Stand: 01.11.2018 12:10 Uhr

Film über Intimität und die Angst davor

Touch Me Not
, Regie: Adina Pintilie
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Als "rumänischer Nackt-Schocker" bezeichnete die "Berliner Morgenpost" den Film "Touch Me Not", als er im vergangenen Februar im Wettbewerb der Berlinale lief. Die "Bild"-Zeitung schäumte sogar von einer "Sex-Doku". Dann verlieh die Jury unter Vorsitz des Regisseurs Tom Tykwer an Adina Pintilies Film den "Goldenen Bären". Fest steht, dass kein Berlinale-Gewinnerfilm der vergangenen Jahre so hitzig diskutiert wurde wie dieser.

Szene aus dem Film "Touch Me Not" © © Alamode Film 2018

Filmtrailer: "Touch Me Not"

Adina Pintilies Drama "Touch Me Not" passt in die aufgeladenen Diskussionen unserer Zeit und die Suche nach der eigenen Körperlichkeit ohne festlegende Blicke.

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Film sorgt für kontroverse Diskussionen

Es ist möglich, dass die kontroversen Diskussionen um diesen Film mit dem Thema selbst zu tun haben: In laborhaften Tableaus erkundet die Rumänin Adina Pintilie Intimität und die Angst davor. Gleich zu Beginn lässt sie ihre Heldin Laura von der Fremdheit im eigenen Körper sprechen, jenem Körper, den sie nicht richtig kennt.

Laura wird von der britischen Schauspielerin Laura Benson beeindruckend spröde gespielt. Doch unter ihrer Verschlossenheit spürt man die Sehnsucht, eben diese Verschlossenheit und Einsamkeit zu überwinden. Um ihre Angst vor körperlicher Berührung zu erkunden, engagiert sie verschiedene Sexdienstleister: einen Callboy, der vor ihr onaniert, oder auch eine transsexuelle Sex- und Lebenskünstlerin, die ihre Brüste Luli und Gusti nennt.

Therapeuten versprechen Hilfe

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Die Regisseurin Adina Pintilie hat mit ihrem Film den "Goldenen Bären" gewonnen.

Adina Pintilies Heldin wirkt gefangen in den unsichtbaren Wänden, die ihren Körper umgeben. Sie ist aber auch auf faszinierende Weise frei im Blick auf sich selbst, auf ihre Ängste und Abgründe. Ihre Wege führen sie zu einer Gruppentherapiesitzung, in der Behinderte und Nichtbehinderte lernen, einander zu berühren.

Ein Teilnehmer der Gruppe ist der an spinaler Atrophie erkrankte Christian Bayerlein. Seine Zähne stehen hervor, seine Mundwinkel sind von Speichel benetzt. Bayerleins Therapiepartner wird dazu aufgefordert, das Gesicht seines Gegenübers zu berühren. In Gesprächen mit Bayerlein wird deutlich, dass er sich in seinem gebrechlichen, von der Krankheit verformten Körper wohlfühlt, dass er stolz ist auf seine Sexualität. Laura hingegen muss zunächst einmal erfahren, wie groß ihre Angst vor Berührung ist. Etwa bei einer Sitzung mit einem Spezialisten für S/M und andere Rollenspiele.

Während man diesen Film schaut und der Selbstexpedition der Heldin folgt, merkt man, wie sich der eigene Blick wandelt. Konstruktionen des Schönen und Hässlichen verschwimmen. Weshalb ist der Blick auf das Nichtnormative unangenehm? Ist Bayerleins behinderter Körper tatsächlich behindert? Steht Lauras Abneigung gegen Berührungen für eine Asexualität, die sich genauso erfüllt leben lässt wie ihr Gegenteil?

Schauspieler und Laiendarsteller spielen zusammen

"Touch Me Not" wurde mit Laien und Schauspielern gedreht, er ist zusammengesetzt aus fiktionalen, autobiografischen, dokumentarischen Elementen. Manchmal stört die Penetranz, mit der Adina Pintilie auch den Betrachter zum therapeutischen Gruppenziel führt, etwa wenn sie von einem Bildschirm aus mit ihrer Heldin über deren Entwicklung diskutiert.

Dann wieder gelingt es dem Film abzuheben. Etwa wenn sich die Schauspieler und Nichtschauspieler in einer Art Swingerclub begegnen, einem fantasmagorischen Raum, in dem Körper einfach Körper sind. "Touch Me Not" passt in die aufgeladenen Diskussionen unserer Zeit und setzt sie aus anderer Perspektive fort: als zwingende, von innen kommende Suche nach einer Körperlichkeit jenseits der festgelegten und festlegenden Blicke.

Touch Me Not

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2018
Produktionsland:
Rumänien, Deutschland, Tschechische Republik, Bulgarien, Frankreich
Zusatzinfo:
mit Laura Benson, Tomas Lemarquis, Christian Bayerlein
Regie:
Adina Pintilie
Länge:
125 Minuten
FSK:
ab 16 Jahren
Kinostart:
1. November 2018

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 01.11.2018 | 07:20 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/film/Drama-Touch-Me-Not,touchmenot108.html

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