josefina Gill
Regie:
Helena Wittmann
Länge:
97 Min.
FSK:
ohne Altersbeschränkung

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 20.05.2020 | 15:20 Uhr

Mehr Kultur

00:23
Rund um den Michel

Trailer: Urlaub in Hamburg

Rund um den Michel
01:04
NDR Kultur

Who Cares?!

NDR Kultur
35:07
NDR Info